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PZ-Leserreise

Highlights im Land der Highlands

09.08.2007  09:58 Uhr

PZ-Leserreise

Highlights im Land der Highlands

Von Sven Siebenand, Schottland

 

Wer hätte nicht gleich die Highlands, Loch Ness, Clankrieger im Kilt, Dudelsackspieler und Whisky im Sinn, wenn er an Schottland denkt? Die Teilnehmer der PZ-Leserreise machten sich im Juli auf den Weg, die Heimat von fünf Millionen Menschen und zwölf Millionen Schafen zu erkunden.

 

Seit je her werden dem Whisky alle möglichen magischen und medizinischen Eigenschaften zugeschrieben, zahlreiche Legenden ranken sich um das Lebenswasser. So sollen Mönche das Rezept im Mittelalter nach Schottland gebracht haben. Drei neue Berufe seien dadurch entstanden: Steuereintreiber, Schwarzbrenner und Schmuggler. Viele berühmte Destillerien stehen heute dort, wo sich einst illegale Brennereien befanden.

 

Ob legal oder illegal: Die Zutaten, aus denen »uisce beatha« (gesprochen: ischke baha oder ischke ba), das Wasser des Lebens, entsteht, sind immer die gleichen, nämlich Gerste, Hefe und Wasser.

 

Eine für Schottland ungewöhnliche Hitze und ein würziger Geruch herrschen in den Hallen der Destillerie Glen Garioch. Was den Besuchern in die Nase steigt, ist der Geruch der Maische in den sogenannten Mash Tuns. Bevor das Malzschrot dort hineinkommt, muss sich die Stärke in den Gerstenkörnern zunächst in Zucker umwandeln. Dazu wird das Getreide eingeweicht und zum Keimen auf Böden, den Malting Floors, ausgelegt. Wenn die Gerste nach dem Einweichen einen Wassergehalt von etwa 45 Prozent aufweist, läuft die Umwandlung von Stärke in Zucker am besten ab. Damit alle Körner gleichmäßig keimen, muss die Gerste regelmäßig gewendet werden. Früher geschah das per Hand und Schaufel, heute erledigt eine Wendemaschine die anstrengende Arbeit. Viele Destillerien sind heute auch dazu übergegangen, gekeimte Körner einzukaufen.

 

Destilliertes Starkbier

 

Im Normalfall dauert das Keimen einige Tage. Danach wird der Vorgang abgebrochen, indem die feuchte Gerste auf Rosten ausgebreitet und von unten mit Heißluft getrocknet wird. Fügt man dem Trocknungsfeuer Torf zu, erhält das entstehende Malz eine rauchige Note.

 

Eine Getreidemühle zerkleinert das Malz zu Mehl, dem Grist, der dann mit heißem Wasser im Maischebottich (Mash Tun) vermischt wird. Das Mahlen zählt zu den großen Geheimnissen jeder Brennerei, denn der Grist darf nicht zu grob sein. Ansonsten löst sich nicht der gesamte Zucker heraus. Ist das Mehl zu fein, so verklebt es und der Zucker kann sich ebenfalls nicht zu 100 Prozent im heißem Wasser auflösen.

 

Dreimal wird der Malzbrei mit Wasser behandelt, bevor die Zuckerlösung abgekühlt wird. Hefen bringen diese zum Gären. Auf 15.000 Liter Zuckerlösung kommen circa 50 Kilogramm Hefekulturen. Die ausgelaugte Maische kann zu Tierfutter verarbeitet werden.

 

Die so entstehende Flüssigkeit nennen die Schotten Wort. Sie verbleibt für die nächsten zwei bis vier Tage in großen Gärbottichen, den Wash Backs. Ist die Gärung abgeschlossen, liegt eine Art Starkbier mit einem Alkoholgehalt von 8 bis 9 Prozent vor. Der sogenannte Wash ist nun bereit für die Destillation. Alle Single Malt Whisky Brennereien arbeiten mit mindestens zwei hintereinander geschalteten Destillierkolben, den Pott Stills. Nur der mittlere Teil des Durchlaufs, zwischen Vorlauf und Nachlauf, kommt zur Reifung in Eichenfässer.

