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Übernahmeschlacht

Frontalangriff auf Stada

17.08.2016  10:28 Uhr

Von Cornelia Dölger und Daniel Rücker / Trotz guter Halbjahreszahlen befindet sich der Generikahersteller Stada in schweren Zeiten. Zusammen mit anderen Investoren will Active Ownership Capital (AOC) das Unternehmen nach Ansicht des Stada-Beiratsvorsitzenden Thomas Meyer zerschlagen. AOC selbst weist das zurück. Auf der Hauptversammlung am 26. August dürfte sich entscheiden, welchen Weg Stada nimmt. Beiratsvorsitzender Thomas Meyer kämpft mit Vorstand und Aufsichtsrat für den Erhalt der Firma.

PZ: Bei der Bilanzpressekonferenz in Frankfurt am Main wurde an Superlativen nicht gespart. Wie zufrieden sind Sie mit dem ersten Halbjahr 2016?

 

Meyer: Die Halbjahreszahlen sind sehr gut. Wir sind erfreut über die erfolgreiche Entwicklung von Stada. Das Unternehmen hat in einem schwierigen Marktumfeld Ertrag und Umsatz gesteigert. Darüber sind wir froh. Durch die Rabattverträge ist das Geschäft schwieriger geworden. Dennoch hat Stada zugelegt.

 

PZ: Trotz der guten Zahlen ist Stada nicht gerade in ruhigem Fahrwasser. Aktivistische Investoren machen Ihnen das Leben schwer. Dazu gehört an erster Stelle AOC. Wie gehen Sie mit der Situation um?

 

Meyer: Wir sehen das Vorgehen von AOC als einen Frontalangriff auf das Unternehmen Stada. AOC stilisiert sich als der große Retter, der mit seinem Engagement den Firmenwert von Stada deutlich steigern will. Das tatsächliche Ziel von AOC ist jedoch aus unserer Sicht, die Kontrolle über Stada zu erlangen, das Unternehmen zu zerschlagen und dann die einzelnen Teile gewinnbringend zu verkaufen. Es geht schlicht darum, Kasse zu machen und um nichts anderes. Wir als Beirat setzen uns mit unseren Mitteln dafür ein, dieses Szenario abzuwenden.

 

PZ: Welche Mittel hat der Beirat?

 

Meyer: Der Beirat hat zwei wesentliche Funktionen. Er nimmt die Interessen der Kleinaktionäre aus der Apotheker- und Ärzteschaft wahr und er berät die Stada AG und deren Vertriebsgesellschaften mit seiner fachlichen Expertise. Der Beirat gibt dem Vorstand ein unverstelltes Feedback aus der Praxis zum Beispiel über Verbesserungsmöglichkeiten und unterstützt das Unternehmen beratend bei und vor allem vor geplanten Produkteinführungen.

 

PZ: Zurück zu AOC. Sie sind davon überzeugt, dass AOC Stada zerschlagen und verkaufen will. Wie kann ein aktivistischer Investor mit einem geschätzten Aktienkapital von höchstens 10 Prozent allein ein so großes Rad drehen? Selbst wenn sich die anderen an Stada interessierten Investoren der Strategie von AOC anschließen, werden sie kaum eine Aktienmehrheit erhalten.

 

Meyer: Diese Frage stellen uns viele Apotheker. Es ist auch bemerkenswert, mit welcher Chuzpe ein Minderheitenaktionär hier auftritt und fordert, alle sechs Anteilseigner im Aufsichtsrat auszutauschen. Ob er sich bei der Hauptversammlung durchsetzen kann, ist keinesfalls sicher. Es bleibt aber ein Risiko für Stada. Denn AOC braucht nicht zwingend die absolute Aktienmehrheit. Auf der Hauptversammlung ist nämlich nur das Kapital stimmberechtigt, das dort auch vertreten ist. In der Regel sind dies um die 35 Prozent. Wenn AOC auf einen Aktienanteil von 10 Prozent käme und andere Investoren wie Guy Wyser-Pratte oder die Fondsgesellschaft DWS mit AOC gemeinsame Sache machten, dann könnte diese Gruppe mit einer einfachen Mehrheit dennoch die Kontrolle über das Unternehmen bekommen, indem sie den Aufsichtsrat mit ihren Kandidaten neu besetzte, und die Gefahr bestünde, dass dieses Kontrollgremium zu einem willfährigen Spielball gemacht würde. Apotheker, die eine Zerschlagung der Stada verhindern wollen, sollten deshalb von ihren Stimmrechten Gebrauch machen oder diese an den Beirat oder andere Kollegen übertragen. Wir haben die Aktionäre am 5. August in einem Brief darüber informiert, dass AOC aus unserer Sicht das Unternehmen nicht retten, sondern mit dem Blick allein auf kurzfristigen Profit zerschlagen will.

