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Selbstmedikation

Kopf unter Druck

09.08.2011
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Von Conny Becker / Kopfschmerzen behandelt ein Großteil der Geplagten selbst. Dies ist aus medizinischer Sicht zunächst auch akzeptabel. Um eine gute und sichere Therapie zu gewährleisten, sollten Apotheker jedoch den Kontext genau erfragen.

Rund 90 Prozent der Menschen mit Kopfschmerzen leiden unter einem primären Typ, das heißt, sie haben entweder eine Migräne, einen Kopfschmerz vom Spannungstyp oder eine Kombination aus beiden (Mixed Pain). Diese Kopfschmerzarten sind nicht gefährlich, können aber die Lebensqualität stark beeinträchtigen, sodass viele Patienten in der Apotheke Rat suchen. Hier gilt es, die Symptome detailliert abzufragen: Ist der Schmerz überwiegend von mittelstarker bis starker Intensität, einseitig lokalisiert und pulsierend-pochend, so ist häufig von einer Migräne auszugehen.

Diese wird im Gegensatz zum Spannungs­kopf­schmerz durch körperliche Aktivität verstärkt und geht entweder mit Übelkeit oder Erbrechen oder/und einer Licht- und Lärmempfindlichkeit einher. Die Anfälle dauern unbehandelt zwischen etwa 4 und 72 Stunden. Bei Kindern sind sie kürzer und können sich auch ohne Kopfschmerzen nur in heftiger Übelkeit, Erbrechen und Schwindel zeigen (siehe auch Neurologie: Migräne ohne Kopfschmerz, PZ 11/2011). Bei etwa 15 Prozent der Patienten wird die Migräne von einer Aura begleitet, die sich in Seh-, Gefühls- und Sprachstörungen oder einer einseitigen Schwäche äußern kann. Mehr als die Hälfte der Betroffenen hat ein bis zwei Tage vor einem Anfall Vorbotensymptome. Diese können sich als Heißhungerattacken, gesteigerte Leistungsfähigkeit und Stimmung zeigen, aber auch in Müdigkeit, Erschöpfung oder depressiver Verstimmung.

 

Ursachen unterscheiden

 

Die für Migräne charakteristischen Begleiterscheinungen sind bei Spannungskopfschmerzen nicht zu finden. Ursachen und Pathomechanismen sind auch heute noch weitgehend ungeklärt. Häufig ist ein Zusammenhang mit Schmerzen und Verspannungen der Nacken- und Schultermuskulatur erkennbar. Kopfschmerzen dieses Typs weisen meist einen dumpf-drückenden Charakter auf, sind beidseitig lokalisiert und leicht bis mittelstark.

 

Ob Spannungskopfschmerz oder Migräne, die medikamentöse Therapie der Kopfschmerzen unterscheidet sich in der Selbstmedikation zunächst nur wenig. In der Regel muss jeder Patient selbst herausfinden, welches Analgetikum bei ihm am besten hilft. Vor allem bei Migräne ist eine rechtzeitige Einnahme in ausreichender Dosierung wichtig. Zäpfchen, Brause- oder Kau­tabletten könnten einen Zeitvorteil bringen. Da Analgetika bei zu häufiger Einnahme zu einem arzneimittelinduzierten Kopfschmerz führen können, sollte sowohl Kombi- als auch von Monopräparate nicht mehr als an zehn Tagen pro Monat und ununterbrochen nicht länger als drei Tage verwendet werden.

 

Mittel der ersten Wahl in der Selbstmedikation von Spannungskopfschmerzen sind der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft zufolge:

 

zwei Tabletten der fixen Kombination aus ASS (250 bis 265 mg) plus Paracet­amol (200 bis 265 mg) plus Coffein (50 bis 65 mg)

ASS (1000 mg)

Diclofenac (12,5 oder 25 mg)

Ibuprofen (400 mg)

zwei Tabletten der fixen Kombination aus Paracetamol (500 mg) plus Coffein (65 mg).

 

Bei Migräneattacken besteht die höchste Evidenz in der Selbstmedika­tion für:

 

zwei Tabletten der fixen Kombination aus ASS (250 bis 265 mg) plus Paracet­amol (200 bis 265 mg) plus Coffein (50 bis 65 mg)

ASS (900 bis 1000 mg)

Ibuprofen (400 mg)

Phenazon (1000 mg)

Paracetamol (1000 mg)

Naratriptan (2,5 mg)

 

Mittel der ersten Wahl in der Therapie von Migräne oder Spannungskopfschmerz bei Kindern ist Ibuprofen, Mittel der zweiten Wahl Paracetamol.

Wann zum Arzt?

Ein Arztbesuch ist angezeigt, wenn Kopfschmerzen

 

an mehr als zehn Tagen pro Monat auftreten,

mit weiteren Symptomen wie Lähmungen, Gefühls-, Seh-, Gleichgewichtsstörungen, Augentränen oder starkem Schwindel einher­gehen,

mit psychischen Veränderungen wie Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, der Orientierung zu Zeit, Ort und Person einhergehen,

erstmals im Alter von über 40 Jahren auftreten,

in ihrer Intensität, Dauer und/oder Lokalisation unüblich sind,

erstmals während oder nach körperlicher Anstrengung auftreten und/oder sehr stark sind und in den Nacken ausstrahlen,

von hohem Fieber begleitet sind,

nach einer Kopfverletzung, zum Beispiel einem Sturz auftreten,

trotz Behandlung an Häufigkeit, Stärke und Dauer zunehmen,

zusammen mit einem epileptischen Anfall und Bewusstlosigkeit auftreten,

nicht mehr auf die bisher wirksamen Medikamente ansprechen.