 

Der Anteil der Engel

 

Laut Gesetz muss schottischer Whisky mindestens drei Jahre und einen Tag darin reifen. Single Malt Whisky lagert in der Regel mehr als acht Jahre, sehr gute Single Malt Whiskys 12 bis 21 Jahre. Single Malt darf sich nur das Erzeugnis aus einer einzigen Brennerei nennen. Dabei kann ein Single Malt durchaus eine Mischung sein: Vor der Abfüllung wird der Inhalt mehrerer Fässer zur Erzielung eines einheitlichen »Hausstils« in Farbe, Geschmack und Geruch gemischt. Trägt der Whisky eine Jahres- oder Altersangabe, dann bezieht sich diese auf den Whisky in dem jüngsten verwendeten Fass. Unter einem Blend versteht man einen verschnittenen Whisky.

 

Gelangt der Whisky mit etwa 63,5 Prozent Alkoholgehalt in die Fässer, so verdunstet durch die Wand ständig ein kleiner Teil des Inhalts. Da Alkohol flüchtiger ist als Wasser, verdunstet während der Lagerung mehr Alkohol als Wasser. Pro Jahr sinkt der Alkoholgehalt um 0,5 bis 1 Prozent. Diesen verdunstenden Anteil nennen die Arbeiter in den Brennereien Angles´ Share, den Anteil der Engel.

 

Vermutlich hat ein kleiner Schluck Whisky bei Engeln eine ähnlich aufheiternde Wirkung wie bei Menschen. Im Rahmen eines Symposiums informierte PZ-Chefredakteur Professor Dr. Hartmut Morck, dass 2 cl Whisky, 100 ml Wein oder 200 ml Bier etwa acht Gramm Alkohol enthalten. Das kleine Ethanol-Molekül kann sich relativ schnell ubiquitär im Körper verteilen, die Blut-Hirn-Schranke überwinden und damit seine bekannten Wirkungen entfalten.

 

Mit etwa 50 Gramm Alkohol pro Tag kommt die männliche Leber klar, etwa 30 Gramm Alkohol sind es bei Frauen, informierte Morck. Doch bei dieser Alkoholmenge ist bei vielen noch lange nicht Schluss: Etwa acht bis zehn Millionen Deutsche trinken zu viel, 3 Prozent der Bevölkerung sind Alkoholiker. »Alkoholismus ist eine Krankheit«, warnte Morck eindringlich vor den Folgen von Flat-rate-Saufpartys, die unter Jugendlichen gerade in Mode sind.

 

Das Rauschtrinken, im Englischen Binge drinking, ruft zunehmend Suchtexperten auf den Plan. »Die Alkopop-Generation säuft sich selbst zu Tode, wie neueste Zahlen zeigen«, warnte die Londoner Tageszeitung »Independent« Ende Februar. Laut dem britischen Office for National Statistics (ONS) tranken die 11- bis 15-Jährigen im Jahr 2004 doppelt so viel Alkohol pro Woche wie 1990. Während sich der Konsum bei den Jungen anscheinend stabilisiert, nimmt er bei Mädchen weiterhin zu, so die ONS-Experten. Sowohl 23 Prozent der Mädchen als auch Jungen dieser Altersgruppe hätten bei Befragungen angegeben, in der Vorwoche Alkohol getrunken zu haben. Vor dem Jahr 2004 sei dieser Anteil bei Jungen stets höher gewesen als bei Mädchen, doch diese holen offenbar kräftig auf.

 

Der Kater am Morgen danach

 

Der sogenannte Kater am Tag nach übermäßigem Alkoholgenuss hat zwei Ursachen. Zum einen ist Ethanol ein Vasodilatator und verursacht so Dehnungskopfschmerz. Hinzu kommt die Vergiftung mit dem Ethanol-Abbauprodukt Acetaldehyd, die typischerweise zu Unwohlsein und Übelkeit führt.

