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RLS

Wenn Ruhe halten zur Qual wird

01.09.2008  11:54 Uhr

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Wenn Ruhe halten zur Qual wird

Von Nicole Schuster

 

Über Beine, die ständig in Bewegung sein wollen, klagen viele Betroffene mit Restless-Legs-Syndrom (RLS). Nachts sind die Beschwerden noch größer, sodass an einen erholsamen Schlaf kaum zu denken ist. Anti-Parkinsonmittel können die Ruhe in den Gliedmaßen wieder herstellen. 

 

Das Restless-Legs-Syndrom (RLS), das Syndrom der ruhelosen Beine, ist eine anerkannte neurologische Störung, die weiter verbreitet ist, als oft angenommen. Bis zu 10 Prozent der Bevölkerung leiden darunter. Ob Patienten dauerhaft Arzneimittel einnehmen müssen, hängt vom individuellen Leidensdruck ab, insbesondere davon, wie stark die Schlafstörungen und der Bewegungsdrang ausgeprägt sind.

 

Jeder Patient beschreibt seine Symptome anders, was die Diagnose erschwert. Manche sprechen von einem Ziepen oder Zucken in den Beinen, andere von einem kribbligen »Ameisenlaufen« und einige von einem inneren Reißen. Auch stechende oder krampfartige Schmerzen werden beschrieben. Abends und nachts wird es meist schlimmer, also immer dann, wenn der Körper in Ruhe ist. Typisch ist, dass die Beschwerden bei Bewegung nachlassen, was Erkrankte dazu veranlassen kann, nächtelang auf den Beinen zu bleiben. Ein erholsamer Schlaf bleibt dabei auf der Strecke. Der andauernde Schlafmangel führt zu Symptomen wie Tagesmüdigkeit, Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwäche. Schlafprobleme sind daher häufig der Grund, weshalb RLS-Patienten erstmalig einen Arzt aufsuchen.

 

Eine weitere häufige Begleitstörung sind periodische Beinbewegungen im Schlaf (Periodic Limb Movements, PLMS), deren sich der Patient oft nicht bewusst ist, die aber trotzdem seinen Schlaf empfindlich stören. Neue Studien zeigen, dass auch Depressionen und Angststörungen vermehrt bei RLS-Patienten auftreten. Viele Patienten fühlen sich zudem unverstanden von ihren Mitmenschen und ziehen sich zunehmend zurück. All das führt dazu, dass die Lebensqualität merklich zurückgeht.

 

Ursachen noch ungeklärt

 

Wodurch das primäre RLS genau ausgelöst wird, ist nicht endgültig geklärt. Bildgebende Verfahren deuten auf eine Störung des zentralen dopaminergen Systems hin. Noch unklar ist, ob dem eine Veränderung bestimmter Gehirnregionen wie der Substantia nigra zugrunde liegt oder ob die Veränderungen im Dopamin-System nur Folge des RLS sind.

 

Bisher sind vier Risiko-Gene entdeckt worden, eines davon kürzlich (siehe dazu Kasten). Diese Gene begünstigen das familiär gehäuft auftretende, idiopathische RLS, bei dem keine auslösende Grunderkrankung diagnostiziert werden kann. Damit es zum Ausbruch der Krankheit kommt, müssen nach Meinung der Forscher noch weitere Risikofaktoren gegeben sein.

Neues RLS-Risiko-Gen gefunden

Wissenschaftler am Münchener Helmholtz Zentrum haben ein neues Risiko-Gen für das Restless-Legs-Syndrom entdeckt. Das Gen kodiert für die Protein-Tyrosin-Phosphatase-Rezeptor-Typ-Delta (PTPRD), die eine wichtige Rolle im motorischen System spielt. Dies berichtet die Arbeitsgruppe um Juliane Winkelmann und Thomas Meitinger im Fachmagazin Nature Genetics (Doi: 101038/ng.190).

