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Tierversuche

Forschende Firmen fördern Alternativen

06.09.2011
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Von Martina Janning, Berlin / Arzneimittelhersteller sollen erst alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen, bevor sie Medikamente an Tieren testen. Doch ganz ohne die Hilfe von Mäusen, Ratten oder Kaninchen wird es auch in Zukunft nicht gehen.

Jedes Arzneimittel, das in den vergangenen Jahrzehnten eine Zulassung bekam, wurde mithilfe von Tierversuchen entwickelt, resümiert der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). »Tierversuche sind wie ein Airbag. Sie können Menschen nicht vor jedem Schaden bewahren, aber sie fangen viele Gefahren ab«, sagte der VFA-Geschäftsführer für Forschung, Entwicklung und Innovation, Dr. Siegfried Throm, vorige Woche in Berlin bei einem Pressegespräch. Anlass war die Verleihung des ersten Berliner Forschungspreises für Alternativen zu Tierversuchen.

 

Weniger Tierexperimente – auch aus Kostengründen

 

Der VFA stiftete das Preisgeld von 15 000 Euro für die Auszeichnung, die das Ministerium für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Berlin zum ersten Mal verlieh. Auch »auf absehbare Zeit wird es bei der Entwicklung von Medikamenten ohne Tierversuche nicht gehen«, sagte Throm. Doch nach dem Willen des VFA sollen es weniger Tierversuche werden, und die Belastungen für die Tiere soll sinken. Das hat ethische Gründe, aber auch finanzielle. »Tiere sind teuer in der Pflege, weil sie zum Beispiel auch am Wochenende gefüttert werden müssen«, so Throm.

Um Tierversuche zu vermeiden, folgen die forschenden Arzneimittelhersteller der sogenannten 3-R-Regel. Die drei R stehen für »Reduce«, »Refine« und »Replace« und bedeuten das Verringern der Zahl der benötigten Tiere, das Optimieren der angewandten Methoden, damit die Tiere weniger belastend sind, und den Ersatz von Tierversuchen durch alternative Methoden. Nach der 3-R-Regel dürfen Pharmafirmen Tiere nur verwenden, wenn es keine Alternative gibt. Dann müssen sie so wenige Tiere wie möglich einsetzen. Und schließlich haben sie für Versuche die am niedrigsten entwickelte Art zu wählen und den Tieren Schmerz zu ersparen oder ihn zu lindern.

 

Computersimulationen ersparen Tieren Leid

 

Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, Tierversuche zu ersetzen. Dazu zählen Simulationen am Computer, bildgebende Verfahren und In-Vitro-Studien. Um die Gefahr von Missbildungen zu testen, kämen inzwischen Fischembryonen zum Einsatz und nicht mehr trächtige Ratten und Kaninchen, berichtete Throm. Auch um Infektions- und Infusionslösungen auszuprobieren, seien Kaninchen heutzutage tabu. Menschliche Blutzellen ersetzten die Versuche an den Tieren bei der Überprüfung auf fiebererzeugende Stoffe.

Beim Entwickeln von Arzneimitteln sollen alternative Methoden die erste Wahl sein. Erst danach folgen Tierversuche. Um das Testen an Tieren von den Behörden genehmigt zu bekommen, muss der Versuchsleiter schriftlich begründen, weshalb sich das angestrebte Ziel nur mit einem Tierversuch erreichen lässt, und dass keine Alternativmethoden zur Verfügung stehen. Dennoch ist die Zahl der Tierversuche in Deutschland hoch. Die aktuellsten Daten stammen aus dem Jahr 2009. Hierfür weist der Tierschutzbericht der Bundesregierung insgesamt mehr als 2,78 Millionen Versuche an Wirbeltieren aus. Das waren über 961 000 mehr als im Jahr 2000.

 

Der Anteil der pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie an den Tierversuchen schwankte in der jüngeren Vergangenheit. 2004 betrug er zum Beispiel rund 888 000, im Jahr 2009 über 1,04 Millionen. Das waren 1,2 Prozent oder 12 782 Tiere mehr als im Jahr 2008.

 

Von 2007 auf 2008 stieg die Zahl der Versuchstiere allerdings um 12,67 Prozent oder 130 484 Tiere. In diesen Daten nicht enthalten sind die zahlreichen Tierversuche in der biologischen Grundlagenforschung: Hier setzten Wissenschaftler allein in Jahr 2009 rund 917 000 Wirbeltiere ein. Über 24 700 weitere Wirbeltiere dienten 2009 zur Diagnose von Krankheiten.

 

Genforschung erhöht Zahl der Experimente

 

Ein Grund für den Anstieg der Versuchstierzahlen sei die Möglichkeit, an transgenen Tieren zu forschen. Bei ihnen schalten Wissenschaftler einzelne Gene aus, um Krankheiten zu erforschen. Von 2008 auf 2009 wuchs ihr Anteil um 13,4 Prozent – bei nur 3,5 Prozent Steigerung bei den Versuchstieren insgesamt. 82 Prozent der Versuchstiere in der pharmazeutischen Industrie sind Mäuse und Ratten. /

Forschungspreis

Den ersten Berliner Forschungspreis für Alternativen zu Tierversuchen bekam Dr. Andreas Hocke für seine Arbeit »Etablierung und Fortentwicklung eines humanen Lungengewebe-Infektionsmodells zur Reduktion und zum Ersatz von Tierversuchen in Maus-Pneumonie-Modellen«. Die Auszeichnung ist mit 15 000 Euro dotiert.

 

Einen Sonderpreis erhielt die Lise-Meitner-Schule für die Arbeit »Umsetzung eines 3T3 Phototoxizitätstests mit Hypericin unter Schulbedingungen zur Ergänzung der Fachpraxis in der Ausbildung zum biologisch-technischen Assistenten«.

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