Pharmazeutische Zeitung online
Hochschulporträt

Die Frankfurter Pharmazieschule

24.08.2010
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Von Sven Siebenand / Das Erbe, das eine neue Generation pharmazeutischer Hochschullehrer in den 1990er-Jahren antrat, war enorm. Die Professoren Mutschler, Oelschläger, Schneider und Thoma gelten als Leitfiguren der deutschen Pharmazie und haben auch außerhalb der Szene einen Namen. Wie diese Tradition gezielt fortgesetzt wird und was es mit der »Frankfurter Pharmazieschule« auf sich hat, steht im dritten Teil der PZ-Reihe »Hochschulporträt«.

»Wir sind stark, weil wir im Team als Pharmazie auftreten«, sagt Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz vom Institut für Pharmazeutische Chemie und Vizepräsident der Goethe-Universität. Man lege Wert darauf, dass sich das Fach trotz der großen fachlichen Komplexität als Ganzes präsentiert und sich nicht einzelne Teildisziplinen auf Kosten anderer profilieren. Drei Aktivitäten, nämlich hervorragende Forschung, exzellente Lehre und eine überproportionale Kommunikation pharmazeutischer Themen nennt Schubert-Zsilavecz als die drei wichtigsten Merkmale der Pharmazie in Frankfurt am Main.

»Wir sehen die akademisch-pharmazeutische Ausbildung lediglich als die sehr wichtige Basis für eine anspruchsvolle berufliche Tätigkeit nach dem Studium«, sagt Professor Dr. Theo Dingermann vom Institut für Pharmazeutische Biologie. Das sei auch ein Grund, wes­halb sich die Frankfurter Hoch­schullehrer überproportional an Fort- und Weiterbildungsveran­staltungen beteiligen.

 

Dabei kommen auch neue Mög­lichkeiten, Hilfsmittel und For­mate zum Einsatz. Ein Bei­spiel gefällig? Gemeinsam mit dem Dekan des Fachberei­chs für Chemie, Biochemie und Phar­mazie, dem Pharmazeuten Profes­sor Dr. Dieter Steinhilber, hält Dingermann (auch vor Laienpublikum) Vorträge wie »Joe Cocker und die Überwindung der Sucht«, »Elvis Presley und das metabolische Syndrom« oder »Freddie Mercury – ein Leben mit Aids«. Die Musik kommt von der CD, die Fakten von den Professoren.

 

Das Forschungsprofil

 

Das besondere Forschungsprofil wurde wiederholt von verschiedenen externen Evaluatoren bescheinigt. Am bekanntesten ist sicher das CHE-Ranking. Basis für die gute Benotung sind beispielgebend organisierte nationale wie internationale Graduiertenschulen, die eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geforderte strukturierte Ausbildung garantieren. Hinzu kommt, dass die Frankfurter Pharmazie eine überproportional hohe Zahl an Promotionsstipendien vorhält, die unter anderem von der DFG, der Else-Kröner-Stiftung sowie der lokalen pharmazeutischen Industrie bereitgestellt werden. Daraus resultiert eine sehr große Zahl von Promotionen in der Pharmazie. »Etwa die Hälfte aller naturwissenschaftlichen Promotionen an der Goethe-Universität erfolgen an unserem Fachbereich«, informiert Schubert-Zsilavecz.

