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Talcid-Studie

Hydrotalcit bei symptom-orientierter Behandlung rasch und effektiv wirksam

09.08.2007  12:43 Uhr

Talcid-Studie

Hydrotalcit bei symptom-orientierter Behandlung rasch und effektiv wirksam

Von Ulrike Weingärtner

 

Eine kontrollierte klinische Studie untersuchte die Wirksamkeit von Hydrotalcit bei akutem Sodbrennen. Wurde die Medikation beim Auftreten von Symptomen eingenommen, linderte Hydrotalcit bereits nach zehn Minuten die Beschwerden deutlich besser als Placebo und niedrig dosiertes  Famotidin. Auch nach dreißig Minuten sowie nach einer und drei Stunden war Hydrotalcit besser wirksam.

 

Sodbrennen ist das Schlüsselsymptom einer gastro-ösophagealen Refluxkrankheit (GERD), die mit erosiven Veränderungen der Speiseröhren-Schleimhaut einhergehen kann. In mehr als 60 Prozent der Fälle tritt Sodbrennen, ausgelöst durch Reflux von Mageninhalt in die Speiseröhre, aber auch bei intakter Ösophagusmukosa (non-erosive reflux disease = NERD) auf. Eine Unterscheidung beider Ausprägungen ist anhand klinischer Symptome nicht möglich.

 

Die Prävalenz von Sodbrennen schwankt je nach Definition der Erkrankung und der untersuchten Population &#8211 in der Regel wird sie mit 20 bis 40 Prozent angegeben. Die Betroffenen leiden meist tagsüber unter brennenden Schmerzen hinter dem Brustbein sowie saurem Aufstoßen. Bei manchen Patienten kommt es aber auch nachts zu Symptomen. Typischerweise bessern sich die Beschwerden unter der Einnahme von Antacida oder säurehemmenden Wirkstoffen.

 

Je nach Ausprägung und Häufigkeit der Beschwerden kann Sodbrennen die Lebensqualität der Betroffenen substanziell beeinträchtigen. In einer gepoolten Analyse deutscher und schwedischer Daten, hatten Patienten mit milder Ausprägung einer GERD im Schnitt an 131 Tagen pro Jahr mit Sodbrennen zu kämpfen, bei schwerer GERD an 213 Tagen.

 

Selbstmedikation ist häufig

 

Bei eher leichten und gelegentlichen Problemen sucht nur ein kleiner Teil der Betroffenen den Arzt auf, die meisten Patienten behandeln sich mit rezeptfrei erhältlichen Antacida oder H2-Rezeptorantagonisten selbst. Protonenpumpen-Hemmer (PPI), die bei Patienten mit schwerer GERD zu einer besseren Symptomkontrolle und zu einer effektiveren Heilung von Ulcera und Ösophagitis führen, stehen in Deutschland nicht zur Selbstmedikation zur Verfügung.

 

Hydrotalcit ist ein Schichtgitterantacidum mit einer kristallinen, sandwichartigen Struktur: Schichten aus Aluminium- und Magnesiumhydroxid-Ionen wechseln sich mit Schichten aus Carbonat-Ionen und Wasser ab. Die stabile Gitterstruktur ermöglicht eine kontrollierte Neutralisation überschüssiger Säure. Hydrotalcit kann zudem Pepsin und aggressive Gallensäuren binden. Experimentelle und klinische Daten zeigen darüber hinaus, dass das Schichtgitter mukosaprotektive Eigenschaften hat und die Abheilung von Ulcera unterstützt. Im Vergleich zu H2-Rezeptorantagonisten zeigt die Heilung der Magenmukosa unter Hydrotalcit eine bessere Qualität. Die Wirkung des Antacidums setzt wegen der direkten Wirkung auf den pH-Wert im Magen sehr rasch nach der Einnahme ein. H2-Rezeptorantagonisten und PPIs müssen dagegen zuerst in den Blutkreislauf aufgenommen werden, bis zum Wirkeintritt vergeht deshalb mehr Zeit.

