Pharmazeutische Zeitung online
Arzneimittelmarkt

Der andere Pillenknick

16.08.2017
Datenschutz bei der PZ

Von Hannelore Gießen / Das Vertrauen in Arzneimittel hat aus Sicht von Professor Fritz Sörgel in den vergangenen Jahren deutlich gelitten. Der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg sieht dafür eine ganze Reihe von Gründen. Apotheker bleiben für die Patienten demnach aber wichtige Experten.

Seit etwa Mitte der Siebzigerjahre sinke das Ansehen des Arzneimittels, nachdem es zuvor sehr geachtet und geschätzt wurde, erläuterte der Pharmakologe im Gespräch mit der PZ. Damals sei Deutschland auch als Apotheke der Welt bezeichnet worden. 

 

Eine Ursache sieht Sörgel in den immer häufigeren Lieferengpässen, die bei der Bevölkerung ein Gefühl der Unsicherheit schafften. Noch mehr hätten aber gefälschte Medikamente und die umfangreiche Berichterstattung in den Medien darüber das Vertrauen in Arzneimittel untergraben. Schließlich könnten Fälschungen jeden betreffen.

 

Für Europa und die USA schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zwar, dass nur bis zu 1 Prozent der auf dem Markt befindlichen Arzneimittel Fälschungen sind. Aber bei jährlich 1,4 Milliarden verkauften Arzneimitteln in Deutschland ergibt auch 1 Prozent eine beachtliche Zahl. Die Dunkelziffer dürfte zudem hoch sein, vermutet Sörgel. Der Zoll finde immer wieder gefälschte Arzneimittel und im Doping eingesetzte Substanzen, doch stoße er dabei an Kapazitätsgrenzen. Nur ein geringer Teil der gefälschten Ware werde wohl entdeckt.

 

Mehr Fälschungen

 

Tatsächlich hat die Arzneimittelkriminalität stark zugenommen. Gefälscht werden nahezu alle Arzneimittel, vor allem aus dem Lifestyle-Bereich. Für deutsche Firmen seien Fälschungen derzeit wohl kein Thema, sagte Sörgel. Er sieht die mögliche weitere Entwicklung aufgrund der politischen Rahmenbedingungen jedoch mit großer Sorge. »Ich spreche deshalb bei diesen höchst unerfreulichen Entwicklungen vom sogenannten anderen Pillenknick«, so Sörgel.

 

Auch ein sich rasant verändernder Arzneimittelmarkt verändert den Blick von Verbrauchern und Patienten auf das Arzneimittel. Käufer von apothekenpflichtigen oder freiverkäuflichen Medikamenten und Gesundheitsprodukten sehen sich eher als Konsumenten und nicht als Patienten. Aus dem neuen Selbstverständnis ergeben sich weitreichende Veränderungen. Oft vertrauen die Menschen nicht einfach dem Rat des Arztes oder Apothekers, sondern informieren sich viel öfter selbst über Gesundheitsprodukte. Eine Internetrecherche vermittelt dem Verbraucher den mitunter trügerischen Eindruck, seine Gesundheitsprobleme und deren Therapie selbst einschätzen zu können.

 

Zudem ist der OTC-Markt deutlich gewachsen: Heute bieten auch Drogeriemärkte und der Lebensmittelhandel Arzneimittel und Gesundheitsprodukte an. All dies trage dazu bei, dass das Arzneimittel immer weniger als Ware besonderer Art wahrgenommen werde, bedauert Sörgel.

 

In vielen Bereichen des Marktes sehen Soziologen eine Produkttrivialisierung. Die niedrigen Preise, beispielsweise bei Lebensmitteln, Kleidung und Möbeln, die Verfügbarkeit bei Discountern, vor allem aber über den Versandhandel führen zu einer sinkenden Wertschätzung von Produkten. Zur Trivialisierung kommt eine sogenannte Aldisierung, wie die generelle Suche des Konsumenten nach dem günstigsten Angebot im soziologischen Jargon bezeichnet wird.

 

Dieser Trend habe auch den Arzneimittelmarkt erfasst, erläuterte Sörgel. Die Tagestherapiekosten für die Antibiotikatherapie bei einer ambulant erworbenen Pneumonie lägen bei rund sieben Euro. Das sei für Patienten kaum nachvollziehbar. Wenn lebensnotwendige Arzneimittel mit einem nachgewiesenen Nutzen zu einem so niedrigen Preis angeboten würden, habe das Einfluss auf die Gesellschaft, betonte Sörgel.

 

Schlechter Ruf

 

Das Arzneimittel leidet laut Sörgel auch unter dem enorm gesunkenen Ansehen der Pharmazeutischen Industrie. Dazu hätten deren Marketingmethoden, unseriöse Werbung sowie der in den Medien heftig kritisierte Kongresstourismus beigetragen, hob Sörgel hervor. Wie kritisch die Pharmaindustrie von der Bevölkerung gesehen werde, belegte eine Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach vor einigen Jahren. So wiesen rund drei Viertel der Befragten die Verant­

 

wortung für das Finanzdefizit im Gesundheitswesen in erster Linie den Arzneimittelherstellern zu. Diese Behauptung sei allerdings der oft irrationalen Diskussion bei Arzneimittelthemen geschuldet und falsch, betonte Sörgel.

 

Während nicht nur den pharmazeutischen Unternehmen, sondern auch der Standardmedizin mit Skepsis begegnet wird, boomen alternative Heilmethoden. Der Umsatz mit Homöopathika ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Laut einer Allensbach-Studie aus dem Jahr 2014 haben 60 Prozent aller Deutschen schon einmal homöopathische Globuli oder Dilutionen verwendet. »Ich halte es jedoch für problematisch, dass zahlreiche Krankenkassen die Kosten für alternative Heilverfahren übernehmen und so beim Patienten den Eindruck erwecken, sie seien auch im naturwissenschaftlichen Sinn wirksam«, kritisierte Sörgel.

 

Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit

 

Skepsis trifft nicht nur die Standardmedizin: Auch die generelle Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern wird immer häufiger in Zweifel gezogen. Mitunter wird sogar von einem postfaktischen Zeitalter gesprochen, ein Zeitalter, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse in der öffentlichen Meinung kaum eine Rolle spielen.

Vielleicht ist die Medizin das Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Die Lebenserwartung ist dank des technologischen Fortschritts, aber auch hoch wirksamer Medikamente enorm gestiegen. Es ist selbstverständlich geworden, dass viele Erkrankungen zwar nicht immer geheilt, aber zumindest in Schach gehalten werden können. »Das Arzneimittel ist die wichtigste Chemikalie, die der Mensch herstellen kann«, so Sörgels Fazit.

 

Er appellierte an alle Pharmazeuten, sich wieder stärker als Arzneimittelfachleute zu positionieren. Immer mehr Nahrungsergänzungsmittel würden auf den Markt drängen, die in Sportvereinen, vor allem aber in Fitnessstudios oft direkt vermarktet werden. Sörgel riet den Apothekern, ihre Kunden dabei zu unterstützen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

 

Auch bei toxikologischen Fragen mit gesellschaftlicher Relevanz wie beispielsweise der Frage von Aluminium in Deos oder der Acrylamidproblematik, könnten Apotheker aufgrund ihrer chemischen Ausbildung Stellung beziehen. Deshalb sei es wichtig, dass Chemie in Theorie und Praxis im Pharmaziestudium neben der Klinischen Pharmazie auch weiterhin eine wichtige Rolle spielten, betonte Sörgel. /

Mehr von Avoxa