 

»Fettes Essen kann bei einer Verkehrskontrolle zum Verhängnis werden«, räumte Morck mit dem Gerücht auf, dass man möglichst fett essen soll, wenn man große Mengen Alkohol zu sich nimmt. Im Normalfall wird 30 bis 60 Minuten nach Alkoholgenuss die höchste Blutkonzentration erreicht. Fettes Essen verschiebt diesen Höhepunkt. So kann es passieren, dass die Blutspiegel auch viele Stunden nach dem letzten Glas noch über der zugelassenen 0,5-Promille-Grenze liegen.

 

Als Richtwert: 0,1 Promille bei Männern und 0,083 Promille bei Frauen kann der Körper pro Stunde abbauen. Unter Umständen ist die Nacht daher zu kurz, um den Rausch auszuschlafen und sich morgens verkehrstüchtig hinters Steuer zu setzen.

 

Stoned in Stone Age

 

Die Vorfahren der Schotten griffen nicht unbedingt zur Whisky-Flasche, um sich zu berauschen, sondern zu halluzinogenen Pflanzen, zum Beispiel zur sogenannten Henbane-Pflanze. Der Name heißt übersetzt soviel wie Hennen-Töter. Pharmazeuten dürfte der lateinische Name Hyoscyamus niger für das Schwarze Bilsenkraut geläufiger sein.

 

Das Nachtschattengewächs enthält wie Stechapfel und Tollkirsche hoch giftige Tropan-Alkaloide, vor allem L-Hyoscyamin und Scopolamin. Typische Symptome einer Vergiftung sind heiße Haut, Gesichtsröte, trockene Schleimhaut, Schluckbeschwerden, Heiserkeit, Pupillenveränderung, Sehstörungen, Herzbeschwerden, Sedierung, aber auch Erregung und Halluzinationen.

 

Im Archaeolink Prehistory Park erfuhren die Besucher aber nicht nur, wie sich die Vorfahren in Ekstase versetzten und wie es in vorgeschichtlicher Zeit vom Mesolithikum bis zu den Pikten in Schottland ausgesehen haben könnte. Spätestens in der Eisenzeit verwendeten die Menschen bereits eine Reihe von Arzneipflanzen, die heute noch als Heilpflanzen im Einsatz sind. So zum Beispiel Frauenmantelkraut (Herba Alchemillae), das damals vermutlich bei Frauenleiden Verwendung fand. Bis jetzt konnten Forscher diese dem Frauenmantel zugesprochenen Wirkungen nicht eindeutig bestätigen. Frauenmantelblätter haben jedoch einen hohen Gerbstoffgehalt und wirken so gegen Durchfallerkrankungen.

 

Die frischen Blätter des Wiesen-Sauerampfers (Rumex acetosa, Polygonaceae) halfen den Vorfahren, zerdrückt als Auflagen, bei Wunden und Entzündungen. Noch heute lernen schottische Kinder, nach dem Kontakt mit Brennnesseln nach Sauerampfer Ausschau zu halten, der häufig in der Nähe der Nesseln wächst. Weitere »alte Bekannte«, die schon in der Eisenzeit eine Rolle spielten, sind Beinwell und Minze.

 

Zudem nutzten die Menschen damals bereits Färberröten oder Krappe (Rubia-Arten) zum Färben. Die Wurzeln enthalten einen roten Farbstoff, aus dem die sogenannten Krapplacke gewonnen werden. Der Färberkrapp (Rubia tinctorum) zum Beispiel ist eine bis zu etwa einem Meter hohe Pflanze. Frisch ist das Rhizom innen gelb, erst beim Trocknen entwickelt sich der rote Farbstoff Alizarin. Neben Alizarin sind Purpurin, Pseudopurpurin und andere organische Verbindungen in der Wurzel enthalten.

Neue Erkenntnisse zum Wirkmechanismus von Efeu

Für viele pflanzliche Arzneimittel ist der Wirkmechanismus auf molekularer Ebene noch nicht eindeutig geklärt. Bei einem von der Firma Engelhard unterstützten Symposium in Edinburgh erklärte Professor Dr. Hanns Häberlein vom Institut für Physiologische Chemie der Universität Bonn den Wirkmechanismus von Efeuextrakt, der als Expectorans bei Atemwegserkrankungen eingesetzt wird (Prospan®). Mithilfe der Fluoreszenz-Korrelations-Spektroskopie (FCS) ist Häberleins Forscherteam dem molekularen Geschehen bereits seit einigen Jahren auf der Spur und dessen Aufklärung nun erneut ein Stück näher gekommen.