 

Studie unter Alltagsbedingungen

 

Trotz des häufigen Einsatzes von Antacida im Rahmen der Selbstmedikation gibt es bisher nur wenige kontrolliert und verblindet durchgeführte Studien, die die Wirksamkeit und Verträglichkeit dieser Wirkstoffe bei akutem Sodbrennen dokumentieren. In der vorliegenden Untersuchung wurde deshalb die Wirkung von Hydrotalcit bei akutem Sodbrennen mit dem H2-Rezeptorantagonisten Famotidin in niedriger Dosierung und Placebo verglichen.

 

Um Patienten zu erfassen, die ihre Beschwerden ohne Arztbesuch selbst behandeln, wurden die Studienteilnehmer über Anzeigen in lokalen und regionalen Zeitungen rekrutiert. Ein zentrales Callcenter wies die potenziellen Teilnehmer einem der vier Studienzentren zu. Bedingung für eine Teilnahme war wiederholtes Sodbrennen mindestens während der vergangenen sechs Monate, sowie das Auftreten von mindestens zwei Episoden pro Woche innerhalb der letzten beiden Monate. Das Ausmaß der Beschwerden musste auf einer Skala von 0 (= kein Sodbrennen) bis 10 (= sehr starkes Sodbrennen) mindestens einen Wert von 5 erreichen. Patienten mit Alarmsymptomen wie Erbrechen, Gewichtsverlust oder Schluckbeschwerden wurden von einer Teilnahme ausgeschlossen und zur weiteren Abklärung an einen Arzt verwiesen.

 

Unter diesen Prämissen wurden an vier Studienzentren in Deutschland 490 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 44,9 Jahren (18 bis 66 Jahre) eingeschlossen (Intent to treat Population). Männer waren dabei mit 58,6 Prozent etwas häufiger vertreten als Frauen. Alle Studienteilnehmer litten im Schnitt seit 6,2 Jahren an wiederkehrendem Sodbrennen, im Mittel dreimal pro Woche (Range zwischen einer und acht Episoden). Die Beschwerden wurden unter anderem als brennende Schmerzen hinter dem Brustbein (91 Prozent), saures Aufstoßen (55 Prozent), Völlegefühl (32 Prozent), saurer Geschmack (29 Prozent), Aufstoßen (25 Prozent), dumpfer Schmerz hinter dem Brustbein (20 Prozent) oder Rückfluss von Mageninhalt (11 Prozent) beschrieben.

 

94 Prozent der Patienten hatten in der Vergangenheit bereits Antacida eingenommen, weitere 5 Prozent waren mit H2-Rezeptorantagonisten, PPIs oder Kombinationstherapien vorbehandelt.

 

Alle Studienteilnehmer nannten Essen oder Trinken als Auslöser der Beschwerden, bevorzugt als Reaktion auf Süßes (51 Prozent), Fettiges (37 Prozent), stark Gewürztes (27 Prozent) oder Saures (24 Prozent). Ein Viertel der Betroffenen sah zu üppige Mahlzeiten als Auslöser an. Die Hälfte der Patienten reagierte auf Wein (50 Prozent), andere alkoholische Getränke stellten für 19 Prozent und nichtalkoholische Getränke für 24 Prozent ein Problem dar. Stress führte bei 42 Prozent der Teilnehmer zu gastrointestinalen Beschwerden.

 

Modernes Studiendesign

 

Für die doppelblinde Studie im Double-dummy-Design mit dreifach Crossover wurde neben Hydrotalcit auch Famotidin als aktive Kontrolle und Placebo eingesetzt. Die Studienteilnehmer wurden randomisiert in drei Behandlungsgruppen eingeteilt. Alle Patienten gingen während der Studiendauer von drei Monaten ihren Alltagsbeschäftigungen nach und konnten über die Einnahme der Medikation selbst entscheiden. Im Beobachtungszeitraum nahm jeder Teilnehmer eine Einzeldosis von 1000 mg Hydrotalcit (zweimal 500 mg Talcid® Kautablette), einmal 10 mg Famotidin sowie einmal Placebo ein. Zwischen der Einnahme der verschiedenen Studienmedikationen war eine Frist von mindestens einem Tag einzuhalten. Die Medikation sollte innerhalb einer Stunde nach Beginn des Sodbrennens eingenommen werden.

