Pharmazeutische Zeitung online
Notfallpharmazie

Was wäre, wenn?

10.08.2016  09:04 Uhr

Von Maria Pues, Quakenbrück / Die Versorgung der Bevölkerung im Katastrophenfall ist eine Aufgabe, die nicht nur im Ausland erfüllt werden muss, und sie betrifft nicht nur Ärzte und Rettungs­dienste. Auch die Apotheken sind in das Netz eingebunden.

Bei den Begriffen Notfall- und Kata­strophenpharmazie denken viele vermutlich zunächst an Rettungseinsätze nach Erdbeben oder Hurrikanen, die ganze Landstriche verwüsten, die Infrastruktur zerstören und sich vor allem im Ausland abspielen. Aber auch hierzulande können Krisen das Leben und die Versorgung von Menschen gefährden, wie nicht erst die schweren Unwetter der letzten Zeit zeigen. Erinnert sei etwa an das Schneechaos im Münsterland im Jahr 2005, bei dem zahlreiche Strommasten umknickten und in der Folge rund 250 000 Menschen zum Teil über mehrere Tage ohne Strom waren. Bereits ein Babyfläschchen aufzuwärmen, stellte ein Problem dar.

Vorbereitet sein

 

Die »bestmögliche pharmazeutische Versorgung der Bevölkerung in Notfällen, Krisen, Katastrophen und sonstigen Ausnahmesituationen« sicherzustellen, lautet die Zielsetzung in der Notfall- und Katastrophenpharmazie. Hintergründe und Einzelheiten erläuterte Dr. Daniel Neuser, Krankenhausapotheker am Klinikum Krefeld, bei einer Veranstaltung der AG KatPharm (siehe Kasten) im Versorgungs- und Instandsetzungszentrum in der Artland-Kaserne in Quakenbrück. Apotheken sind in solchen Situationen gefordert, gleichzeitig möglicherweise aber auch betroffen. Für sie – die öffentlichen ebenso wie die Krankenhausapotheken – stellen sich daher vor allem zwei Fragen: Welche Arzneimittel und Informationen benötigt die Bevölkerung möglicherweise? Und wie kann die Apotheke in einem Katastrophenfall handlungsfähig bleiben, um diese Aufgaben zu erfüllen? Vorbereitung und Vernetzung spielen dabei eine wichtige Rolle.

 

Es gilt zu bedenken, dass Offizinen und Krankenhausapotheken verschiedene Stärken, aber auch Schwächen haben. So besitzen öffentliche Apotheken ein breites Warenlager, dessen Zusammen­setzung allerdings von der Nachfrage abhängt. In ihrem Sortiment befindet sich »wenig von viel«, so Neuser. Der Vorrat reicht für durchschnittlich eine Woche, denn eine Belieferung erfolgt üblicherweise mehrmals täglich. Krankenhausapotheken haben hingegen – anders als von vielen Laien vermutet – nur ein sehr schmales Sortiment, davon jedoch einen größeren Vorrat, also »viel von wenig«. Der Vorrat reicht durchschnittlich für zwei Wochen. Ein großes Sortiment findet sich beim pharmazeutischen Großhandel, doch ist die Zahl der Niederlassungen begrenzt. Auch gibt es dort keinen Not- oder Wochenenddienst.

Die AG KatPharm

In der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) ist die Arbeitsgemeinschaft Notfall- und Katastrophenpharmazie (AG KatPharm) eine noch junge Abteilung. Sie gründete sich im September 2014 auf der DPhG-Jahrestagung in Frankfurt am Main. Die AG KatPharm beschäftigt sich unter anderem »mit wissenschaftlichen Fragestellungen, die zum Beispiel mit der Herstellung, Prüfung und Lagerung von Arzneimitteln unter erschwerten Bedingungen zusammenhängen« (Web­site der DPhG), aber auch mit organisatorischen und juristischen Fragestellungen.

Analyse der Situation

 

»Man muss in seinen Überlegungen nicht von der größtmöglichen Katastrophe ausgehen, wenn man seine Apotheke auf mögliche Notsituationen vorbereiten möchte«, rät Neuser. Vielmehr solle man in der Apotheke und in deren Umfeld nach verwundbaren Punkten suchen und sich mögliche Lösungen überlegen. Gibt es nur einen Zufahrtsweg in den Ort? Dann sollte über alternative Belieferungsmöglichkeiten nachgedacht werden. Befindet sich die Apotheke in der Nähe eines Gewässers, empfiehlt sich eine erhöhte Lagerung der Arzneimittel. Welche Folgen hätte es, wenn in der Region – wie seinerzeit im Münsterland – über längere Zeit der Strom ausfällt? Dies beträfe nicht nur die Apotheken-EDV, sondern auch den Arzneimittel-Kühlschrank, Waagen und Wasserbad in der Rezeptur. Manche Apotheke besitzt bereits heute eine eigene Notstromversorgung oder hat eine Möglichkeit gefunden, schnell mit einem Notstromaggregat versorgt zu werden. Und wie sähe es gegebenenfalls mit der Personaldecke aus, etwa bei einer Grippeepidemie?