 

Die Arbeitsgruppe konnte nachweisen, dass die hustendämpfende, schleim- und krampflösende Wirkung vorwiegend auf &#9462-adrenergen Effekten beruht. Von entscheidender Bedeutung sind die Efeu-Saponine &#945-Hederin und dessen Prodrug Hederacosid C, das besser ins Blut aufgenommen wird als &#945-Hederin. Letzteres erhöht die &#9462-adrenerge Ansprechbarkeit der Lungenepithelzellen unter stimulierenden Bedingungen. Dies hat zwei Effekte zur Folge. Zum einem wird im Zellinneren vermehrt cyclisches Adenosinmonophosphat (cAMP) gebildet, was wiederum eine vermehrte Produktion von Surfactant in den Epithelzellen der Alveolen hervorruft. Das Gemisch aus Lipiden und Proteinen reduziert die Oberflächenspannung, verhindert den Kollaps der Lungenbläschen am Ende der Ausatmung, ermöglicht die optimale Lungenventilation, erleichtert den alveolaren Gasaustausch und verbessert den Transport von Schleim.

 

Zum anderen führt die erhöhte &#9462-adrenerge Ansprechbarkeit zur Erschlaffung der Bronchialmuskulatur, was ebenfalls Atmung und Abhusten erleichtert. Aufgrund der erhöhten cAMP-Konzentration wird die intrazelluläre Ca2+-Konzentration erniedrigt, was letztlich eine Relaxation der glatten Bronchialmuskulatur nach sich zieht.

 

Wie lässt sich die erhöhte &#9462-adrenerge Ansprechbarkeit der Bronchialmuskulatur und Lungenepithelzellen erklären? Mithilfe immunhistochemischer Methoden konnte Häberlein in vitro nachweisen, dass &#945-Hederin die Umverteilung der &#9462-Rezeptoren zu inaktiven Komplexen hemmt, sodass die Anzahl aktivierter Rezeptoren erhöht ist. Zudem hemmt das Molekül die Internalisierung von &#9462-Rezeptoren. So bleibt die Rezeptordichte an der Zellmembran auch unter stimulierenden Bedingungen hoch und führt zu einer gesteigerten Ansprechbarkeit der Zelle.

Niemand reizt mich ungestraft

 

Nationalpflanze Schottlands ist die Distel, deren Devise lautet: »Niemand reizt mich ungestraft«. Dass die Eselsdistel (Onopordum acanthium L., Asteraceae) ihren Platz im Wappen der Stuarts gefunden hat und die Schotten diese Pflanze verehren, liegt nicht an ihrem Nutzwert oder ihrer Stattlichkeit, sondern an einer Begebenheit, die im Mittelalter während des Krieges zwischen Schotten und Nordländern stattgefunden haben soll.

 

König Haakon IV. war mit seiner Wikingerflotte in Schottland an Land gegangen. Nachdem seine Truppe sogar die Boote über die Highlands getragen hatte, um die Schotten hinterrücks zu überfallen, befahl Haakon seinen Männern auch noch die Schuhe auszuziehen, um sich noch leiser anpirschen zu können. So schlichen sich die Wikinger eines Nachts barfuß an ein Lager der Schotten heran, um diese mit einem Überraschungsangriff zu überlisten. Diese Nacht war so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen erkennen konnte, geschweige denn die Distel-Büsche am Boden, in die die Angreifer hineintraten und dann schmerzerfüllt aufschrien. Das alarmierte die Wachen und das schottische Heer, das die Situation sofort erkannte und die Wikinger angriff. Die Schotten gewannen die Schlacht und machten die Distel später zu ihrer Nationalpflanze. Der Distelorden (Order of the thistle) repräsentiert heute die höchste Ehre in Schottland.

