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Ebola

Dämpfen Statine die Immunantwort?

20.08.2014
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Von Daniela Biermann und Manfred Schubert-Zsilavecz / Da es noch keine geprüften Medikamente gegen Ebola gibt und die Mengen experimenteller Substanzen gering sind, schlagen nun einige Wissenschaftler vor, weit verbreitete und gut verträgliche Medikamente versuchsweise einzusetzen. Statine scheinen dabei die erste Wahl zu sein.

Statine , ACE-Hemmer und AT1-Blocker können zwar das Ebola-Virus nicht hemmen, sie sollen jedoch den Schaden einer überschießenden Immun­reaktion mindern, postulieren Forscher um Dr. David Fedson, ehemaliger Impfstoffentwickler bei Sanofi-Pasteur-MSD. Ein entsprechender Vorschlag soll vergangene Woche laut dem Onlineportal »Science Insider« an rund 80 Wissenschaftler sowie die Welt­gesundheitsorganisation WHO gegangen sein. Dabei stützen sich Fedson und Mitunterzeichner auf Studien mit diesen Arzneistoffen bei bakterieller Sepsis und Influenza.

 

So hatte eine Metaanalyse im »Journal of Critical Care« 2010 gezeigt, dass Patienten, die Statine einnahmen, ein um 60 Prozent geringeres Risiko hatten, bei einer Sepsis zu versterben (doi: 10.1016/j.jcrc.2010.02.013). In der randomisierten, doppelblinden ASEPSIS-Studie, die 2012 in »Critical Care« erschien, konnten Wissenschaftler sogar direkt zeigen, dass Atorvastatin bei Patienten mit Sepsis die Rate schwerer Fälle mindert (doi: 10.1186/cc11895). Von den 100 Teilnehmern nahm die Erkrankung bei 24 Prozent unter Placebo einen schweren Verlauf gegenüber 4 Prozent unter Atorvastatin.

 

Gefäßprotektive Wirkung

 

Die kanadischen Autoren des Reviews machen für den möglichen Erfolg der Statine die vielfältigen Effekte dieser Wirkstoffe verantwortlich. So hemmen Statine nicht nur die für die Cholesterol-Synthese wichtige HMG-CoA-Reduktase. In vitro verstärken sie die Expression der endothelialen Stickstoffmonoxid-Synthase und bessern dadurch die endotheliale Dysfunktion bei Sepsis, wirken also gefäßprotektiv. Auch bei Ebola werden die Gefäßwände durchlässiger durch die Immunantwort auf den Erreger, sodass es zu den gefürchteten Blutungen (Hämorrhagien) kommt. Angestoßen wird die erhöhte Permeabilität durch proinflammatorische Zytokine. Deren Produktion könnten Statine unterdrücken, so eine Vermutung. Zudem wirken sie antiapoptotisch und antioxidativ, allerdings auch antithrombotisch. Das ist bei Sepsis, die mit einer erhöhten Blutgerinnungsneigung einhergeht, vorteilhaft, könnte sich jedoch bei Ebola nachteilig auswirken.

 

Für einen Therapieversuch spricht, dass Statine im Allgemeinen gut verträglich, kostengünstig und schnell in großen Mengen beschaffbar sind. Dagegen spricht aus Sicht des Ebola-Forschers Professor Dr. Thomas Geisbert von der Universität Texas, dass die Arzneistoffe nicht einmal in Tierversuchen bei Affen gezeigt haben, dass sie die Überlebenschancen bei einer Ebola-Infektion steigern. Er habe zahlreiche Substanzen im Regal, die bei Nagetieren mit Ebola erfolgreich waren, aber schon bei Primaten versagten, sagte Geisbert »Science Insider«. Dieses Kriterium sollten gegen Ebola eingesetzte Medikamente jedoch zumindest erfüllen. Er setzt daher eher auf die experimentellen Substanzen und Impfstoffe, an deren Entwicklung er beteiligt ist. Der Einsatz immunmodulierender Mittel bei Ebola sei höchst risikoreich.

 

»Science Insider« zufolge wird die WHO derzeit von gut gemeinten Therapie-Ideen gegen Ebola überschwemmt. Es fehlten Kapazitäten, darunter ernst zu nehmende Vorschläge herauszufiltern. /

Lage verschärft sich

Die offiziellen Infektions- und Todeszahlen der aktuellen Ebola-Epidemie in Westafrika steigen weiter. Anfang der Woche hatten die Behörden 1229 Todesfälle registriert, von denen 760 eindeutig Folge einer Ebola- Infektion waren; bei den restlichen bestehe ein begründeter Verdacht, so die WHO. Das tatsächliche Ausmaß der Epidemie ist vermutlich noch um einiges größer. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) geht davon aus, dass die Epidemie noch mindestens sechs Monate andauern wird. Angst und Panik regieren vielerorts, medizinisches Hilfspersonal stirbt oder flüchtet, Lebensmittel werden knapp. Die Helfer könnten nicht mit der sich stetig verschlechternden Lage mithalten, sagte MSF-Präsidentin Joanne Liu und forderte dringend eine neue Strategie der internationalen Gemeinschaft.

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