 

Mithilfe numerischer und verbaler Skalen beurteilten die Patienten ihre Beschwerden vor und bis zu sechs Stunden nach der Einnahme (in der ersten Stunde alle zehn Minuten, dann nach 1,5; 2; 2,5; 3 und 6 Stunden) und dokumentierten dies in Patiententagebüchern. Wurde das Sodbrennen innerhalb von zwei Stunden durch die jeweilige Studienmedikation nicht ausreichend gelindert, stand es den Patienten frei, ein Zusatzmedikament ihrer Wahl einzunehmen.

 

Der Schweregradverlauf des Sodbrennens wurde mithilfe des Heartburn-Severity-Scores abgebildet (0 = kein Sodbrennen; 10 = sehr starkes Sodbrennen). Der Rückgang der Beschwerden wurde durch den Heartburn-Relief-Score (HRS) erfasst: 0 entspricht dabei keiner Besserung, 4 einer kompletten Symptomreduktion. Zur vergleichenden Bewertung der Wirksamkeit der einzelnen Medikationen wurde nach 30, 60 und 180 Minuten die Summe der jeweiligen HRS-Werte gebildet.

 

Primärer Zielparameter war die Wirkung von Hydrotalcit im Vergleich zu Placebo zwischen 0 und 60 Minuten nach der Einnahme. Hier zeigte sich Hydrotalcit mit einem HRStotal von 11,6 (± 6,9) Placebo (HRStotal = 9,8 ± 6,7) statistisch signifikant überlegen (p<0,0001).

 

In einem zweiten Schritt wurden weitere Zielparameter ausgewertet. So besserten sich die Beschwerden 30 Minuten nach der Einnahme unter Hydrotalcit statistisch signifikant stärker (p<0,0001) als unter Famotidin beziehungsweise Placebo, zwischen denen keine Unterschiede festzustellen waren (HRStotal nach 30 Minuten von Hydrotalcit: 4,1 ± 3,6; Famotidin: 3,3 ± 3,6; Placebo: 3,4 ± 3,4). Auch nach drei Stunden schnitt Hydrotalcit am besten ab, wenn es um das Nachlassen des Sodbrennens ging. Im direkten Vergleich untereinander zeigten Famotidin und Placebo wiederum keine signifikanten Unterschiede.

 

Rascher Wirkeintritt

 

Ein rascher Wirkeintritt ist in der symptom-orientierten Therapie für die Patienten ein entscheidendes Kriterium. Der deutlichste Effekt auf das Ausmaß des Sodbrennens wurde in der ersten Stunde nach der Applikation beobachtet. Dabei zeigte sich unter Hydrotalcit bereits nach 10 Minuten ein stärkerer Effekt als unter den beiden Vergleichsmedikationen (statistisch signifikant zwischen 10 min und 3 h), während Placebo und Famotidin innerhalb der ersten Stunde einen vergleichbaren Effekt ergaben. Im weiteren Verlauf war die Wirkung von Famotidin etwas stärker ausgeprägt als der Placeboeffekt.

 

Bereits 20 Minuten nach der Einnahme waren in der Hydrotalcit-Gruppe mehr Patienten völlig beschwerdefrei als in den beiden anderen Gruppen. Nach drei Stunden waren mehr als 70 Prozent der Patienten mit Hydrotalcit-Behandlung ohne Symptome. Grund für den schnellen Wirkeintritt von Hydrotalcit ist, dass das Schichtgitterantacidum seine säurebindende Wirkung direkt im Magen entfaltet. H2-Rezeptorantagonisten und PPIs können dagegen erst nach ihrer systemischen Aufnahme wirken. Antacida haben jedoch im Vergleich zu H2-Rezeptorantagonisten eine kürzere Wirkungsdauer, sodass nach sechs Stunden mehr Patienten unter Famotidin (86 Prozent) als unter Hydrotalcit (82 Prozent) beschwerdefrei waren. Unter Placebo waren 80 Prozent der Teilnehmer nach sechs Stunden ohne Beschwerden.