 

PZ: Wie schätzen Sie die Stimmung unter den Apothekern und Ärzten mit Stada-Aktien ein? Sind die mit dem Unternehmen so stark verbunden, dass sie es in jedem Fall erhalten möchten, oder gibt es auch eine Gruppe von Apothekern und Ärzten, die sich über die aktuell steigenden Kurse freut und dann Kasse bei einer Zerschlagung machen will?

 

Meyer: Für viele Apotheker ist Stada mehr als ein x-beliebiges Pharmaunternehmen. Da bin ich ganz sicher. Stada als Standardarzneimittel Deutscher Apotheker hat die Apotheker über mehr als 120 Jahre als verlässlicher Partner begleitet und stand immer zur inhabergeführten Apotheke. Ich weiß, dass Apotheker diese Unternehmensphilosophie mit persönlichem Bezug zu Ihnen als Kunden und Partner wertschätzen, ­diese jedoch für ein Unternehmen wie AOC überhaupt nicht von Belang ist.

 

PZ: Glauben Sie, dass das gute Ergebnis aus dem ersten Halbjahr Sie in Ihrem Kurs stützt? AOC hat bislang keine Gelegenheit ausgelassen, das Stada-Management als inkompetent und ineffektiv darzustellen. Die Halbjahreszahlen widersprechen diesen Behauptungen massiv.

 

Meyer: Bei Ärzten und Apothekern nützen uns die Halbjahreszahlen sehr. Das ist keine Frage, denn diese untermauern ganz klar, dass Stada AOC als den vermeintlichen Heilsbringer überhaupt nicht braucht. AOC setzt auf Polemik, Stada setzt auf gute und verlässliche Zahlen.

 

PZ: Stada gilt seit Jahren als potenzieller Übernahmekandidat. Warum ist es Ihnen nicht gelungen, diese Gefahr auszuräumen? Haben Sie zu wenig dagegen unternommen? Wäre die aktuelle Situation zu verhindern gewesen?

 

Meyer: Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren viel unternommen, sich gegen eine Übernahme zu wappnen. Mit gutem Erfolg: So ist Stada der einzige noch selbstständige Generikahersteller in Deutschland. Deshalb kann das Management nicht alles falsch gemacht haben. Wir haben aber eine freie Marktwirtschaft, zu deren unabdingbareren Bestandteilen auch Übernahmen von Unternehmen gehören. Als Aktiengesellschaft ist man potenziell immer unfreundlichen Angriffen ausgesetzt. Wir werden aber weiter für die Eigenständigkeit von Stada kämpfen. Mit der Positionierung als Generikaunternehmen mit einem größer werdenden Anteil an OTC-Markenarzneimitteln ist das Unternehmen gut für die Zukunft aufgestellt. Natürlich muss man immer über Veränderungen wie schnellere Kommunikationswege und schlankere Strukturen nachdenken. Das tut das Management auch mit Nachdruck und Verve.

 

PZ: Hat der Angriff auf Stada nicht auch positive Aspekte, wenn Sie über effizientere Strukturen nachdenken und so etwas frischen Wind in das Unternehmen bekommen?

 

Meyer: Das kann in einem gewissen Umfang so sein. Dazu gehört auch die von AOC getriggerte Erneuerung des Aufsichtsrats. AOC hat hier aber mitnichten revolutionäre Ideen in das Unternehmen gebracht, sondern ohnehin schon begonnene Prozesse aufgegriffen. Es stand bereits vorher fest, dass der Aufsichtsrat ein neues Gesicht bekommen wird. Allerdings wollte man natürlich nicht wie von AOC gefordert alle sechs Anteilseigner austauschen, sondern einen geordneten Wissenstransfer sicherstellen. Alle Erfahrung und Kompetenz auf einmal aus einem Unternehmen herauszunehmen, kann für das betroffene nie gut sein.

 

PZ: Die Hauptversammlung findet am 26. August statt. Ist es denkbar, dass es bis dahin eine Annäherung zwischen Stada und den Investoren gibt?

