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Mittel gegen Tropenkrankheiten

Gewinn fürs Image

12.08.2015
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Von Thomas Glöckner / Der Kampf gegen vernachlässigte tropische Krankheiten gilt Pharmafirmen nicht länger nur als moralische Verpflichtung. Konzerne bekennen, dass sie damit auch Geld verdienen oder zumindest ihr Ansehen polieren wollen.

Olivier Charmeil verspürte keine Lust auf Understatement. »Der Dengue-Impfstoff wird hinsichtlich der Rentabilität am oberen Ende unserer Impfstoffe liegen«, kündigte der Chef von Sanofi Pasteur Ende Juli an. Nach 20 Jahren Forschung und rund 1,5 Milliarden Euro Entwicklungskosten soll sich der erste Impfstoff gegen die Virus-Erkrankung für den französischen Mutterkonzern endlich auszahlen.

 

Ethische Verpflichtung

 

Mit Sanofis Impfkandidaten verändert sich auch die Haltung, mit der führende Pharmakonzerne ihr Engagement gegen sogenannte vernachlässigte tropische Krankheiten (NTD) begründen. Es geht nicht länger nur um ethische oder gesellschaftliche Verpflichtungen, denen die Unternehmen genügen wollen. Die Pharmaindustrie scheut sich nicht länger, aus dem Kampf gegen Krankheiten der Armen betriebswirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. »In den Forschungsabteilungen vieler Pharma­unternehmen besteht ein starkes ethisches Verantwortungsgefühl, sich auch um solche Krankheiten zu kümmern, die nicht sofort große Umsätze und Gewinne versprechen. Aber letztlich ist es Ziel von Medikamenten-Innovationen, damit auch Geld zu verdienen«, bestätigt Pharma-Experte Michael Kunst von der Strategieberatung Bain & Co.

 

Sanofi dürfte dies gelingen, wenn die begehrten Zulassungen erfolgen, die das Unternehmen bis Jahresende in 20 Ländern beantragen will. Denn Dengue-Fieber befindet sich weltweit auf dem Vormarsch. Betroffen sind längst nicht mehr nur ärmere Länder in Asien, Lateinamerika und Afrika. Dengue-Fälle wurden auch in Texas und Frankreich, Portugal und Kroatien, den USA und China, in Italien sowie in Japan festgestellt. Die Dengue verbreitende Aedes-Mücke gefährdet rund um den Globus etwa vier Milliarden Menschen. Analysten der Deutschen Bank trauen dem Sanofi-Impfstoff einen Jahresumsatz von rund 1 Milliarde Euro zu.

 

Damit nimmt die Branche ihren Kritikern zumindest etwas Wind aus den Segeln. So stört sich die Bielefelder Organisation Buko Pharma-Kampagne seit Jahren daran, dass es »viel lukrativer« sei, »das x-te Diabetes- oder Krebsmedikament zu entwickeln als ein Mittel gegen Tropenkrankheiten«. Und die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) bemängelt, dass »durch die sehr geringfügige Investition in Innovation und klinische Forschung große Probleme in der Behandlung mancher NTD komplett unberührt bleiben«.

 

Tatsächlich gibt es »einen Return on Investment durch Einnahmen aus dem Medikamentenabsatz normalerweise nicht«, bestätigt Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin beim Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa), auf Anfrage der PZ. Um lediglich »den Firmen- oder Produktnamen als Marke bekannt zu machen, wären Anzeigenkampagnen preiswerter«. Die vfa-Chefin attestiert ihrer Klientel, dass sie sich in erster Linie »gefordert sieht, ihre spezifischen Kompetenzen und Möglichkeiten auch für eine bessere Gesundheitsversorgung für Arme einzusetzen«.

 

Millionen gegen Parasiten

 

Mit langem Atem ist in diesem Sinne der Darmstädter Pharmakonzern Merck bei der Infektionskrankheit Bilharziose aktiv. Das Unternehmen hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit 2007 mit bislang 290 Millionen Tabletten unterstützt. Damit wurden mehr als 64 Millionen Patienten behandelt – überwiegend Schulkinder. »Merck wird die parasitäre Erkrankung unbefristet bis zu ihrer Ausrottung in Afrika bekämpfen«, betont eine Unternehmenssprecherin. Bis Ende des Jahres stockt Merck die Produktionskapazität für Praziquantel-Tabletten (Cesol®) in Mexiko auf bis zu 250 Millionen Stück auf. Allein diese Spendenzusage ist mehr als 21 Millionen Euro wert. Damit künftig auch jüngere Kinder mit Praziquantel behandelt werden können, plant Merck entsprechende klinische Studien der Phasen II und III in mehreren afrikanischen Ländern.