 

Im Unterschied zu Spannungskopfschmerzen stützt sich die Migränetherapie neben Analgetika auf zwei weitere Säulen. Gegen Übelkeit sowie zur Beschleunigung der Schmerzmittel- sowie Triptanaufnahme dienen Metoclopramid und Domperidon, die beide verschreibungspflichtig sind. Sie sollten etwa eine Viertelstunde vor dem jeweiligen Migränemittel eingenommen werden.

 

Säulen der Migränetherapie

 

Die dritte Säule bilden die überwiegend noch rezeptpflichtigen Serotonin-5-HT1B/1D-Rezeptoragonisten, kurz: Triptane. Rezeptfrei erhältlich sind Naratriptan und seit Mai auch Almotriptan, das jedoch in der Kürze der Zeit noch keinen Eingang in die Leitlininen für die Selbstmedikation gefunden hat. Naratriptan weist einen verzögerten Wirkungseintritt sowie eine geringere Wirkstärke im Vergleich zu Sumatriptan auf, ist aber besser verträglich und zeigt durch eine längere Halbwertszeit eine geringere Rate an Wiederkehrkopfschmerz (Headache Recurrence). Dieser tritt bei den verschiedenen Triptanen zwischen 15 und 40 Prozent auf. Sie wird definiert als eine Zunahme der Kopfschmerzintensität von Kopfschmerzfreiheit oder von leichtem Kopfschmerz auf mittelschwere oder schwere Kopfschmerzen in einem Zeitraum von 2 bis 24 Stunden nach der ersten wirksamen Medikamenteneinnahme. Die Kombination mit einem lang wirksamen NSAR wie Naproxen senkt die Wahrscheinlichkeit für ein Wiederauftreten der Beschwerden.

 

Patienten sollten bei einem Migräneanfall auch Triptane so früh wie möglich einnehmen, jedoch noch nicht während der Auraphase. In dieser ist nicht mit einer Wirkung zu rechnen, da die während des Migräneanfalls eher erweiterten Blutgefäße zu diesem Zeitpunkt noch verengt sind. Lassen die Beschwerden nicht nach, sollten die Patienten keine zweite Tablette einnehmen, da die Beschwerden vermutlich nicht durch eine Migräne verursacht werden. Wie bei nichtsteroidalen Antirheumatika kann ein Wechsel innerhalb der Gruppe möglicherweise helfen, wenn die erste Substanz nicht wirksam war. Bei Wiederkehrkopfschmerz dürfen Patieten frühestens zwei Stunden nach der ersten Tablette eine zweite einnehmen.

Kontraindikationen für die Anwendung von Triptanen bestehen unter anderem bei Patienten mit einer Mangeldurchblutung des Herzens, Herzinfarkt sowie hohem oder schwer einstellbarem Blutdruck. Insbesondere wenn ein Triptan in der Selbstmedikation verlangt wird, gilt es außerdem, eine Komedikation mit Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Reuptake-Hemmer zu vermeiden, da andernfalls die Gefahr eines Serotoninsyndroms besteht.

 

Dafür müssen die Betroffenen allerdings in der Lage sein, ihre Migräne von einem Spannungskopfschmerz, bei dem sie unwirksam sind, eindeutig zu unterscheiden. Triptane können bei zu häufiger Einnahme zudem die Attackenfrequenz erhöhen und einen Kopfschmerz durch Arzneimittelübergebrauch beziehungsweise eine chronische Migräne hervorrufen. Daher sind sie höchstens zehn Tage pro Monat einzunehmen und höchstens drei Tage hintereinander.

 

Prophylaxe und Selbstmedikation

 

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt eine medikamentöse Prophylaxe der Migräne nur bei häufigen Attacken beziehungsweise bei Attacken mit ausgeprägten Beschwerden oder neurologischen Ausfällen. Die Prophylaktika der ersten Wahl sind ausschließlich verschreibungspflichtig: die Betablocker Metoprolol und Propranolol, der Calciumantagonist Flunarizin sowie die Antikonvulsiva Topiramat und Valproinsäure. Zu den Mitteln der zweiten Wahl zählen ASS, Magnesium, Vitamin B2 oder Coenzym Q10 als rezeptfreie Alternativen. Hier ist die Evidenzlage jedoch mäßig, da die existierenden Studien meist klein sind. Pestwurz findet sich zwar noch in den Leitlinien. In Deutschland ist mit diesem Wirkstoff jedoch kein Arzneimittel mehr zugelassen.

 

Patienten, die häufig an Spannungskopfschmerz leiden, profitieren oft von nicht-medikamentösen Maßnahmen wie Entspannungstechniken, Biofeedbackmethoden oder auch Sport. /

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