 

Nebenwirkungen auf Placeboniveau

 

Jeweils nur 2 Prozent der Teilnehmer aller drei Gruppen griffen innerhalb der ersten zwei Stunden nach der Einnahme der Studienmedikation zu einem weiteren Arzneimittel gegen ihr Sodbrennen. Die globale Wirksamkeit nach drei Stunden wurde von 55 Prozent (Hydrotalcit), 49 Prozent (Famotidin) und 45 Prozent (Placebo) der Studienteilnehmer als »gut« beziehungsweise »sehr gut« eingestuft.

 

Der Prozentsatz unerwünschter Wirkungen war unter allen drei Studienmedikationen vergleichbar niedrig. Möglicherweise arzneimittelbezogene Nebenwirkungen wurden von 6,2 Prozent der Hydrotalcit-, 7,0 Prozent der Famotidin- und 6,0 Prozent der Placebo-Patienten berichtet. Am häufigsten waren dabei Durchfall, Blähungen, Übelkeit und Kopfschmerzen.

 

Bei Patienten mit gelegentlichem und leicht ausgeprägtem Sodbrennen sind die preisgünstigen Antacida eine wichtige Behandlungsoption, auch dann wenn PPIs zur Verfügung stehen. Da PPIs wie H2-Rezeptorantagonisten im Vergleich zu Antacida einen langsameren Wirkeintritt aufweisen, erscheinen sie für die symptom-orientierte Akuttherapie weniger geeignet. So haben in den bisher publizierten Studien zur bedarfsgesteuerten Behandlung mit PPIs die Patienten durchschnittlich 0,7 Dosen pro Tag eingenommen, eine Menge, die nahezu einer Dauertherapie mit PPIs entspricht. Für gelegentliche, kurze Episoden sind Antacida deshalb das Mittel der ersten Wahl, in der Erhaltungstherapie spielen sie jedoch keine wichtige Rolle. Wegen des schnellen Wirkeintrittes können Antacida auch bei Patienten mit einer stärkeren Krankheitsausprägung, die unter der Therapie mit H2-Rezeptorantagonisten oder PPIs unter Durchbruchsymptomen leiden, hilfreich sein.

 

Fazit

 

Insgesamt zeigte sich eine Einzeldosis von 1000 mg Hydrotalcit über einen Zeitraum von drei Stunden nach der Einnahme dem H2-Rezeptorantagonisten Famotidin (10 mg) sowie Placebo signifikant überlegen: Sodbrennen wurde rascher und effektiver gelindert &#8211 bei gleich guter Verträglichkeit. Bis zu drei Stunden nach Einnahme war Hydrotalcit einer Behandlung mit Famotidin oder Placebo überlegen. Mehr als 70 Prozent der Patienten waren innerhalb der ersten drei Stunden unter Hydrotalcit völlig beschwerdefrei, nach sechs Stunden lag der Anteil symptomfreier Patienten bei 82 Prozent. Die Wirkung von Hydrotalcit setzte bereits wenige Minuten nach der Einnahme ein. Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Einnahme von Antacida im Rahmen der Selbstmedikation eine effektive und gut verträgliche Therapieoption bei Patienten mit episodischen Sodbrennen ist.

Literatur

Holtmeier W, Holtmann G, Caspary WF, Weingärtner U: On-demand Treatment of Acute Heartburn With the Antacid Hydrotalcite Compared With Famotidine and Placebo. J Clin Gastroenterol 2007;41:564-570.

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