 

Algen &#8211 nicht nur für Pudding

 

In Schottland gibt es nur etwa 1600 einheimische höher entwickelte Pflanzen, berichtete Dr. Gregory Kenicer im Royal Botanic Garden Edinburgh. Zwei Gründe führte er dafür an: Zum einen die Eiszeit, die erst vor rund 11.500 Jahren endete, zum anderen der Inselstatus, der seit etwa 6000 Jahren besteht. Die Lage am Meer bringe es auch mit sich, dass Meeresalgen in Schottland schon seit Langem genutzt werden. Kenicer teilte sie in drei große Gruppen ein: Grünalgen (Chlorophyta), Rotalgen (Rhodophyta) und Braunalgen (Phaeophyta). Aus Rotalgen, unter anderem dem Irisch Moos (Chondrus crispus), wird zum Beispiel Agar-Agar und Carrageen gewonnen. Carrageen-Pudding ist mancherorts der Stolz schottischer Köche. Kenicers Pudding-Urteil fiel jedoch eher nüchtern aus: Egal, was man dem Pudding hinzufügt, er schmecke nach rein gar nichts. Selbst Curry könne daran nichts ändern.

 

»Ob als Delikatesse, Tierfutter oder Düngemittel: Schon immer haben Küstenbewohner Algen in irgendeiner Form verwendet«, informierte auch PZ-Chefredakteur Professor Dr. Hartmut Morck. Alginate sind als Polysaccharide für Reißfestigkeit und Biegsamkeit der Alge verantwortlich. Das wichtigste Strukturpolysaccharid der Braunalge ist die Alginsäure, die bisher synthetisch nicht herstellbar ist und aus Säurederivaten der Mannose und der Glucose zusammengesetzt ist, also aus Mannuronsäure und Guluronsäure.

 

Die Alginsäure ist kein einheitlicher Stoff. Je nach Herkunftsland und Jahreszeit variieren die einzelnen Kettenglieder. In den Zellwänden sind die freien Carboxylgruppen der Uronsäuren über bivalente Kationen wie Calcium oder Magnesium miteinander verbunden, was zur Stabilität der Gesamtstruktur beiträgt.

 

Am Anfang des Herstellungsverfahrens der Alginate werden die frischen oder getrockneten Braunalgen mit Natriumcarbonat behandelt. Dadurch entstehen lösliche Natriumsalze der Alginsäure, Alginate. Nach Zugabe von Calciumchlorid fallen Calciumalginate aus und werden gereinigt. Mittels Salzsäure entstehen im nächsten Schritt dann freie Alginsäuren, aus denen wieder Natriumalginate hergestellt werden. Diese befinden sich in kristalliner Form auf dem Markt.

 

Für Bierschaum und Tabletten

 

Die Fähigkeit der Alginate, Gele jeder gewünschten Viskosität bilden zu können, die geschmacksneutral und chemisch nicht reaktionsfähig sind, eröffnet ein großes Spektrum von Anwendungsbereichen &#8211 von der Lebensmitteltechnologie über Farbauftrageverfahren bis hin zu Kosmetika und Arzneimitteln. Die Gele sind völlig stabil und werden von Mikroorganismen kaum besiedelt oder zersetzt.

 

Alginate sind zum Beispiel in Schlagsahne, Joghurt, Eiscreme, Sahnetorten und Bier (Schaumkrone) enthalten. Aus der Kosmetik sind sie zum Beispiel als Sprengmittel in Badetabletten, als Stabilisatoren in Emulsionen oder als Viskositätserhöher kaum noch wegzudenken. Auch als Wundauflagen eignen sie sich, da sie atemaktiv sind, aber dennoch keine Bakterien zulassen, betonte Morck. Last but not least spielen Alginate auch als Hilfsstoffe, zum Beispiel als Matrixsubstanzen zur Herstellung von Retardtabletten eine pharmazeutische Rolle. Die gebildete Gelschicht ermöglicht eine gesteuerte Wirkstofffreisetzung.

 

Leider helfen die Alginate nicht, Culicoides impunctatus in den Highlands und Culicoides halophilus an der Küste fernzuhalten. Fast jeder Schottland-Reisende macht mit diesen bisswütigen Stechfliegen, schottisch Midges, mindestens einmal Bekanntschaft und verdankt ihnen die ein oder andere juckende Pustel. Die Insekten sind nur etwa zwei Millimeter groß, schwarz und kommen in Schottland in 34 Arten vor, von denen fünf besonderen Appetit auf menschliches Blut haben.