Steckbrief Goethe-Universität

Die Goethe-Universität war zum Zeitpunkt ihrer Gründung im Jahre 1914 ein Unikat. Sie war die erste Stiftungsuniversität Deutschlands, also eine rein aus privaten Mitteln finanzierte Universität. Mit mehr als 37 000 Studierenden gehört die Universität heute zu den zehn größten Hochschulen in Deutschland. An ihr lehren und forschen mehr als 600  Professoren, 16  Fachbereiche bieten 170 Studiengänge an. Am Fachbereich Biochemie, Chemie und Pharmazie lehren und forschen derzeit fast 40  Hochschullehrer. Sie werden von 215  Mitarbeitern unterstützt und bilden mehr als 1500 Studierende sowie 500  Doktoranden und Postdoktoranden in den Studiengängen Pharmazie, Chemie, Biochemie und Lebensmittelchemie aus. Pro Semester werden derzeit zwischen 70 und 75 Pharmaziestudenten immatrikuliert, im Wintersemester 2010/2011 werden es, auch infolge der G8-Reform, fast 90 sein. Der Fachbereich ist am Campus Riedberg der Universität im Norden Frankfurts lokalisiert.

Gut ein Drittel dieser Doktoranden seien Pharmazeuten beziehungsweise Apotheker. Pro Jahr schließen damit etwa 30 Apotheker ihre Promotion in Frankfurt ab. »Damit sind wir mengenmäßig die Nummer eins in Deutschland«, ergänzt Steinhilber. Als wichtige Grundlage dafür nennen die Professoren, dass in den strukturierten Programmen meist fachübergreifend Betreuerteams gebildet werden. Besonders gut sei man in Frankfurt zum Beispiel mit den Medizinern verzahnt, so Steinhilber. Es gebe sogar ein gemeinsames Graduiertenkolleg. Ergebnis dieser Maßnahmen sei, dass die Frankfurter Pharmazie ein willkommener Kooperationspartner in etlichen Verbundforschungsprojekten ist, zum Beispiel im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes, dem Loewe-Programm des Landes Hessen sowie von EU-Projekten und von vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsverbünden.

 

Das Lehrkonzept

 

»Die akademische Lehre in Frankfurt ist äußerst serviceorientiert«, sagt Dingermann. Das Studium sei über eine stetig aktualisierte Homepage transparent organisiert, und wer in Frankfurt lernen will, finde hier sehr gute Bedingungen vor. Das kann auch Otto Quintus Russe bestätigen, der selbst in Frankfurt studiert hat und dort nun auch promoviert. Russe hebt zum Beispiel das gute Betreuungsverhältnis und die vielen Extra-Veranstaltungen hervor. So wird den Studierenden des vierten Semesters zur Vorbereitung auf ihr Erstes Staatsexamen eine einwöchige Sommer- und Winterschule geboten. Die Studierenden des siebten und achten Semesters bekommen die Gelegenheit, den Übergang von der akademischen Ausbildung zur berufsbegleitenden Fortbildung kennenzulernen, indem sie für einige Tage am Pharmacon Meran teilnehmen können. Ab kommendem Jahr ist zudem eine Fahrt zum Pharmacon Davos möglich. Auch Christian Grunwitz könnte bei dieser Premiere dann dabei sein. Der Student im siebten Semester fühlt sich gut vorbereitet auf die Zeit nach dem Studium. »Uns wird hier beigebracht, die Kompetenzen als Pharmazeuten nicht zu unterschätzen, aber auch nicht zu überschätzen«, sagt Grunwitz. Lobend hebt auch er das gute Betreuungsverhältnis hervor und dass »die Türen immer offen seien«. Sehr hilfreich findet Grunwitz zudem, dass neue didaktische Möglichkeiten, wie ein stärkeres Einbinden der Studierenden in die Vorlesungen und Seminare mithilfe eines elektronischen Abstimmungssystems (TED-Systems) und E-Learning-Angeboten ins Studium integriert sind. Zudem werden Vorlesungen teilweise aufgezeichnet und stehen als Podcast zur Verfügung. »Das TED-System ist besonders für schwächere Studenten, die sich nicht trauen nachzufragen, ein tolles Instrument, um den eigenen Wissensstand zu überprüfen«, meint Grunwitz.

