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Narbentherapie

Nur Ausdauer bringt Erfolg

17.08.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler, München / Derb, wulstig, gerötet: Wuchernde Narben sind unschön und belastend für den Patienten. Die Therapie erfordert viel Zeit und Geduld. Richtiges Verhalten und gute Pflege tragen dazu bei, dass Narben gar nicht erst wuchern oder das Hautbild sich verbessert.

Bei jeder tieferen Verletzung von Haut und Gewebe entstehen Narben. Meistens ist das Ergebnis der Wundheilung unscheinbar und fällt später kaum noch auf. Doch es kann auch anders kommen.

Erhabene (hypertrophe) Narben können infolge einer Wundinfektion entstehen oder wenn die Wundregion in der Heilungsphase erhöhten Zugkräften ausgesetzt ist. Sie neigen zur Wulstbildung, sind aber immer auf das Verletzungsgebiet beschränkt, erklärte Dr. Gerd Gauglitz von der Dermatologischen Klinik der Universität München bei einem von Merz Pharmaceuticals unterstützten Seminar im Rahmen der Fortbildungswoche für praktische Dermatologie und Venerologie in München. Hypertrophe Narben können schrumpfen und sich verhärten, aber auch eine spontane Rückbildung ist möglich.

 

Im Gegensatz dazu haben Keloide keine Rückbildungstendenz. Definitionsgemäß dehnen sich die gutartigen Wucherungen über die ursprüngliche Wunde hinaus auf die angrenzenden Haut-areale aus. Die wulstigen Narben sind stark gerötet, können jucken und brennen und sind oft druckempfindlich. Ihre oberste Hautschicht ist häufig dünn und verletzlich. Keloide entstehen bevorzugt an Körperstellen wie Schultern und Brustbein, an denen die Haut Spannungen ausgesetzt ist, informierte der Dermatologe. Auch an den Ohrläppchen können sie wachsen. Menschen mit starker Hautpigmentierung seien öfter betroffen. Die Neigung zur Keloidbildung ist vererblich.

 

Wundareal pflegen

 

Ganz anders sehen eingesunkene (hypotrophe) Narben aus. Sie entstehen, wenn bei der Wundheilung zu wenige Bindegewebsfasern für das zerstörte Gewebe gebildet werden. Typisch sind die grübchenartigen Narben bei Patienten mit schwerer Akne.

 

Überschießende Narben entstehen häufig nach Verbrennungen, Operationen und Hautentzündungen, sagte Gauglitz. Der Arzt sollte bei prädisponierten Personen Operationen, die nicht dringend erforderlich sind, vermeiden oder, wenn nötig, möglichst schonend operieren. Mit guter Pflege und richtigem Verhalten kann der Patient selbst dazu beitragen, dass die Narbe möglichst unauffällig wird. Das Apothekenteam kann ihm Tipps zum richtigen Verhalten geben (siehe Kasten).

Tipps zur Wundheilung

frische Narben vor Reizungen und Austrocknung schützen

Zug, Druck und Dehnung der Wunde vermeiden; keine scheuernde Kleidung, Vorsicht bei Sport und Dehnungsübungen

strikte Hygiene, um Wundinfektionen zu vermeiden

starke Temperaturreize vermeiden: keine intensive UV-Strahlung, Solarium, Sauna oder extreme Kälte

bei Sonnenexposition Präparate mit hohem Lichtschutzfaktor (»Sunblocker«) verwenden

erneute Verletzungen des Narbengewebes vermeiden; vor allem Narben, die nahe am Knochen liegen, zum Beispiel am Ellenbogen, Schienbein oder Fußknöchel, sind gefährdet.

 

Narben sollte man möglichst bald nach der Verletzung oder Operation behandeln, empfahl Gauglitz. Während man früher sechs bis acht Wochen lang abwartete, ob sich die Narbe verdickt oder die Rötung bestehen bleibt, werde heute die frühzeitige Anwendung eines Narbenexternums empfohlen. Sobald die Fäden gezogen sind oder die Krusten von der Wunde abfallen, könne der Patient beginnen, ein Topikum, zum Beispiel mit Heparin, Zwiebelextrakt und Allantoin (Beispiel Contractubex®), zweimal täglich sanft einzumassieren.

 

Die topische Therapie erfordert Ausdauer: Nur eine konsequente Anwendung über mehrere Monate verspricht Erfolg. Die zusätzliche Behandlung mit therapeutischem Ultraschall könne das Ergebnis weiter verbessern.

 

Kombiniert behandeln

 

Je nach Alter und Ausprägung der Narbe rücken Dermatologen den Wucherungen auch mit invasiven Verfahren zu Leibe. Meist könne eine begleitende topische Behandlung das Ergebnis noch verbessern, berichtete Gauglitz aus seiner Erfahrung.

Therapie der ersten Wahl bei Keloiden ist die intraläsionale Injektion von Corticosteroiden wie Triamcinolonacetonid. In Einzelfällen spritzen die Ärzte Zytostatika wie 5-Fluorouracil oder Bleomycin in das überschießende Gewebe.

 

Gute Erfolge zeigt auch die Kryotherapie mit flüssigem Stickstoff. Hier wird das Gewebe vereist und dann abgetragen. Diese Therapie wird ebenso wie die Steroidinjektion in Zyklen über mehrere Monate fortgesetzt. Man könne beide Verfahren kombinieren, berichtete Gauglitz: erst vereisen und anschließend mit Steroiden behandeln. Schließlich kann der Arzt das überschießende Gewebe auch mit Laserstrahlen entfernen.

 

Druck auf die Narbe

 

Relativ frische Narben kann der Patient mit Silikonfolien, -gelen und -sprays abdecken. Neben einem leichten Druck auf das Gewebe wird die Hydratation gefördert. Hier ist ebenfalls Geduld gefordert: Vier bis zwölf Monate lang muss die Narbe für 12 bis 24 Stunden täglich vom Silikon bedeckt sein. Bei reifen Narben und Keloiden hat die Methode laut Gauglitz kaum Erfolg. Narbenpflaster aus Polyurethan kann der Patient bei frischen und älteren hypertrophen Narben einsetzen. Auch diese üben einen leichten Druck auf das Gewebe aus und sollen es elastischer machen.

 

Vor allem bei großflächigen Verletzungen, zum Beispiel nach Verbrennungen, werden Kompressionsverbände angelegt. Der kontinuierliche Druck (15 bis 40 mmHg) auf das Narbengewebe soll dieses zum Rückzug bringen. Je nach Ausprägung muss der Patient die Kompression bis zu zwei Jahre lang Tag und Nacht tragen. Für Keloide am Ohrläppchen gibt es spezielle »Ohrclips« zur Kompression. / 

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