 

Für schlimmere Fälle als Insektenstiche gibt es in Großbritannien seit mehr als 50 Jahren den NHS (National Health Service). Bei der Gründung des britischen Gesundheitswesens im Jahr 1948 war der Grundsatz der Gleichbehandlung entscheidend. Alle Menschen Großbritanniens sollten Zugang zu den gleichen medizinisch notwendigen Leistungen erhalten. Eine medizinische Grundversorgung ist somit jedem garantiert.

 

Jobmaschine NHS

 

Die Behandlung beim Arzt ist kostenlos, Praxisgebühren oder Selbstbeteiligung gibt es nicht. Bei Medikamenten muss aber zugezahlt werden. Kinder, Jugendliche und Rentner sind zuzahlungsbefreit. Zudem werden für Zahnbehandlungen und Brillen Zuzahlungen gefordert.

 

Die Beiträge für den NHS werden automatisch monatlich vom Lohn abgezogen und richten sich nach der Höhe des Einkommens. Mit mehr als einer Million Mitarbeitern ist der NHS vermutlich der drittgrößte Arbeitgeber der Welt, nach der chinesischen Volksarmee und der indischen Eisenbahn.

 

Als erste Anlaufstelle im Krankheitsfall dient der Hausarzt. Freie Wahl haben die Patienten im britischen Gesundheitssystem dabei kaum. Die Wahl des Hausarztes hängt allein von der Postleitzahl des Wohnorts ab. Zwar finden sich in den Städten mehrere Hausärzte in einem Bezirk. In der Regel sind die Praxen aber so überfüllt, dass man sich glücklich schätzen kann, von einem Arzt in die Patientendatei aufgenommen zu werden. Ein Hausarzt betreut in Großbritannien im Schnitt etwa doppelt so viele Patienten wie sein deutscher Kollege.

 

An einen Spezialisten können sich die Patienten nur mit einer Überweisung vom Hausarzt wenden. Die Fachärzte arbeiten in der Regel im Krankenhaus. Abgesehen von teuren Privatpraxen gibt es kaum niedergelassene Fachärzte. Um einen Termin beim Spezialisten zu bekommen, müssen sich NHS-Patienten jedoch lange gedulden. Unter anderem um diese Wartezeit zu verkürzen, schließen viele zusätzlich eine private Krankenversicherung ab, die wesentlich günstiger ist als in Deutschland. Im Jahr 2003 besaßen bereits circa 15 Prozent der Bevölkerung eine Zusatzversicherung &#8211 Tendenz steigend.

 

Bezugsquelle Supermarkt

 

Tendenz steigend: Das trifft auch auf die Verkaufszahlen pflanzlicher Nahrungsergänzungsmittel in Großbritannien zu. Allerdings spielen öffentliche Apotheken bei der Versorgung mit Phytopharmaka nur eine geringe Rolle, wie Professor Dr. Michael Heinrich von der School of Pharmacy der Universität London in einem Vortrag verdeutlichte. Pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel seien in Großbritannien vielerorts zu kaufen, unter anderem in Supermärkten, im Internet, in sogenannten Health-food-Stores und auch in Apotheken.

 

»Den Begriff Phytotherapie kennt man in Großbritannien gar nicht, vielmehr gehört sie zur Komplementärmedizin«, beschrieb Heinrich die Situation. Mit Professor Morck war er sich einig, dass die Situation auf dem Phyto-Markt ganz anders ist als in Deutschland. So gibt es in Großbritannien kein derart reglementiertes System für Phytopharmaka wie hierzulande. Das hat zur Folge, dass abgesehen von Senna-Produkten unlizensierte pflanzliche Produkte auf dem britischen Markt eher die Regel als die Ausnahme sind. Beim Besuch des Phytoherstellers A.Vogel/ Bioforce wies das Unternehmen daher mit großem Stolz darauf hin, dass ein Echinacin-Präparat und ein Arnika-Gel der Firma in Großbritannien registriert seien &#8211 aus deutscher Sicht sicher keine Besonderheit, aus britischer dagegen sehr.

