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TNF-Blocker lindern Nervenschmerzen bei Gürtelrose

06.09.2017
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TNF-Blocker lindern Nervenschmerzen bei Gürtelrose

Von Annette Mende / Brasilianische Forscher haben möglicherweise einen neuen Ansatz zur Schmerzlinderung bei Gürtelrose (Herpes zoster) identifiziert.

 

Die Wissenschaftler um Jaqueline R. Silva von der Universität São Paulo fanden in Versuchen mit Mäusen ­heraus, dass das aus der Rheumato­logie bekannte Zytokin Tumornekrosefaktor (TNF) entscheidend zur Überempfindlichkeit der sensiblen Nerven bei der Viruserkrankung beiträgt.

 

Ebenfalls an der Schmerzentstehung beteiligt ist der Kaliumkanal Kir4.1 auf Mantelzellen. Diese werden auch als Satellitenzellen bezeichnet und sind Teil des Hüll- und Stützgewebes peripherer Nervenzellen. TNF-Blocker oder Kir4.1-Modulatoren könnten sich daher zur Behandlung der Zoster-assoziierten Neuralgie eignen, schreiben die Autoren im »Journal of Neuroscience« (DOI: 10.1523/JNEUROSCI.2233-16.2017).

 

Neuralgie seltener

 

Anlass für die Studie war die Beobachtung, dass Patienten, die aufgrund einer chronischen Entzündung mit ­einem TNF-Blocker behandelt werden, seltener eine postherpetische Neuralgie entwickeln als unbehandelte Personen. Den zugrundeliegenden Mechanismus untersuchten die Forscher an Mäusen, die sie mit dem Herpes-simplex-Virus (HSV) infizierten. Mäuse sind gegen den Gürtelrose-Erreger Varicella-zoster-Virus (VSV) immun, HSV-Infektionen führen aber zu schmerzhaften Hautläsionen, die denen von Pa­tienten mit Gürtelrose entsprechen.

 

Eine Gürtelrose entsteht, wenn VSV, die nach einer durchgemachten Windpocken-Erkrankung in Nervenganglien schlummern, reaktiviert werden. Wie die Forscher herausfanden, infiltrieren in dieser Situation Immunzellen, hauptsächlich Makrophagen und Neutro­phile, das Nervengewebe und setzen Zytokine frei, darunter TNF. TNF bindet an den Rezeptor TNFR1 auf Mantelzellen, was die Expression des Kalium­kanals Kir4.1 reduziert. Über Kir4.1 strömt Kalium normalerweise nach ­einer Depolarisation der Nervenzelle zurück ins Zellinnere. Sind weniger Kir4.1-Kanäle vorhanden, steigt die ex­trazelluläre Kaliumkonzentration und das Neuron wird übererregbar.

 

Bei Versuchsmäusen führten diese Vorgänge zu einer erhöhten Druckschmerz-Empfindlichkeit, die durch die Gabe von TNF-Blockern aufgehoben wurde. Genetisch veränderte Tiere, ­denen der TNFR1 fehlte, reagierten auf die Virusinfektion mit weniger Schmerz als Mäuse ohne diese Genmodifikation.

 

»Momentan werden Nervenschmerzen bei Gürtelrose üblicherweise mit Corticosteroiden behandelt«, sagt ­Arbeitsgruppenleiter und Seniorautor Professor Dr. Thiago Cunha in einer Pressemitteilung der Universität. Damit ­ließen sich zwar die Symptome bekämpfen, die immunsuppressive Wirkung der Steroide könne jedoch die Kontrolle der Infektion erschweren. TNF-Blocker wirkten möglicherweise gezielter und könnten deshalb effektiver sein. Ebenfalls infrage kämen Kir4.1-Modulatoren. »Mit dem Muskelrelaxans und GABAB-Rezeptor-Agonist Baclo­fen ist bereits ein indirekter Kir4.1-Modulator auf dem Markt«, so Cunha. Dieser Arzneistoff sei »eine Alternative, die sich zu testen lohnt«. /

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