Pharmazeutische Zeitung online
Wochenendworkshop

Aus der Praxis, für die Praxis

28.09.2010  10:21 Uhr

Von Christina Hohmann und Sven Siebenand, Lübeck / Rund 250 Teilnehmer kamen am vergangenen Wochenende in die Hansestadt Lübeck zum Wochenendworkshop Patient & Pharmazeutische Betreuung. In Vorträgen und Seminaren konnten sie viele Tipps für die Praxis mit nach Hause nehmen.

»Ihre Teilnahme ist der Beweis für Ihr Engagement«, zeigte sich der Präsident der Apothekerkammer Schleswig-Holstein, Gerd Ehmen, sichtlich erfreut, dass so viele Kollegen der Einladung in den hohen Norden gefolgt waren. »Dieses große Interesse an Themen der pharmazeutischen Betreuung und Fortbildung allgemein sollte den politischen Entscheidungsträgern und auch den Redakteuren von Plusminus nachhaltig deutlich machen, dass in öffentlichen Apotheken Arzneimittel nicht mal eben so über den Tresen geschoben werden, sondern dass der Patient und dessen Beratung und Betreuung im Mittelpunkt unseres Handelns und Interesses stehen«, so Ehmen. Er verwies zudem darauf, dass die öffentlichen Apotheken auch eine sehr wichtige soziale Plattform, vor allem für ältere Menschen, darstellen.

 

Die Priscus-Liste

 

Der ältere Mensch stand auch im Mittelpunkt des ersten Plenarvortrages. Apothekerin Stefanie Holt stellte darin die Priscus-Liste, eine Aufstellung potenziell inadäquater Wirkstoffe im Alter, vor. Der Anteil der älteren Menschen in der Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen und wird vermutlich weiter ansteigen, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie der Universität Witten/Herdecke. Im Jahr 2060 werde Schätzungen zufolge rund jeder dritte Bürger 65 Jahre und älter sein, jeder Siebte sogar älter als 80 Jahre. Zunehmendes Alter steht im Zusammenhang mit Multimorbidität und Polypharmazie.

Laut Arzneiverordnungs-Report 2009 werden zwei Drittel aller GKV-Fertig­arzneimittel an Versicherte, die mindes­tens 60 Jahre alt sind, abgegeben. Das bleibt nicht ohne Folgen. »Alte Men­schen erleiden mehr unerwünschte Arz­neimittelereignisse als jüngere, insbe­sondere Menschen in Alten- und Pflege­heimen haben ein besonders hohes Risiko dafür«, fasste die Referen­tin Studienergebnisse zusammen. Grund dafür seien zum Beispiel physiologische Verän­derungen, die Pharmakokinetik und -dynamik von Wirkstoffen beeinflus­sen. »Wenig Evidenz zu geeigneter und ungeeigneter Arzneimittelthera­pie im Alter«, brachte Holt ein weiteres Pro­blem auf den Punkt. So waren im Jahr 2000 nur bei 3,5  Prozent aller rando­mi­sierten kontrollierten Studien ältere Menschen eingeschlossen. Für die Erstellung der im August 2010 veröffentlichten Priscus-Liste wurde wegen fehlender Daten die sogenannte Delphi-Methode eingesetzt, eine Informationsgewinnung bei Experten mithilfe von Fragebögen.

 

Die Idee für so eine Liste ist nicht neu. Zum Beispiel in den USA, Kanada und Frankreich gibt es sie bereits, jedoch waren die internationalen Listen aufgrund eines unterschiedlichen Verschreibungsverhaltens, unterschiedlicher Therapieempfehlungen und unterschiedlicher Arzneimittelzulassungen nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar. »Etwa die Hälfte der Medikamente auf den nordamerikanischen Listen ist in Deutschland gar nicht im Handel«, sagte Holt. An der Erstellung des deutschen Pendants, der Priscus-Liste (frei abrufbar unter www.priscus.net), waren insgesamt 27 Experten aus acht verschiedenen Fachrichtungen (unter anderem auch der Pharmazie) beteiligt. Insgesamt stehen 83 für Senioren potenziell inadäquate Wirkstoffe auf dieser Liste. Holt machte jedoch klar, dass es sich dabei nicht ausschließlich um eine Negativliste handelt. Denn sie nennt bei riskanten Arzneimitteln auch mögliche unbedenkliche Alternativen. Für den Fall, dass ein problematischer Wirkstoff doch zum Einsatz kommen muss, nennen die Autoren geeignete Maßnahmen zum Schutz der Senioren.