 

Die Flut unlizensierter Phyto-Produkte birgt Risiken für Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit, so Heinrich. Die unkontrollierte Verwendung und das fehlende Bewusstsein für mögliche Interaktionen machte er anhand eines Beispiels deutlich. Bei einer Befragung von 100 Krankenhauspatienten gab die Hälfte von ihnen an, Phytopharmaka einzunehmen. Allerdings fand sich im Medikationsbogen des Krankenhauses bei keinem dieser Patienten ein Hinweis darauf. »Wenn die Pharmazie in Großbritannien patientenorientiert ist, wie es immer heißt, dann muss man sich zukünftig auch die Frage stellen, wie man mit den Phytotherapeutika umgeht«, mahnte Heinrich.

 

Übungsapotheke an der Uni

 

Dazu wäre es sicher sinnvoll, den Anteil an pharmazeutischer Biologie im Lehrplan der schottischen Pharmaziestudenten zu erhöhen. Der Dekan der Pharmazeutischen Fakultät der Robert-Gordon-Universität Aberdeen, Professor Dr. Terry Healey, berichtete, dass das Pharmaziestudium in Großbritannien bis zum Abschluss Master of Pharmacy (Mpharm) vier Jahre dauert. Ebenso wie in Deutschland schließt sich daran ein einjähriges Praktikum an. Etwa 60 Prozent aller Abgänger arbeiten später in einer Offizinapotheke, von denen es in Schottland rund 2400 gibt &#8211 teils Ketten-, teils Privatapotheken.

 

Die Royal Pharmaceutical Society of Great Britain (RPSGB), die pharmazeutische Kammer, legt in 51 Punkten die Inhalte des Pharmaziestudiums fest. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf den Patienten, Medikamente und die Rolle des Apothekers als Dienstleister im Gesundheitswesen gelegt. Anders als in Deutschland sind diese Kriterien als Lernziele und nicht wissensorientiert formuliert. Wird in den ersten beiden Semestern die wissenschaftliche Basis geschaffen, so steht bereits im zweiten Studienjahr die Klinische Pharmazie auf dem Lehrplan. Kontakt mit Patienten innerhalb und außerhalb des Campus, Mitarbeit in Krankenhausapotheken und bei NHS 24, einer Rund-um-die-Uhr-Telefon-Hotline: Sämtliche Praktika zeichnen sich durch ein hohes Maß an Patientenorientierung aus. In den Räumen der Universität befindet sich sogar eine vollständig eingerichtete Übungsapotheke, wo die Studenten Beratungsgespräche trainieren können. Bei Wettbewerben wird der Nachwuchs-Apotheker gekürt, der am besten berät.

 

In Großbritannien haben Gesundheitspolitiker das Potenzial der Arzneimittelexperten erkannt und sich für die stärkere Einbindung von Apothekern in die Betreuung der Patienten entschieden: Nach entsprechender Weiterbildung dürfen Apotheker in Großbritannien in Eigenregie Rezepte ausstellen. Dadurch sollen Ärzte entlastet und Patienten besser und umfassender betreut werden. Die britischen Pharmazeuten nehmen die Herausforderung an und setzen damit der Kommerzialisierung ihres Berufsbilds eine neue Qualität entgegen, mit der sie ihre Unabhängigkeit und Unverzichtbarkeit herausstellen.

Medizinpioniere aus Schottland

Beim Stichwort »Berühmte schottische Ärzte« werden den meisten Apothekern spontan zwei Namen einfallen: Alexander Fleming, der Ende der 1920er-Jahre das Penicillin entdeckte, sowie Joseph Lister, der als Vater der antiseptischen Chirurgie gilt und in einem Atemzug mit Robert Koch und Louis Pasteur, den Vätern der Bakteriologie, genannt wird. Doch es gibt so viele berühmte schottische Ärzte, dass der Pharmaziehistoriker Dr. Gerhard Gensthaler den Teilnehmern der PZ-Leserreise nur einige vorstellen konnte.