Die genannten Aktivitäten werden offenbar auch von außen wahrgenommen. Dies dokumentieren renommierte Preise für exzellente Lehre. So wurde Dingermann im vergangenen Jahr zum Professor des Jahres in der Kategorie Naturwissenschaften/Medizin gewählt. Für ihn ist es übrigens auch eine Selbstverständlichkeit, dass sich alle Hochschullehrer von Studierenden evaluieren lassen. Das gehöre zur Professionalität einfach dazu. Die Evaluationsbögen werden zentral ausgewertet. »Wir nehmen die Ergebnisse wahr und können dann entsprechend darauf reagieren, um uns weiter zu verbessern«, sagt Dingermann. Grunwitz bestätigt, dass die Evaluation von den Studierenden insgesamt als gute Gelegenheit angesehen wird, auf die Qualität der Lehre Einfluss zu nehmen.

 

Einen Einfluss nehmen können Pharmaziestudierende in Frankfurt übrigens auch auf die Auswahl ihrer Kommilitonen. Denn als einziger Pharmaziestandort in Deutschland nimmt Frankfurt die Gelegenheit wahr, sich an der Auswahl seiner Studierenden zu beteiligen, indem zu jedem Semester mehr als 200 Bewerber zu Auswahlgesprächen nach Frankfurt einladen werden. Etwa 60 Prozent der Erstsemestler kommen durch ein Auswahlgespräch nach Frankfurt, nur 40 Prozent über das »normale« ZVS-Verfahren. Pro Kandidat nimmt man sich in den Einzelgesprächen etwa 20 bis 30 Minuten Zeit. Anwesend ist auch ein Vertreter der Studierenden. Bei den Gesprächen wird kein Fachwissen abgefragt, sondern vor allem die Motivation der potenziellen Erstsemestler eruiert.

Das Gespräch führt zu einer Modifizie­rung der Abiturnote. Diese wird halbiert und dann zur halbierten Note aus dem Auswahlgespräch addiert. Ein Beispiel: Ein Kandidat mit einer Abi-Note von 2,6 und einer 1 im Auswahlgespräch verbes­sert sich so auf 1,8. »Wir erstellen eine neue Ranking-Liste, die dann zurück an die ZVS geht«, fasst Dingermann das Prozedere zusammen. Insgesamt seien 200 Einzelgespräche natürlich ein »Riesen-Aufwand«, der sich jedoch lohne. Auch Grunwitz kann bestätigen, dass die Auswahlgespräche sinnvoll sind. Seiner Meinung nach sind die »Auserwählten« nicht nur meistens motivierter, auch der Großteil der Leistungsstärksten in seinem Semester sei erst durch ein Auswahlgespräch zu einem Studienplatz in Frankfurt gekommen.

 

Die Öffnung nach außen

 

Der Wahrnehmung von außen messen die Frankfurter Hochschullehrer eine große Bedeutung bei. »Die Pharmazie hat sich in der Vergangenheit viel zu sehr versteckt, sowohl in den Universitäten als auch in der Gesellschaft«, sagt Dingermann. »Dadurch wurde die Pharmazie zu einer Randdisziplin, eine gefährliche Situation in Zeiten immer begrenzter verfügbarer Ressourcen.« Um dem entgegenzuwirken, sind Frankfurter Pharmazeuten in vielen universitären und überregionalen Gremien vertreten. So sind die Sprecher des wissenschaftlichen Beirats der Bundesapothekerkammer und der Hessischen Pharmazeutischen Fortbildungsakademie Hochschullehrer aus Frankfurt. Als Biotechnologiebeauftragter des Landes Hessen berät ein Hochschullehrer die Politik und als Leiter des Zentrallaboratoriums Deutscher Apotheker führt ein anderer ein außeruniversitäres Institut. »Regelmäßige Wortmeldungen in Fach- und Publikumsmedien sowie ein großes Engagement bei der Vermittlung komplexer pharmazeutischer Zusammenhänge auch vor einem Laienpublikum runden die hohe öffentliche Präsenz der Frankfurter Pharmazie ab«, so Dingermann. / 

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