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Mittel gegen Ebola

Kein baldiger Durchbruch in Sicht

12.08.2014
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Von Daniela Biermann / Ebola ist trotz des derzeitigen, größten Ausbruchs aller Zeiten eine seltene Erkrankung. Das macht die Entwicklung von Mitteln gegen die Viruserkrankung schwierig und wenig lukrativ. Doch es gibt Ansätze für Arznei- und Impfstoffe.

Ebola beherrscht in diesem Sommer die Medien. Die Zahl der Todesopfer in Westafrika steigt täglich, Anfang der Woche galt die Lage als außer Kontrolle. Besondere Aufmerksamkeit bekamen zwei US-Bürger, die sich bei humanitären Hilfseinsätzen infiziert hatten. Die USA ließen den Arzt Dr. Kent Brantly und die Missionarin Nancy Writebol per Spezialflugzeug mit Isolierkammer zurückholen. In einer Klinik in Atlanta bekamen die beiden ein bislang nur an Affen getestetes Medikament. Beide überlebten die Infektion mit der hohen Mortalitätsrate. Ob sie das Medikament gerettet hat oder es reiner Zufall war, lässt sich nicht sagen.

 

ZMappTM heißt das experimentelle Serum, eine gemeinsame Entwicklung der kalifornischen Firmen Mapp Biopharmaceutical und LeafBio, des kanadischen Unternehmens Defyrus sowie der US-Regierung und der kanadischen Gesundheitsbehörde. ZMapp enthält drei humanisierte Antikörper, die sich gegen verschiedene Zielstrukturen des Ebola-Virus richten. Hergestellt werden die Antikörper in Tabakpflanzen. Bislang stehen nur sehr geringe Mengen für individuelle Heilversuche zur Verfügung. Die Hersteller kündigten an, die Produktion zu verstärken. Sie planen auch Studien an Menschen. Virologen warnten jedoch, allzu große Hoffnungen auf das Mittel zu setzen.

 

Weitere Mittel in der Warteschleife

 

ZMapp ist nicht der einzige Kandidat eines Mittels gegen Ebola. Ein anderer Ansatz ist das Präparat TKM-Ebola der kanadischen Firma Tekmira. Dabei handelt es sich um kurze Ribonukleinsäure-Moleküle (siRNA), die Primaten kurz nach Infektion mit einer normalerweise tödlichen Dosis Ebola-Viren zu 100 Prozent heilen konnten. Die Ergebnisse der Tierversuche erschienen 2010 im Fachjournal »The Lancet«. Hauptsponsor ist das US-Verteidigungsministerium. Im Januar 2014 kündigte die Firma eine erste klinische Studie an und erhielt im März eine »Fast Track Designation« der US-Arzneimittelbehörde FDA. Die FDA legte die Studie jedoch vorläufig auf Eis und forderte weitere Daten von Tekmira, unter anderem zur Gefahr einer starken Zytokin-Freisetzung bei den Tests an gesunden Probanden. Das Unternehmen hofft auf eine Fortsetzung im vierten Quartal dieses Jahres. Mittlerweile hat die FDA die Blockade gelockert, sodass TKM-Ebola nun in Afrika im Rahmen eines »Compassionate Use« eingesetzt werden kann.

 

Die Substanz BCX4430 von der US-Firma BioChryst Pharmaceuticals ist ein weiterer Kandidat. Das Nukleosid soll die RNA-Polymerase verschiedener Viren lahmlegen und wird derzeit im Tier­versuch getestet. Die Firma hofft auf ein Breitband-Virostatikum bei natürlichen Ausbrüchen und Bioterror-Attacken mit Gelbfieber- und anderen Viren, die hämorrhagisches Fieber auslösen.

