Pharmazeutische Zeitung online
Rauschdroge Cannabis

Konsum birgt große Risiken

25.08.2015
Datenschutz bei der PZ

Von Christina Müller / Der Konsum von Cannabis als Rauschdroge ist weit verbreitet, aber illegal. Über eine Legalisierung wird derzeit in Deutschland diskutiert. Doch wie schädlich ist der Gebrauch tatsächlich? Über die gesundheitlichen Auswirkungen gibt eine australische Metaanalyse Auskunft, die die Literatur der vergangenen 20 Jahre zusammenfasst.

Cannabis ist die am häufigsten konsumierte illegale Substanz in Deutschland. Nach Angaben der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hatten 2011 rund 40 Prozent der 18- bis 25-Jährigen bereits mindestens einmal in ihrem Leben Erfahrungen mit der psychotropen Pflanze gemacht. Auf politischer Ebene wird die Legalisierung von Cannabis derzeit rege diskutiert und auch auf dem Arzneimittelsektor ist die Nutzung zu therapeutischen Zwecken immer wieder ein Thema (lesen Sie dazu auch Zur Diskussion gestellt: Cannabis als Arzneidroge – ist das moderne Pharmazie?).

Die möglichen Konsequenzen des regelmäßigen oder auch einmaligen Gebrauchs der Rauschdroge Cannabis sind jedoch vielfältig und nicht zu unterschätzen. Professor Dr. Wayne Hall von der Queensland University in Herston, Australien, veröffentlichte dazu 2014 im Fachjournal »Addiction« eine Metaanalyse (DOI: 10.1111/add.12703). Er berücksichtigte darin die Studien­ergebnisse der letzten 20 Jahre und zog einen Vergleich zu einer Metaanalyse aus dem Jahr 1993. Unter anderem flossen Daten zur körperlichen und geistigen Gesundheit, zum Abhängigkeitspotenzial, zum Gebrauch in der Schwangerschaft sowie zum Bildungsniveau der Konsumenten ein.

 

Das Gedächtnis leidet

 

Einen besonderen Schwerpunkt setzte Hall bei den kognitiven und mentalen Auswirkungen des Cannabisgebrauchs. Die Ergebnisse der Studien seit 1993 deuteten durchweg auf Einschränkungen der Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Sprachfähigkeit bei regelmäßigen Konsumenten hin, so Hall. Dabei sei das Ausmaß häufig, aber nicht immer mit der Dauer und Frequenz der Anwendung verknüpft gewesen. Offen bliebe zudem, ob diese Effekte nach jahrelangem Cannabiskonsum vollständig reversibel sind oder nicht.

 

Hall hob in diesem Zusammenhang ein Langzeitprojekt aus Dunedin hervor. Die longitudinale Kohortenstudie umfasst 1037 Menschen, die in den Jahren 1972 und 1973 in der neuseeländischen Kleinstadt geboren wurden. Seitdem erheben Wissenschaftler in regelmäßigen Abständen den körperlichen und geistigen Gesundheitsstatus der Probanden. Bei jenen Teilnehmern, die als Heranwachsende mit dem Gebrauch von Cannabis begonnen hatten, beobachteten die Forscher einen Rückgang des intellektuellen Leistungsvermögens um im Durchschnitt 8 IQ (Intelligenzquotient)-Punkte.

Dabei sind laut Hall zwei Dinge zu beachten. Erstens wurde die Minderung des IQ nur bei Personen festgestellt, die in ihrer Jugend mit dem Konsum begonnen hatten und bis ins Erwachsenenalter hinein täglich Cannabis rauchten. Zweitens sei die Abnahme des IQ um 8 Punkte keineswegs trivial: Die Betroffenen wiesen im Vergleich zu den anderen Teilnehmern umgerechnet eine geistige Leistungsfähigkeit von lediglich 70 Prozent auf.

 

Zu den Bildungschancen jugendlicher Cannabiskonsumenten seien die Studienergebnisse weniger aussagekräftig, so Hall. In einer Metaanalyse dreier australischer beziehungsweise neuseeländischer Langzeitstudien habe sich gezeigt, dass die Rate der Probanden mit Schulabschluss geringer war, je früher diese begonnen hatten, Cannabis zu rauchen. Eine australische Zwillingsstudie stellte diese Erkenntnis jedoch infrage und assoziierte einen frühen Schulabbruch eher mit genetischen Einflüssen und Umweltfaktoren.

 

Risiko für Psychosen

 

Eindeutiger sind die Daten zur Schizophrenie. Zwei schwedische Studien belegen einen klaren Zusammenhang des Cannabiskonsums mit der Entstehung von Schizophrenien. Bei 50.465 männ­lichen Schweden, die über 15 Jahre beobachtet wurden, zeichnete sich unter jenen Teilnehmern, die mit 18 Jahren bereits zehn Mal oder häufiger Cannabis geraucht hatten, ein mehr als doppelt so großes Risiko ab, an einer Schizo­phrenie zu erkranken, als bei abstinenten Probanden. Die zweite Studie ergab, dass etwa 13 Prozent der Schizophrenie-Fälle zu vermeiden gewesen wären, wenn die Patienten auf den Gebrauch von Cannabis verzichtet hätten.