 

Die Forscher untersuchten die Genom-Sequenzen von 2458 RLS-Patienten und verglichen sie mit denen von 4749 gesunden Probanden. Dabei fielen ihnen Varianten im PTPRD-Gen auf, die vermehrt bei den RLS-Menschen auftraten. Das entsprechende Protein ist an der Impulsweiterleitung an den Nerven beteiligt. Es sorgt dafür, dass Nervenfortsätze den korrekten Weg zu den Motorneuronen finden. Damit spielt auch das neu gefundene Gen PTPRD wie die drei bereits bekannten Risiko-Gene MEIS1, BTBD9 und LBXCOR1 eine wichtige Rolle in der frühen embryonalen Entwicklung des zentralen Nervensystems.

Neben dem primären RLS gibt es noch das sekundäre oder symptomatische RLS, welches unter anderem durch Eisenmangel, Schilddrüsenfunktionsstörungen, eine dialysepflichtige Niereninsuffizienz oder eine Schwangerschaft ausgelöst werden kann. Auch die Einnahme bestimmter Pharmaka, unter anderem von trizyklischen Antidepressiva oder Neuroleptika wie Haloperidol und Olanzapin kann die Beschwerden verursachen.

 

Therapie abhängig vom Leidensdruck

 

Damit ein RLS diagnostiziert wird, müssen vier Grundsymptome vorliegen. Zu diesen gehört, dass ein Bewegungsdrang der Beine oft mit sensiblen Störungen (1) verstärkt in Ruhe (2) sowie verstärkt abends und nachts (3) auftritt und sich durch Bewegung bessert (4). Zur Diagnose des idiopathischen RLS gehören zudem neurologische Tests und Blutuntersuchungen. Dadurch soll ein sekundäres RLS mit entsprechenden zugrunde liegenden Erkrankungen ausgeschlossen werden. Der richtige Facharzt für Betroffene ist der Neurologe.

 

Zur Behandlung haben sich Anti-Parkinsonmittel, insbesondere L-Dopa und Dopaminagonisten, bewährt. Diese führen in der Regel sofort zu einer deutlichen Besserung. Sie wirken wie der körpereigene Botenstoff Dopamin und beeinflussen die Übertragung von Nervenimpulsen. Dopaminagonisten helfen bei einem mittelschweren bis schweren RLS, wenn die Beschwerden auch tagsüber auftreten. Des Weiteren haben sie sich bei einer schon länger andauernden L-Dopa-Behandlung als günstig erwiesen. Wirken die dopaminergen Stoffe nur unzureichend oder treten starke Nebenwirkungen auf, kann ein zusätzlicher Therapieversuch mit Opiaten (zum Beispiel Oxycodon) oder kurz bis mittellang wirksamen Benzodiazepinen in Erwägung gezogen werden.

 

Bislang sind nur wenige Wirkstoffe für RLS in Deutschland zugelassen. Klassisch ist die Therapie mit L-Dopa in Kombination mit Benserazid (Restex®). Außerdem liegen Studiendaten zu den Dopaminagonisten Ropinirol (Adartrel®) und Pramipexol (Sifrol®) vor. Beide Substanzen haben seit 2006 eine Zulassung zur Behandlung des mittelschweren und schweren RLS in Deutschland. Im Juni dieses Jahres hat die Firma Axxonis Pharma einen Zulassungsantrag für ein Lisurid-Pflaster (Nenad®) bei der EMEA eingereicht. Dieses soll bei Parkinson und RLS eingesetzt werden. Lisurid ist als Dopaminagonist entwickelt worden, welcher kontinuierlich für eine dopaminerge Stimulation sorgt. Das Pflaster wirkt über den nicht invasiven Transport des Arzneistoffs durch die Haut. Beim RLS wird ein (in schweren Fällen zwei) Pflaster mit einer Größe von 10 cm2 an jedem zweiten Morgen aufgeklebt, wodurch sich auch die Symptome tagsüber bessern. Ein Pflaster mit einer Größe von 10 cm2 gibt pro Stunde jeweils 2,5 mg Lisurid ab.

 

In einigen Fällen kann eine hochdosierte, intravenöse Gabe von Eisen helfen. Dies zeigt unter anderem eine Studie aus Schweden (Läkartidningen, 49/2005, 102). Als nicht-medikamentöse Maßnahmen empfehlen sich eine verbesserte Schlafhygiene, leichter Sport, Massagen oder Magnesiumgaben.

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