 

Fraglich ist, ob die potenziellen Arzneistoffe auch Patienten mit schweren Symptomen helfen. Die Inkubationszeit von Ebola beträgt bis zu drei Wochen. Erste Symptome wie Fieber, Kopf-, Muskel- und Halsschmerzen sowie Schwächegefühl sind eher unspezifisch. Schwere Blutungen treten erst im Spätstadium auf, das häufig innerhalb von 24 bis 48 Stunden zum Tod führt. Für Medikamente könnte es dann zu spät sein.

Ethiker für Therapieversuche

Die WHO hat angesichts der schweren Epidemie grünes Licht für den Einsatz bisher am Menschen ungetesteter Ebola-Medikamente gegeben. Basis waren die Überlegungen von zwölf internationalen Medizinethikern, darunter auch zwei afrikanische.

 

Die Bedingungen: Es gilt oberste Transparenz und Vertraulichkeit. Die Erkrankten müssen ausführlich informiert werden, bevor sie ihr Einverständnis geben. Ihre Entscheidung muss freiwillig sein. Zudem müsse der Person Respekt entgegengebracht und ihre Würde bewahrt werden. Die Gemeinden sollen miteinbezogen werden.

 

Es bestehe zudem eine moralische Verpflichtung, alle Daten zu sammeln und zu veröffentlichen. Hier müsse eine wissenschaftliche Evaluierung stattfinden, um möglichst früh Wissen zu Sicherheit und Wirksamkeit zu generieren. Der jetzt empfohlene »Compassionate Use« entbinde jedoch nicht von der Durchführung klinischer Studien.

 

Ungeklärt sei noch die Frage einer gerechten Verteilung. Da es sich um experimentelle Substanzen handelt, die zum Teil in komplizierten Verfahren gewonnen werden, stehen voraussichtlich nicht für alle Erkrankten genug Mittel zur Verfügung. In Medienberichten hieß es, dass vorrangig erkranktes Medizin- und Pflegeper­sonal die Mittel bekommen soll.

 

Impfstoffe noch nicht in klinischer Prüfung

 

Hoffnungen ruhen daher auf präventiven und therapeutischen Impfungen. Ein solcher Kandidat kam 2009 am Bernhard-Nocht-Institut für Tropen­medizin in Hamburg zum Einsatz, als sich eine Mitarbeiterin versehentlich bei der Arbeit mit dem Ebola-Virus an einer Kanüle stach. Die Forscherin erkrankte nicht. Auch hier kann nur spekuliert werden, ob die Vakzine half, oder ob sie sich überhaupt infizierte. Die Impfung besteht aus einem veränderten Vesikulären Stomatitis-Virus (VSV), bei dem ein Oberflächenprotein gegen eines des Ebola-Virus ausgetauscht wurde. Das an sich harmlose Virus soll so das Immunsystem auf Ebola vorbereiten. Die Impfung des US-Nationalinstituts für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) wurde bereits 2005 an Makaken getestet. Doch fehlt es derzeit an Geld für eine Phase-I-Studie an Menschen. Ein anderer Kandidat auf Basis eines Schimpansen-Adenovirus aus dem NIAID-Impfforschungszentrum soll dagegen noch in diesem Jahr die klinische Phase der Entwicklung erreichen. Auch eine multivalente Impfung gegen das Ebola- und das Marburg-Virus soll Ende 2015 die klinische Phase erreichen.

 

Derzeit fließt kaum Geld in die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gegen Ebola, da das öffentliche Interesse bislang gering war. Seit Entdeckung des Virus 1976 kam es rund alle fünf Jahre zu lokal begrenzten Ausbrüchen. Die Seltenheit der Seuche macht auch klinische Studien schwierig: Es ist unvorhersehbar, wo und wann der nächste Ausbruch stattfindet, zudem wird die Lage vor Ort dann schnell chaotisch. Politik und Wissenschaft müssen neue Wege finden, um sichere und wirksame Mittel gegen Ebola zu entwickeln. Das wird einige Jahre dauern und kommt für die jetzt Betroffenen in Westafrika sicherlich zu spät. /

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