 

Ob Cannabis süchtig macht, ist umstritten. Für Hall ist das Suchtpotenzial der Droge jedoch belegt. Einer von zehn Anwendern entwickele klare Zeichen einer Abhängigkeit nach Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM). Zu den Kriterien zählen unter anderem eine verminderte Kontrolle über den Gebrauch einer Substanz sowie Schwierigkeiten beim Verzicht auf den Konsum. Im Vergleich dazu liegt das Risiko, eine Sucht zu entwickeln, bei etwa 32 Prozent für Nicotin, 23 Prozent für Heroin, 17 Prozent für Kokain, 15 Prozent für Alkohol und 11 Prozent für Stimulanzien. Bei Patienten, die aufgrund ihres Cannabis­gebrauchs medizinische Hilfe in Anspruch nahmen, traten laut Hall klassische Entzugssymptome wie Angst, Schlaflosigkeit, Depressionen und Appetitstörungen auf. Diese ließen sich in einer Studie durch die Gabe des Cannabisextrakt-haltigen Präparats Sativex® deutlich lindern.

 

Beigebrauch von Tabak

 

Die Datenlage zu Atemwegserkrankungen bei Cannabiskonsumenten bewertet Hall dagegen als unklar. Grund sei vor allem, dass zwischen den Folgen des Cannabisgebrauchs und den Effekten des Tabakrauchens kaum differenziert werden könne. Eindeutig seien jedoch die Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System: Eine Stunde nach dem Cannabiskonsum sei die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu erleiden, um das Vierfache erhöht. Zwar sei das Risiko für ältere Anwender am höchsten, aber auch junge Menschen mit eventuell noch nicht diagnostizierten, kardiovaskulären Vorerkrankungen seien gefährdet. Todesfälle aufgrund von Herzversagen, Schlaganfall und Herzinfarkt sind bekannt. In der Literatur sei aber kein Todesfall durch Überdosierung beschrieben. Die auf Basis von Tierexperimenten berechnete Dosis hierfür würde für Menschen zwischen 15 und 70 g Cannabis betragen.

Ein Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von Cannabis und der Entstehung von Lungenkrebs ist zwar laut Hall aufgrund des Beigebrauchs von Tabak nicht eindeutig zu belegen, eine Fall-Kontroll-Studie weise jedoch auf ein zwei- bis dreifach höheres Risiko für die Entwicklung von Hodenkrebs hin. Untersucht wurden 369 Hodenkrebs-Patienten sowie 979 gleichaltrige gesunde Probanden. Dabei kamen die Autoren zu dem Ergebnis, dass besonders Männer gefährdet waren, die in ihrer Jugend mit dem Cannabisrauchen begonnen hatten und dies mehr als einmal wöchentlich taten.

 

In Tierstudien hatten sich 1993 Hinweise darauf ergeben, dass die Anwendung von Cannabis in der Schwangerschaft Wachstumsverzögerungen und Missbildungen beim Kind hervorrufen könnte. Epidemiologische Studien konnten diesen Zusammenhang beim Menschen jedoch nicht bestätigen. Zwar wiesen die Neugeborenen ein geringeres Gewicht auf als die Kinder von Frauen, die auf den Gebrauch von Cannabis in der Schwangerschaft verzichtet hatten. Ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko ließ sich jedoch nicht nachweisen. In anderen Studien wurden allerdings bei Kindern von Frauen mit einem aus­geprägten Cannabiskonsum in der Schwangerschaft verminderte Gedächtnisleistungen, sprachliche Schwie­rigkeiten und auffälliges Verhalten beobachtet. Eine Studie belegte in diesem Zusammenhang eine geringere schulische Leistungsfähigkeit der betroffenen Kinder im Alter von 14 Jahren.

 

Die epidemiologische Literatur der letzten 20 Jahre zeigt klare Assoziationen zwischen dem regelmäßigen Gebrauch von Cannabis und der Entstehung psychischer Störungen sowie akuter kardiovaskuläre Ereignisse, fasst Hall zusammen. Die mögliche Entwicklung von Abhängigkeiten sieht er als belegt an. Die Auswirkungen des Cannabiskonsums auf den Atemtrakt blieben jedoch unklar. /

Unfallgefahr

Wer unter Einfluss von Cannabis ein Fahrzeug führt, verdoppelt sein Risiko, in einen Autounfall verwickelt zu werden. Das belegen verschiedene epidemiologische Studien. Gründe sind vermutlich die verlängerte Reaktionszeit und eine Beeinträchtigung der Koordination. Allerdings gleichen Cannabiskonsumenten diese Effekte zum Teil aus, indem sie schlichtweg langsamer fahren. Zum Vergleich: Autofahren unter Alkohol­einfluss geht mit einem 6- bis 15-fach erhöhten Unfallrisiko einher.

Mehr von Avoxa