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Adjuvans MF59

Ein Wirkverstärker für Impfstoffe

07.09.2009
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Adjuvanzien

Adjuvanzien wurden ursprünglich in den 1920er-Jahren von Gaston Ramon, einem französischen Tierarzt am Pasteur-Institut in Paris identifiziert. Er stellte fest, dass seine Impfstoffe unter Zugabe bestimmter Substanzen im Vergleich zu den üblichen Formulierungen bei Tieren eine stärkere Immunreaktion hervorriefen. Ramon nannte diese Substanzen »Adjuvanzien« nach dem lateinischen Wort »adjuvare« (helfen). Sie wurden ein unverzichtbarer Bestandteil von Impfstoffen gegen Krankheiten wie Hepatitis, Meningitis oder Tollwut. Wie Ramon schnell feststellte, bestand ein Problem darin, dass ausschließlich Aluminiumsalze für die Anwendung beim Menschen als sicher galten, aber diese Adjuvanzien nicht immer zu einer optimal verstärkten Immunreaktion führten. Trotz intensiver Bemühungen, wirksamere Alternativen zu finden, wurde bis zur Entwicklung von MF59 in den 19990er-Jahren kein neues Adjuvans entdeckt.

In diesem Jahr ist, aufgrund der Schweinegrippe-Pandemie, die vorbeugende Impfung gegen die saisonale Influenza nach Ansicht des Experten wichtiger denn je. »Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Influenza-A-Virusstämme birgt zunehmend die Gefahr, dass es zu einer Vermischung der Erbinformationen der Erreger kommt und ein neuer, möglicherweise hochpathogener Virussubtyp entsteht, der leicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist«, warnte Wutzler. Er forderte, die Impfstoffe weiter zu verbessern. Das könne zum Beispiel durch neue Applikationsformen (etwa die intradermale Injektion, siehe dazu Saisonale Grippe: Intradermaler Impfstoff für Generation 60+, PZ 27/2009) oder durch Antigenitäts-verstärkende Adjuvanzien wie MF59 (MF= Mikrofluidisierung) geschehen.

 

Wirkmechanismus von MF59

 

»Mit dem Impfstoff Fluad®, der als Adjuvans die Squalen-in-Wasser Emulsion MF59 enthält, steht bereits seit 1997 ein saisonaler Impfstoff zur Verfügung, der in der EU bisher zur Anwendung bei Personen ab 65 Jahren zugelassen ist«, informierte Dr. Olaf Zent von Novartis Behring, Marburg. Der Mediziner erläuterte, dass MF59 dafür sorgt, dass nach der Impfung wichtige, immunkompetente Zellen verstärkt an die Impfstelle gelockt und Mediatoren freigesetzt werden, die zur Einwanderung weiterer Immunzellen führen. Die Folge davon ist, dass das Impfantigen effizienter aufgenommen und zu den Lymphknoten transportiert wird. Wird das Antigen verstärkt in den Lymphknoten präsentiert, führt dies zur verstärkten Aktivierung von T- und B-Zellen und als Folge zur Produktion einer größeren Menge an Antikörpern. So kann der Wirkverstärker MF59 dazu beitragen, bei der immunschwächeren Generation der Über-65-Jährigen, die auf Standard-Impfstoffe nicht optimal anspricht, einen besseren Schutz vor der Virusgrippe zu erzielen. Zent stellte klinische Studien vor, die belegen, dass im Vergleich zu nichtadjuvierten Impfstoffen mit einer Fluad-Impfung signifikant höhere Antikörpertiter gegen Influenzaviren erreicht wurden.

 

Wie Wutzler wies auch Zent darauf hin, dass Influenzaviren dazu neigen, ihre Antigenstruktur ständig zu variieren. Da die WHO jeweils im Frühjahr die Virenstämme für die Herstellung der Impfstoffe für die kommende Grippesaison bekannt gibt, kann es vorkommen, dass bis zum Einsetzen der Grippewelle im folgenden Winter bereits Varianten von Influenzaviren entstanden sind, die sich von den Impfstämmen unterscheiden. »Die MF59-adjuvierte Vakzine erzeugt nachweislich eine höhere Seroprotektion gegen solche gedrifteten Influenza-Stämme als Standard-impfstoffe«, so Zent. Der breitere serologische Schutz gegen Driftvarianten sei vielfach nachgewiesen.

 

Zulassungserweiterung angestrebt

 

Neben älteren Menschen könnten in Zukunft auch weitere Gruppen von einer adjuvierten Immunisierung profitieren, deren Immunsystem weniger leistungsfähig ist. Zent zufolge haben Studienergebnisse gezeigt, dass Fluad bei Erwachsenen (18 bis 60 Jahre) mit chronischen Erkrankungen wie Asthma, COPD und Diabetes höhere Antikörpertiter induziert als ein konventioneller Grippeimpfstoff. Zudem hätten erste klinische Studienergebnisse gezeigt, dass der MF59-adjuvierte Impfstoff auch bei Kindern verträglich ist und das Potenzial hat, diese besser vor Influenza zu schützen. »Eine Zulassung bei Kindern beziehungsweise eine Ausweitung der bestehenden Zulassung auf Personen unter 65 Jahre wird angestrebt, steht aber noch aus«, stellte Zent klar.

 

MF59 in Pandemie-Impfstoffen

 

Im Juli 2009 hat die WHO die Empfehlung ausgesprochen, Öl-in-Wasser adjuvierte pandemische Influenzaimpfstoffe zu produzieren. Aufgrund der Vorteile des Adjuvans MF59 in Influenzaimpfstoffen werden auch die neuen, derzeit in Entwicklung beziehungsweise in Registrierung befindlichen pandemischen H1N1-Influenzaimpfstoffe von Novartis Behring mit diesem Adjuvans versehen. Angesichts der Erfahrungen aus klinischen Studien, die mit dem präpandemischen, MF59-adjuvierten Impfstoffkandidaten vorliegen, kann Zent zufolge erwartet werden, dass MF59-adjuvierte H1N1-Impfstoffe einen hohen und breiten Impfschutz aufweisen werden. Durch den Einsatz von MF59 werde für eine effektive Immunantwort eine geringere Antigenmenge bei pandemischen Impfstoffen benötigt. Zudem könne bei einer leichten Veränderung der Viren ein breiterer Impfschutz gegen Driftvarianten erreicht werden. Zents Fazit: »Dadurch können schneller mehr Menschen vor pandemischer Grippe geschützt werden.«

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