Wie sieht es mit der Prävalenz von »Priscus-Arzneistoffen« bei älteren Menschen in Deutschland aus? Eine Untersuchung bei 545 Patienten zeigte, dass mehr als 20 Prozent von ihnen mindestens ein potenziell ungeeignetes Medikament erhielten, knapp 9 Prozent sogar zwei oder mehr davon. »Untersuchungen in Altenheimen zeigen, dass sogar mehr als 40 Prozent der Bewohner mindestens ein solches Medikament einnehmen«, so Holt. Die Liste könne Ärzten und Apothekern zur Unterstützung bei der individuellen Therapieentscheidung dienen. Wichtig sei, dass die Liste ständig aktualisiert werde. In nächster Zeit solle die Praxistauglichkeit der Liste überprüft werden. Auch die Erstellung einer Top-Ten-Liste und die Überprüfung der Inhalte in einer klinischen Studie kann sich die Apothekerin als weitere Schritte vorstellen.

 

Regeln der Kommunikation

 

Im Berufsalltag von Apothekenmitarbeitern spielt die Kommunikation eine wichtige Rolle. Sie müssen im Beratungsgespräch komplexe Inhalte vermitteln, dabei verbindlich sein und den Patienten überzeugen. »Es gibt immer drei Ebenen, drei Wirkungsfaktoren, über die man kommuniziert«, sagte Peter Edwin Brandt, Unternehmensberater und Rhetoriktrainer aus Tübingen. Der erste Wirkungsfaktor ist der Inhalt, die Wortwahl, »das, was man sagt«, verdeutlichte Brandt. Der zweite ist die Sprechweise und der Tonfall. Als dritten Wirkungsfaktor nannte er die Körpersprache und die Mimik. »Um überzeugend zu wirken, sollten diese drei Wirkungsfaktoren kongruent sein«, sagte Brandt. »Das, was ich sage, sollte mit dem, wie ich es sage, übereinstimmen.« Dies würde im Regelfall auch so erfolgen. Aber zum Beispiel in Stresssituationen könne man inkongruent werden. Dann würde der Inhalt des Gesagten nicht mehr mit dem Ausdruck der Körpersprache übereinstimmen. Unbewusst könnten Zeichen wie Stirnrunzeln, Erröten, Seufzen oder Zurücktreten auftreten, während man eigentlich versucht, eine Situation zu beruhigen. »Die Körpersprache ist der Faktor, der sich am stärksten der bewussten Kontrolle entzieht«, sagte Brandt. Das Problem dabei sei, dass bei Inkongruenz die Körpersprache den Inhalt überwiege. Trotz der beruhigenden Worte würde der Patient in solchen Situationen die Nervosität wahrnehmen und sich beunruhigt fühlen. Daher sei es hilfreich, wenn man sich verstärkt mit der eigenen Körpersprache auseinandersetze und sich diese in Stresssituationen bewusst mache.

Beim Inhalt und der Wortwahl sei es wichtig, dass sie »hirngerecht« seien, dass sie auf die Struktur des Gehirns eingehen. Die beiden Hirnhälften hätten nämlich bekanntermaßen unterschied­liche Aufgaben, erklärte der Rhetoriktrai­ner. Während die linke für Analytik, Zahlen und Fakten zuständig sei, wäre die rechte auf Bilder und Emotionen spezialisiert. Für die Verständlichkeit in der Kommunikation ist es wichtig, mög­lichst beide Hirnhälften anzusprechen. Dies könnte im Beratungsgespräch erreicht werden, indem man Beispiele nennt, in Bildern spricht und die Körpersprache unterstützend einsetzt.

 

Zu vermeiden seien dabei Verneinungen, sagte Brandt. »Die rechte Hirnhälfte kennt keine Verneinung.« Wenn der Apotheker im Beratungsgespräch sage, das Medikament habe keine unangenehmen Nebenwirkungen, entstehe im Gehirn des Patienten automatisch ein Bild von unangenehmen Nebenwirkungen. Besser sei daher generell eine positive Formulierung wie »Das Medikament ist gut verträglich«. Ein wichtiger Grundsatz sei auch, zielorientiert statt problemorientiert zu formulieren. Statt »Das haben wir nicht vorrätig« zu sagen, könnte der Apotheker fragen: »Darf ich es Ihnen bestellen?«. Brandt riet den Apothekenmitarbeitern, die in Beratungsgesprächen häufig verwendeten Formulierungen im Teamgespräch zu überprüfen und eventuell positive, zielorientierte Alternativen zu suchen. /

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