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Interview

Sachverstand entlarvt Schwindelpräparate

24.08.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler / Immer wieder verlangen Kunden in der Apotheke Präparate, die laut Werbung hervorragende Effekte haben sollen. Häufig steht der Preis in umgekehrter Relation zum nachgewiesenen Nutzen. Der Präsident der Landesapothekerkammer Thüringen, Ronald Schreiber, warnt vor der Abgabe von »Schwindelprodukten«.

PZ: Die Kammer hat eine Sonderinformation zu sogenannten Schwindelprodukten herausgegeben. Brauchen die Apotheker eine Handlungsanweisung, wie sie auf Kundenwünsche reagieren sollen?

 

Schreiber: Wir haben keineswegs eine Handlungsanweisung entwickelt, der Begriff Handlungshilfe ist sicher zutreffender. Gerade bei den fragwürdigen Produkten werden Kundenwünsche oft sehr bestimmt vorgetragen, und da braucht ein Apotheker sicher Überzeugungskraft und vor allem gute Argumente. Und genau die wollen wir mit unserer Information liefern.

PZ: Warum sind Nicht-Arzneimittel, die sich mit blumigen Heilsversprechen schmücken, überhaupt gefährlich?

 

Schreiber: Nahrungsergänzungsmittel und Diätetika gelten als Lebensmittel, das heißt überspitzt gesagt, sie sollen in erster Linie satt und nicht gesund machen. Das wiederum können Arzneimittel. Produkte, die das angeblich auch können, aber keine Arzneimittel sind, sollten stets kritisch überprüft werden. Sie können den Patienten dazu verleiten, die Anwendung seiner eigentlichen Medikamente zu vernachlässigen oder notwendige Therapien zu verzögern. Und das ist gefährlich.

 

PZ: Woran kann das pharmazeutische Personal fragwürdige Präparate erkennen?

 

Schreiber: Die fehlende Zulassung ist der stärkste Indikator für fragwürdige Präparate. Aber auch die Quelle, aus der der Kunde seine Information bezieht, gibt einen Hinweis. Neueste Erkenntnisse der Wissenschaft werden üblicherweise nicht in Illustrierten publiziert. Und die Werbung mit neuesten Studienergebnissen ist eher als Hinweis auf ein Schwindelprodukt denn als Beweis der Wirksamkeit zu werten. Von den Studien, die in den Werbeanzeigen erwähnt werden, ist meist nicht allzu viel zu halten. Nur weil ein Mittel den Blutzucker von Ratten senkt, heißt das nicht, dass es die Diabetestherapie beim Menschen revolutioniert.

Hintergrund

Die Sonderinformation der Landesapothekerkammer Thüringen »Schwindelprodukte – nur echt macht gesund!« ist Teil der Kampagne »Beratung ist die beste Medizin« und kann unter info(at)lakt.de angefordert werden. An die Öffentlichkeit richtet sich die Kampagne im I­nternet unter www.beratung-ist-die-beste-medizin.de; hier gibt es ­auch einen »Schwindel-Schnelltest«.

PZ: Ist die Pharmazentralnummer kein Beleg für Glaubwürdigkeit?

 

Schreiber: Nein, leider nicht. Die PZN ist eine Registriernummer, die hinterlegten Daten bestimmt allein der Inverkehrbringer. Eine Prüfung auf Plausibilität oder Wahrheitsgehalt findet nicht statt. Vielmehr kann die PZN genutzt werden, um sicherzustellen, dass der Patient wirklich nach dem »richtigen« Produkt fragt, denn der Registrier-Code ist natürlich eindeutig zugeordnet.

 

PZ: Was empfehlen Sie den Kollegen für das Kundengespräch, wenn sie das gewünschte Produkt als Nonsens identifizieren? Sollen sie die Abgabe verweigern?

 

Schreiber: Die Empfehlung ist leicht, die Praxis ungleich schwerer. Der Kunde verbindet natürlich eine Erwartung, vielleicht sogar Hoffnung mit der Anwendung. Zerstört die Apotheke diese Hoffnung, nehmen manche Kunden dies richtig übel. Hier sind Einfühlungsvermögen und Überzeugungskraft gefragt. Aber der Einsatz lohnt sich – in erster Linie für den Patienten, auf lange Sicht auch für die Apotheke. Ich warne vor der Meinung, der Patient müsse wissen, was er tut. Wäre das so, bräuchte er die Apotheke nicht.

 

PZ: Ihre Botschaft an die Apotheker?

 

Schreiber: Behörden und Ämter können Schwindelprodukte nicht verhindern, das können nur die Apotheken mit ihrem Fachwissen. Die Anbieter sind in der Regel viel zu gerissen, um sich einen unrechtmäßigen Vertrieb nachweisen zu lassen. Juristisch ist diesen Produkten meist nicht beizukommen, wohl aber mit Sachverstand. Diesen sollten Apotheken zeigen. / 

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