 

Bedingt durch die Expansionspolitik des Empire nahm auch die Militärmedizin gewaltigen Aufschwung. Der Anatom John Hunter (1728 bis 1793), der die Truppen nach Frankreich und Portugal begleitete, gilt als Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie. James Lind (1716 bis 1794) nahm sich der katastrophalen Hygiene auf den Schiffen der Royal Navy an. Er bekämpfte die Rattenplage, gewann Trinkwasser durch Destillation von Seewasser und erkannte als Erster den Zusammenhang von Skorbut und Zitrusfrüchten. Sepsis und Asepsis waren die großen Themen des Militärarztes und Professors der Moralphilosophie, John Pringle (1707 bis 1782). Er gilt als Begründer der modernen Militärpharmazie.

 

Auch einige berühmte Gynäkologen führte Gensthaler auf, zum Beispiel William Smellie (1697 bis 1763) und William Cullen (1710 bis 1790). Mit seiner »Synopsis Nosologica medicae« schuf Cullen 1785 den Vorläufer der ICD (International Classification of Diseases and Related Health Problems). Die Kern-Klassifikation wird bis heute als Systematik für Krankheiten und Verletzungen von der WHO weitergeführt.

 

Wie energisch und zäh schottische Frauen sein können, bewies Elizabeth Blackwell (1821 bis 1910), die als Elfjährige mit ihren Eltern in die USA auswanderte und nach langen Kämpfen dort Medizin studieren durfte. 1849 machte sie als erste US-amerikanische Ärztin ihren Abschluss. Nach ihrer Rückkehr nach England gründete sie 1871 die »National Health Society«, die Vorläuferin des heutigen NHS.

Schottischer Erfindergeist

 

Als ebenso unverzichtbar für Wissenschaft und Forschung gelten seit mehreren hundert Jahren viele Mediziner Schottlands und ihre Entwicklungen. Der vorerst letzte Star in der Reihe »Weltberühmtheiten aus Schottland« ist am 5. Juli 1996 in Edinburgh zur Welt gekommen und wurde keine sieben Jahre alt: das Klonschaf Dolly.

 

Die beiden Forscher Keith Campbell und Ian Wilmut vom Roslin Institute bei Edinburgh gelten als die wissenschaftlichen Väter des Lammes. Ihnen gelang es, aus dem Erbgut einer einfachen Körperzelle einen lebensfähigen Nachkommen zu erzeugen. Dolly war eine nahezu identische Kopie des Spendertiers, aus dessen Euterzellen die Wissenschaftler die Erbinformation entnommen haben. Diese DNA wurde mit einer vorher entkernten Eizelle eines anderen weiblichen Spendertiers fusioniert. Dabei gelangt die DNA in die entkernte Eizelle. Die sich entwickelnde Eizelle pflanzten die Wissenschaftler in ein anderes Schaf ein, die eigentliche Leihmutter, die Dolly schließlich auf die Welt brachte.

 

Im Laufe ihres Lebens wurde Dolly mehrfach Mutter &#8211 auf natürlichem Wege. Am 14. Februar 2003 musste sie wegen einer schweren Lungenkrankheit eingeschläfert werden. Dolly zeigte zu diesem Zeitpunkt bereits Alterserscheinungen wie Arthrose. Es wird diskutiert, ob es sich dabei um Folgen des Klonens handelt, denn die implantierte DNA stammte von einem erwachsenen Tier.

 

Dolly lebte mit sechseinhalb Jahren deutlich kürzer als das Durchschnitts-Schaf. Die natürliche Lebenserwartung der etwa zwölf Millionen schottischen Schafe, vorwiegend Schwarzkopfschafe und Cheviotschafe, liegt bei durchschnittlich zehn bis zwölf, maximal bei 20 Jahren.

Der Autor

Sven Siebenand studierte Pharmazie an der Martin-Luther-Universität in Halle. Die Approbation als Apotheker erfolgte 2001 im Anschluss an das praktische Jahr in einer öffentlichen Apotheke und in der pharmazeutischen Industrie bei der Merck KGaA in Darmstadt. Nach einem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung arbeitet er seit 2006 als Redakteur bei der PZ und betreut die Ressorts Pharmazie und Campus.

 

E-Mail: siebenand(at)govi.de

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