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Narrenturm

Erstes Tollhaus am Platz

09.08.2007
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Narrenturm

Erstes Tollhaus am Platz

Von Ulrike Abel-Wanek, Wien

 

Jahrhundertelang vegetierten Geisteskranke in Gefängnissen vor sich hin, wurden zur Schau gestellt und gedemütigt. In Wien sollte das 1784 ein Ende haben, als nahe des berühmten Alten Allgemeinen Krankenhauses der »Narrenturm« entstand. Heute beherbergt er die Sammlung des Pathologisch-Anatomischen Bundesmuseums.

 

Um »die Kranken zu heilen und zu trösten« befahl der fortschrittlich denkende Kaiser Joseph II. (1765 bis 1790) den Umbau des alten Großarmenhauses in das Allgemeine Krankenhaus und den Neubau des »Narrenturms« auf dem heutigen Uni-Campus-Gelände im 9. Wiener Bezirk. Das wegen seiner zylindrischen Form im Volksmund auch salopp als »Gugelhupf« bezeichnete Gebäude war der erste Spezialbau zur Unterbringung von Geisteskranken in Europa und der Beginn einer humanitären Auffassung psychischer Krankheiten. Geistesgestörte sah man nun als eine zu behandelnde Gruppe an ­ auch zu Beginn der Aufklärung keine Selbstverständlichkeit. Denn das späte Mittelalter mit Folter und Teufelsaustreibung warf seine langen Schatten auch noch in die Neuzeit.

 

Geschichte des Wahnsinns

 

Seit Hippokrates gab es zahlreiche Beschreibungen von psychisch kranken Menschen und sogar Vorschläge für ihre Behandlung. Römische Überlieferungen berichten von körperlichen Anwendungen wie Massagen, Aderlässen, Diäten, Schröpfen und Ölumschlägen am Kopf der Kranken. Die Reinigung der vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle standen im Altertum ganz oben auf der Liste möglicher Therapien. Aber auch die psychische Beeinflussung der Verwirrten kommt im 1. Jahrhundert nach Christus bereits zur Sprache. Berichtet wird von »heilsamen Gesprächen«, aber auch von »heilsamem Schmerz und Schrecken«, der die Kranken von ihrer dämonischen Besessenheit befreien sollte. Räumlich wurden sie manchmal isoliert und in Zimmern mit hoch liegenden Fenstern untergebracht, aus denen sie nicht flüchten konnten. Psychiatrische Krankenhäuser sind aus der Antike aber nicht bekannt.

 

Im Mittelalter gründeten Kirchen und Ordensgemeinschaften spezielle Spitäler, in denen neben Armen und Hilfsbedürftigen auch Geisteskranke Obdach fanden. Parallel entwickelten sich weltliche Formen der Fürsorge und führten vielerorts zur Gründung von Städtischen Bürgerhospitälern, in denen auch »harmlose Irre« aufgenommen wurden. Unruhige und aggressive Kranke hingegen sperrte man in die Stadtmauern oder steckte sie vor der Stadt in eigens dafür aufgestellte Holzkisten. Tausende von hilflosen Geisteskranken endeten im späten Mittelalter auf dem Scheiterhaufen, weil man sie als von Geistern und Dämonen besessen ansah. Nicht nur fanatische Gottesmänner, auch die damalige Ärzteschaft glaubte an den teuflischen Ursprung der Erkrankungen. Sie befassten sich deshalb kaum mit den Wahnsinnigen, vielmehr waren Theologen, Exorzisten und Teufelsaustreiber für sie zuständig. Bis zur Aufklärung im 18. Jahrhundert war die »Behandlung« psychisch kranker Menschen schlicht eine Katastrophe. Viele Patienten wurden angekettet, misshandelt und fristeten gemeinsam mit Armen, Prostituierten, Landstreichern und Straftätern ein trostloses Dasein bis zur völligen Verwahrlosung.

 

Therapie und Aufsicht

 

Als am 19. April 1784 die ersten Patienten aus verschiedenen Spitälern Wiens in den »Narrenturm« übersiedelten, glich dieser mehr einem dunklen Verlies als einer Heilanstalt. Dennoch fand mit dem Bau des fünfstöckigen Turms ein Paradigmenwechsel in der Behandlung psychisch Kranker statt. Wer dort war, wurde einerseits von der Gesellschaft entfernt, konnte aber auch damit rechnen, so etwas wie Patientenstatus zu bekommen und, im besten Fall, wieder ein »nützliches Mitglied« der Gesellschaft zu werden. Therapieren und Beaufsichtigen gingen von nun an Hand in Hand. Dieses Prinzip findet seinen Ausdruck nicht zuletzt in der Architektur des Rundbaus mit seinem zentralem Kontrollraum. Von hier aus hatte das Personal viele der 28 Zellen pro Etage gut im Blick. Original erhalten sind noch einige der aus dicken Brettern gefertigten Türen mit einem kleinen vergitterten Guckloch in der Mitte.