 

Das bedeutet nicht, dass solches Engagement rein altruistisch wäre. Bei der japanischen Astellas Pharma, die kein Präparat gegen NTD auf dem Markt hat, aber in der Bilharziose-Forschung aktiv ist, zeigt man sich beispielsweise überzeugt, dass »diese Initiativen auf lange Sicht Synergien mit unseren geschäftlichen Aktivitäten schaffen«.

Bayer sieht den Hauptantrieb für sein Engagement im »Ausdruck einer moralischen Haltung und eines gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstseins«. Der Leverkusener Konzern spendiert der WHO beispielsweise jährlich bis zu 400 000 Nifurtimox-Tabletten (Lampit™) zur Behandlung der west­afrikanischen Schlafkrankheit. Für die ostafrikanische Variante liefert Bayer bis zu 10 000 Ampullen, von denen Patienten in Kenia und Simbabwe profitieren. Eine weitere Million Nifurtimox-Tabletten spendet Bayer der WHO, damit die durch Wanzen verbreitete Chagas-Krankheit in Südamerika bekämpft werden kann. 400 000 vorimprägnierte Mückennetze, die das Unternehmen an Organisationen wie Unicef oder World Vision verkauft, sollen vor Malaria schützen. Dies mag »kein Instrument des Marktzugangs oder Marketings sein«, wie Bayer betont, aber »dieses Handeln dient dem Ansehen unseres Unternehmens insgesamt«.

 

Bei Janssen Pharmaceutica sieht das Management sogar die Chance, in schwach entwickelten Ländern mit der Gesundheit der Menschen auch die wirtschaftliche Lage der Staaten zu verbessern: »Beides verstärkt sich gegenseitig.« Die Tochter von Johnson & Johnson (J&J) konzentriert sich auf die Behandlung von Flussblindheit, Boden-übertragene Würmer und lymphatische Filariose (Elefantiasis).

 

Derzeit entwickelt Janssen eine Kautablette mit dem Wirkstoff Mebendazol (Vermox®) gegen Darmwürmer. Damit sollen vor allem jüngere Kinder die unliebsamen Mitbewohner leichter loswerden. Insgesamt hat J&J bereits mehr als 600 Millionen Dosen Vermox für die Entwurmung von Schulkindern in mehr als 20 Ländern spendiert. J&J sieht sein Engagement bei NTD »als Motor für wirtschaftliches Wachstum und damit für die Schaffung eines breiteren Marktes für kommerzielle Produkte«.

 

Gutes tun und darüber reden – nach dieser Devise verfährt auch der britische Pharmariese Glaxo-Smith-Kline (GSK) mit seinem Malaria-Impfstoff RTS,S, den er künftig als Mosquirix™ vermarkten will. Fast 600 Millionen US-Dollar (547 Millionen Euro) wird GSK zum Abschluss der Entwicklung des weltweit ersten Impfstoffs gegen Malaria investiert haben.

 

Gedeckelter Profit

 

Der Preis für Mosquirix, so die Selbstverpflichtung von GSK, soll zwar einen kleinen Gewinn von rund 5 Prozent einspielen. Davon werden aber die Aktionäre nichts sehen. Die Marge soll für die Erforschung und Entwicklung von Malaria-Impfstoffen der nächsten Generation oder für Impfstoffe gegen andere tropische Krankheiten reinvestiert werden.

 

Das Tropen-Engagement zahlt sich mit Blick auf das Ansehen der Firma aus: 2014 belegte GSK – wie schon 2008, 2010 und 2012 – erneut den ersten Platz im »Access-to-Medicine-Index«. Dieser prämiert Pharmaunternehmen, die sich besonders dafür einsetzen, dass Menschen in ärmeren Ländern Zugang zu Medikamenten erhalten. GSK-Chef Sir Andrew Witty freute sich über die »wertvolle An­erkennung« – und den Gewinn fürs Firmenimage. /

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