 

Neuser rät zu einem Notfallordner, der auch QMS-Bestandteil sein kann. Dieser sollte alle wichtigen Informationen enthalten, zum Beispiel was bei einem Stromausfall zu tun und wer in welchen Situationen zu benachrichtigen ist. Auch die Telefonnummern ehemaliger Mitarbeiter, die reaktiviert werden können, wenn etwa das Stammpersonal erkrankt ist, sollten sich hier finden, ebenso wie Informa­tionen zu relevanten Arbeitsabläufen, zum Beispiel in der Rezeptur. Der Referent erinnerte an die Vorbereitungen für eine mögliche Grippeepidemie, die eine Zubereitung von Oseltamivir- Lösung vorsah. Auch die Kontaktdaten von Lieferanten, Kooperationspartnern, Versorgern oder Behörden sollten enthalten sein. Außerdem sollten sich hier Alarmpläne und Anweisungen für Notfälle finden lassen.

 

Verantwortung jedes Einzelnen

Katastrophenpharmazie beginnt sinnvollerweise nicht erst im Falle einer Krise. So können Apotheken ihre Kunden frühzeitig für einen möglichen Notfall und die sich daraus häufig ergebende erschwerte Versorgung sensibilisieren. Neuser kritisierte eine bei manchen Menschen vorherrschende Sorglosigkeit und Vollkaskomentalität nach dem Motto »wenn etwas passiert, wird sich schon wer kümmern, und das umfassend«. Patienten sollten stets für einen ausreichenden Vorrat ihrer Dauermedikation sorgen, damit dessen Ende nicht mit einem unerwarteten Ereignis kollidiert. Auch eine durchdachte Hausapotheke stellt eine schnelle erste Versorgung sicher und mindert das Risiko, von Apotheke zu Apotheke zu laufen oder in langen Schlangen zu warten. Die AG KatPharm hat hierzu einen Flyer entworfen. Weitere allgemeine Ratschläge für den Katastrophenfall finden sich außerdem in einer Broschüre des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Kata­strophenhilfe (siehe Kasten).

 

Apotheker sind darüber hinaus nicht nur in ihren Apotheken wichtiger Bestandteil einer funktionierenden Versorgung auch im Not-, Krisen- oder Kata­strophenfall. Manche leisten außerdem ehrenamtliche Arbeit in Hilfsorganisationen, etwa im Fachbereich Pharmazie des Malteser Hilfsdiensts, im Sanitätsmaterial-Logistiktrupp oder im Arzneimittel-Depot des Deutschen Roten Kreuzes sowie in der Schnelleinsatzeinheit Bergung Ausland des Technischen Hilfswerks (THW). In Planung ist außerdem ein ziviles, mobiles, modulares Versorgungskonzept, an dem unter anderem das THW beteiligt ist.

 

Dass man in Fragen der medizinischen und pharmazeutischen Versorgung flexibel und lernfähig bleiben muss, zeigte außerdem der anschließende Vortrag von Flottenapotheker Wilfried Fellmann. So beinhaltet die Versorgung von Bundeswehrtruppen im Ausland nicht nur den Bedarf der Soldaten, sondern beispielsweise auch Kindernahrung und Hygieneartikel, denn meist sind in den Zielländern auch Frauen und Kinder betroffen. Zwar ist der Bestand beträchtlich, aber er werde verbraucht und nachbestellt, um zu vermeiden, dass große Mengen vernichtet werden müssen, weil etwa das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Für die Vorräte gelte heute die Maxime »umwälzen statt horten«. /

Links und Lesetipp

 

  • Homepage des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit Download- und Bestellmöglichkeit für einen zweibändigen Leitfaden zum Thema Katastrophenpharmazie sowie für einen allgemeinen Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsitua­tionen (www.bbk.bund.de)

 

  • Der Roman »Blackout« von Marc Elsberg schildert sehr spannend und realistisch, wie ein anfangs harmlos erscheinendes initiales Ereignis in der Stromversorgung Schritt für Schritt zu einem europaweiten Stromausfall führt. Er macht eindringlich klar, auf welche Lebens­bereiche sich dies auswirken kann.

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