 

Aus heutiger Sicht erscheint der festungsähnliche Rundbau mit den schlitzartigen Fenstern dennoch eher als eine unmenschliche Verwahranstalt mit bescheidenen Behandlungsmöglichkeiten. Die Verabreichung von Bittersalzen und Brechweinstein, kalte Güsse und Eiswasserklistiere zählten zum therapeutischen Rüstzeug ebenso wie die sogenannte Hydro-Therapie, bei der der Patient nicht selten so lange unter Wasser blieb, bis sich die Haut ablöste. Ein leitender Arzt wurde erstmals 1817 ernannt, als der »Narrenturm« schon länger als 30 Jahre stand. Dieser »Primararzt« kümmerte sich von nun an mit zwei Kollegen ausschließlich um die Insassen, die bis dahin von einigen jungen Ärzten des Allgemeinen Krankenhauses mal mehr und mal weniger medizinisch mitversorgt worden waren. Als einige Jahre später der Mediziner Michael Viszanik die ärztliche Leitung des Turms übernahm, ließ er aus den Zellen ganze 30 Zentner Ketten entfernen, mit denen man die tobenden Kranken bis dahin fixiert hatte &#8211 wenn auch mehr zum Schutz vor sich selbst und dem der Mitpatienten als zur Strafe. Ihre Schreie waren dennoch kilometerweit zu hören.

 

Mangelnde ärztliche Versorgung auf der einen Seite, aber auch gravierende Fehlkonstruktionen des Gebäudes verschärften die ohnehin schweren Lebensbedingungen im »Narrenturm«. Das scheinbar ausgeklügelte, auf Schächten basierende und von vier Öfen im Keller betriebene Heizungssystem beispielsweise leitete Rauch und Abgase anstatt warmer Luft in die Zellen. Wasser musste aus dem nicht weit entfernten Allgemeinen Krankenhaus geholt werden &#8211 hauptsächlich von den friedlichen und deshalb nicht angeketteten Patienten, die in den unteren Etagen des Turms untergebracht waren.

 

Schön-schaurige Präsentation

 

Der nach 1866 stillgelegte Turm beherbergt heute das Pathologisch-Anatomische Bundesmuseum mit der größten und ältesten medizinischen Sammlung der Welt. Sie ist die einzige ihrer Art, die der Öffentlichkeit uneingeschränkt zugänglich ist. Unter den aufschlussreichen, wenn auch teils gruseligen Exponaten befinden sich Tausende von Feuchtpräparaten menschlicher Abnormitäten und Missbildungen, konserviert in Formaldehyd, darunter beispielsweise die weltweit größte Sammlung von Nieren- und Gallensteinen. Viele der gezeigten Wachsmoulagen, das heißt Wachs- und Paraffin-Abdrücke kranker Körperteile, Tumoren und Verletzungen, wurden berühmt wegen ihrer detailgetreuen Darstellung. Krankheitsbedingt veränderte Knochen- und Trockenpräparate und alte medizinische Geräte sind eine einzigartige Dokumentation körperlicher Hinfälligkeit.

 

Beim Rundgang bleibt bei manchem Exponat der Schock nicht aus, denn deutlich bekommt der Besucher vor Augen geführt, was es hieß, in einer Zeit zu erkranken, als die Medizin nur über einen Bruchteil ihrer heutigen Möglichkeiten verfügte. So zeigt ein Modell den Kopf eines Mannes, dem ein Pferd den Unterkiefer zertrümmerte, der dann operativ entfernt wurde. Überlebte überhaupt jemand einen so folgenreichen Unfall, musste er lange vor der plastischen Wiederherstellungschirurgie schwer entstellt den Rest seiner Tage fristen. Normale Nahrungsaufnahme war unmöglich, das Essen wurde zerkleinert vermutlich direkt in die Speiseröhre eingeführt.

 

Seit 1796 forschte man in Wien in der pathologischen Anatomie nach wissenschaftlichen Standards. Die im selben Jahr gegründete, zunächst im Alten Allgemeinen Krankenhaus untergebrachte Sammlung, stammte von den etwa 600 Leichen, die pro Jahr ins Spital kamen sowie von verschiedenen dort durchgeführten Autopsien. Seit der Übersiedlung aus den Räumen des pathologisch-anatomischen Universitätsinstituts in den »Narrenturm« 1971, wuchs die Sammlung von 7000 auf heute rund 50.000 Objekte an und wird laufend erweitert.

Interessierte Besucher können die Sammlung mit einer Führung besichtigen. Nach Anmeldung finden auch Sonderführungen für Kinder statt. Für Personen medizinischer Berufe ist die Ausstellung während der Öffnungszeiten frei zugänglich:

 

Mittwoch 15.00 bis 18.00

Donnerstag 8.00 bis 11.00

Jeden ersten Samstag im Monat 10.00 bis 13.00

 

Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum, Uni-Campus, Spitalgasse 2, 1090 Wien. Informationen im Internet unter www.narrenturm.info. Telefon (0043) 1-4 06 86 72-2.

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