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Selektive Verträge

Experten bleiben skeptisch

22.09.2008
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Selektive Verträge

Experten bleiben skeptisch

Von Werner Kurzlechner

 

Auf dem Wunschzettel für die Integrierte Versorgung ist kaum noch Platz: Ein Ökonom will Selektivverträge auch im Kliniksektor, Verbraucher fordern eine Art Stiftung Warentest, Krankenkassen weiterhin Geld für den Einstieg. Doch die Politik verteilt keine Geschenke.

 

Höchst selten gestehen Ökonomen eigene Ratlosigkeit ein. Professor Dr. Jürgen Wasem, Lehrstuhlinhaber für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, tat vergangene Woche genau das. »Etwas depressiv« stimmten ihn Gedanken an ein schlüssiges Vergütungssystem für stationäre Regelleistungen. »Mir ist bis jetzt kein schlauer Mechanismus eingefallen«, gab Wasem zu.

 

Gleichwohl beschränkt sich die Ratlosigkeit des Ökonomen auf diesen einzelnen Punkt. So plädierte er dafür, den Krankenkassen den Einstieg in Selektivverträge auch mit Kliniken zu ermöglichen. Zur Diskussion über Fluch und Segen solcher Vertragsformen hatte der Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) eingeladen. Verschiedene Beiträge machten deutlich, dass es für eine Bilanz noch zu früh ist.

 

Selbstverständlich kamen die Vorgänge auf höchster politischer Ebene zur Sprache: Die vom Land Bayern im Verbund mit Hausärzten durchgesetzte Überarbeitung von § 73 b SGB V, der die Kassen zu Verträgen mit von Hausärzten dominierten Gemeinschaften zwingen soll. Die Experten auf dem Podium machten aus ihrem Unmut darüber keinen Hehl. Wasem sprach von einem »krassen Schritt in die falsche Richtung«. Franz Knieps, Abteilungsleiter Gesundheitsversorgung im Bundesgesundheitsministerium, bemerkte, dass hier mehr Erpressung als Konzept im Spiel sei - aber so funktioniere eben Politik. Und eben auch so, dass sich bis zur kommenden Legislaturperiode gesundheitspolitisch nicht mehr allzu viel ereignen dürfte. »Annahmeschluss war schon«, kommentierte Knieps die von Seiten des Gastgebers vorgetragenen Wünsche an die Politik. Der AOK-Vorstandvorsitzende Dr. Hans Jürgen Ahrens hatte unter anderem dafür plädiert, die auslaufende Anschubfinanzierung von einem Prozent der Gesamtvergütung ambulanter und stationärer Leistungen für die Integrierte Versorgung für Selektivvertragsmodelle zu verlängern. Knieps konnte ihm da wenig Hoffnung machen.

 

Hoher organisatorischer Aufwand

 

Inwieweit sich die Vertragsmodelle in der Praxis bewähren, erscheint fraglich. Steffen Bohm, Leiter des Bereichs Ärzte bei der AOK Berlin, machte in seinem Referat vor allem deutlich, dass in einer Millionenstadt erst einmal ein immens hoher organisatorischer Aufwand zu bewältigen ist. Vor drei Jahren im Nordosten der Hauptstadt gestartet, hat die Kasse ihre Aktivitäten inzwischen auf ganz Berlin ausgedehnt und für 9000 chronisch Kranke ein Netz unter anderem aus 84 Hausärzten, 96 Fachärzten und sieben ambulanten Pflegediensten gespannt. Gelungen ist es laut Bohm, die Ausgaben für Krankenhausaufenthalte etwas zu senken. Dafür gebe man allerdings deutlich mehr Geld für Arzneimittel aus. Ein Problem bleibe die »erhebliche rechtliche Unsicherheit« bei der Auswahl der Partner, also ob und wie Ausschreibungen vonnöten seien.

 

Gisela Daul von der AOK Baden-Württemberg nannte für das seit November 2005 in einer ländlichen Region laufende Programm »Gesundes Kinzigtal« auf den ersten Blick positive Zahlen: 53 Prozent der Versicherten über 60 Jahren seien ebenso mit im Boot wie die Hälfte der Ärzte und 80\ Prozent der Apotheken. Allerdings liegt die Kasse dennoch deutlich unter ihren internen Zielvorgaben. 29 Versicherte nehmen etwa am Programmteil »Rauchfreies Kinzigtal« teil, 160 strebt die AOK an.

 

Ob sich das Projekt aus Sicht der Kasse rechnet? »Ich werde die Antwort schuldig bleiben müssen«, so Daul. Einerseits könnten Einsparungen in Höhe von 7 Prozent des Budgets machbar sein. Andererseits zeige sich erst im kommenden Jahr, ob sich das Programm weiterführen lasse. Von einer Ausweitung eines solchen Modells sei in Baden-Württemberg momentan nicht auszugehen, so Daul.

 

Ein optimistischeres Bild zeichnete der Psychiater Dr. Matthias Walle von einem integrierten psychiatrischen Versorgungsnetz in der Region Hemmoor bei Bremerhaven. Hier profitieren auch die Patienten erkennbar davon, außerhalb der Krankenhäuser adäquat versorgt zu sein. So gab sich auch Dr. Stefan Etgeton vom Bundesverband der Verbraucherzentralen offen für mehr Wettbewerb in der Versorgung. »Wichtig ist aber, dass Patienten nicht zum Spielball des Verdrängungswettbewerbs werden.« Im Moment herrsche eine sich verschärfende Verwirrung vor ob der Unübersichtlichkeit der Angebote. Etgeton schlug eine unabhängige Test- und Bewertungsstelle vor: »Wir brauchen hier so etwas wie die Stiftung Warentest.«

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