 

Meyer: AOC arbeitet sehr intransparent und mit unlauteren Mitteln. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass man bis zur Hauptversammlung Gemeinsamkeiten entdeckt. Das Vorgehen von AOC passt überhaupt nicht zur auf Langfristigkeit angelegten Kultur zum Wohle eines Unternehmens.

 

PZ: Ziehen die potenziellen Investoren alle an einem Strang?

 

Meyer: Die Stada lotet natürlich aus, mit welchem Investor es Gemeinsamkeiten geben könnte. Das lässt sich aber heute nicht eindeutig beantworten.

 

PZ: Dann spielen Sie bei der Hauptversammlung »Stada gegen den Rest der Welt«?

 

Meyer: Genau diesen Eindruck versuchen die Investoren zu erzeugen. Vergessen Sie aber nicht, dass wir es ungeachtet der genannten Gefahren für einfache Mehrheiten auf der HV mit Minderheiten-Investoren zu tun haben. Gegen deren kurzfristige Interessen müssen wir schlicht ausreichend Kapital hinter uns versammeln.

 

PZ: Auch wenn die Investoren keine Mehrheit haben, womöglich sogar ein ganzes Stück von der Mehrheit ­entfernt sind, wirkt das Unternehmen getrieben. Warum kommen die bereits angesprochenen Änderungen bei Stada jetzt so schnell hinter­einander?

 

Meyer: Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Aufsichtsrat und ein Vorstand getrieben werden von neuen Entwicklungen, auf die kurzfristig reagiert werden muss, um das Unternehmen zukunftsfähig zu halten. Das ist ein ganz gewöhnlicher Prozess und in keiner Weise verwerflich. Deshalb war es auch richtig, die Neubesetzung des Aufsichtsrats um zwei Jahre vorzuziehen. Als Konsequenz daraus musste die Hauptversammlung um wenige Wochen verschoben werden, um eine geordnete und überlegte Vorgehensweise zu gewährleisten. Es war somit richtig, zu handeln, ohne in Hektik zu verfallen. Ich kann nicht nachvollziehen, was daran falsch war.

 

PZ: Zeitgleich mit den Aktivitäten der Investoren hat der langjährige Vorstandsvorsitzende Hartmut Retz­laff seinen Posten erst krankheitsbedingt ruhen lassen und ist dann am 15. August als Vorstandsvorsitzender zurückgetreten. Damit hat er immerhin die Unklarheiten über seinen Nachfolger Matthias Wiedenfels ausgeräumt. Dieser hatte sich schon vor Retzlaffs Abdanken auf Dauer gesehen. Warum hat Wiedenfels für diese Verwirrung gesorgt?

 

Meyer: Solche Spekulationen werden gezielt angeheizt. Der Beirat beteiligt sich daran nicht. Fakt ist, dass Retzlaff sein Amt bis zum 15. August krankheitsbedingt ruhen ließ. Unsere Kommunikation war in diesem Punkt ganz klar. Wiedenfels führt seitdem die Geschäfte als Vorstandsvorsitzender weiter. Es ist doch vollkommen klar, dass Wiedenfels die Geschäfte nicht interimsmäßig führen konnte.

 

PZ: Ist es für AOC ein Vorteil, wenn Retzlaff weg ist? Ist Wiedenfels für AOC ein genehmerer Vorsitzender?

 

Meyer: Wiedenfels hat ganz klar die unter Herrn Retzlaff bereits bestehende Unternehmensstrategie weiterentwickelt. Das ist gut für das Unternehmen – nur das zählt für uns. /

Gegendarstellung:

Im obigen Text der hier vorliegenden Ausgabe 33/2016 hat die Pharmazeutische Zeitung in den Artikeln »Kampf um Stada« sowie »Frontalangriff auf Stada« geschrieben, AOC plane die Zerschlagung von STADA. Hierzu stellt AOC fest, dass die Zerschlagung oder ein Verkauf von STADA seitens AOC weder geplant war, noch geplant ist. Äußerungen in diese Richtung hat AOC nie getätigt. AOC strebt eine kompetente Besetzung des Aufsichtsrats mit Branchen- und Finanzexperten an und hat dafür der Hauptversammlung vier unabhängige Kandidaten als Vorschläge unterbreitet. Über die Besetzung der Kapitalseite des Aufsichtsrats werden letztlich die Aktionäre entscheiden, so wie es das Gesetz vorsieht.

 

Anmerkung der Redaktion:

Die von AOC beanstandeten Stellen wurden in den genannte Texten bereits überarbeitet.

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