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Refluxkrankheit bei Kindern

Wenn aus Spucken mehr wird

10.08.2010
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Von Verena Ruß, München / Neue Leitlinien zur gastroösophagealen Refluxkrankheit (GÖRK) bei Kindern wurden formuliert und bei einem Round-Table-Gespräch in München vorgestellt.

»Speikinder sind Gedeihkinder – das stimmt nicht immer. Bei manchen Kindern ist das Spucken Anzeichen einer gastroösophagealen Refluxkrankheit, kurz GÖRK«, eröffnete Professor Dr. Sibylle Koletzko vom Dr.  von Haunerschen Kinderspital in München die Diskussion zu GÖRK bei Kindern. »Gerade bei Säuglingen und Kleinkindern sind die Symptome sehr unspezifisch und lassen sich in der Praxis nur schwer von anderen Ursachen unterscheiden. Auch die Definition, was noch ein normaler, physiologischer Reflux und was schon Krankheit ist, erweist sich oft als schwierig«, so die Kinderärztin weiter.

 

Spucken und schreien – was ist normal?

 

»Bis zu 70 Prozent aller gesunden Säuglinge spucken, besonders häufig in den ersten vier Lebensmonaten«, erklärte Koletzko. Das Spucken ist Folge einer bei Säuglingen nicht ausgereiften Entwicklung des Verdauungstraktes.

Der Mageneingangsmuskel öffnet sich spontan, sodass Nahrung in die Speiseröhre bis in den Mund zurückfließen kann. Wenn gleichzeitig Luft mit aufgestoßen wird, kann das wie Erbrechen aussehen. »Dies ist ein ganz normales Ereignis, das bei Säuglingen mehrmals täglich besonders nach den Mahlzeiten auftritt. Spuckt ein Baby aber regelmäßig mehrfach am Tag und schreit besonders häufig nach der Nahrungsaufnahme, kann das ein Hinweis auf GÖRK sein«, so die Ärztin. »Der saure Mageninhalt kann dann zu Beschwerden führen, die besonders für die kleinen Patienten belastend sind: Es kann zu chronischem Husten, Schmerzen, Fütter-, Gedeih- und Schlafstörungen kommen.«

 

GÖRK oder Kuhmilchallergie

 

Es fällt schwer, Kinder mit einem Risiko für GÖRK von gesunden Kindern mit Spucken zu unterscheiden, denn der Übergang ist fließend. »Erwachsene und Kinder ab circa acht Jahren können konkrete Angaben zu Art und Lokalisation ihrer Beschwerden machen, zum Beispiel Sodbrennen hinter dem Brustbein. Hier ist die Diagnosestellung einfach. Babys und Kleinkinder können das nicht. Die Diagnosestellung gestaltet sich hier extrem schwierig, denn auf geschilderte, oft emotional geprägte Symptomstellung der Eltern sollte der Kinderarzt nur bedingt vertrauen«, mahnte Koletzko. Mit den neuen Leitlinien bietet sich jetzt aber eine evidenzbasierte Hilfestellung, die die Treffersicherheit und zugleich den Heilungserfolg optimiert.

 

Symptome beim Säugling, wie Spucken, Nahrungsverweigerung, Schreien, Husten, Schlaf- oder Gedeihstörungen können Hinweis auf zahlreiche Krankheiten sein. Nahe liegt auch eine Kuhmilchallergie, die sich klinisch kaum von der GÖRK unterscheiden lässt. Erschwerend kommt hinzu, dass beide Erkrankungen bei Säuglingen überdurchschnittlich häufig gemeinsam auftreten. »Etwa 40 Prozent der kleinen Patienten mit GÖRK haben auch eine Kuhmilchallergie«, erläuterte Koletzko. »Der Kinderarzt muss deshalb bei diesen Symptomen als Erstes die Kuhmilchallergie bestätigen oder ausschließen.

 

Klarheit schafft man am besten mit einer Eliminationsdiät, die frei von Kuhmilchprotein über zwei bis vier Wochen durchgeführt wird. Liegt eine Allergie vor, verschwinden die Symptome während der Diät und man erhält eine Sofortreaktion nach Provokation mit Kuhmilch«, so die Ärztin. Bessern sich die Symptome jedoch nicht, sollten invasive diagnostische Maßnahmen durchgeführt werden, um zum einen die Diagnose GÖRK abzusichern und zum anderen, um eine medikamentöse Therapie mit einem Protonenpumpenhemmer (PPI), zum Beispiel Omeprazol, einzuleiten.

 

Bei älteren Kindern und Jugendlichen mit Refluxbeschwerden können Nahrungsmittelallergien auch zu Veränderungen der Speiseröhre, sogenannter eosinophiler Ösophagitis, führen und die Abgrenzung zu GÖRK erschweren. Endoskopische Untersuchungen sind auch hier notwendig. »Während bei einer gesicherten GÖRK unabhängig vom Alter PPIs eingesetzt werden sollen, sollten diese bei Nahrungsmittelallergie ohne GÖRK möglichst nicht verordnet werden«, so Koletzko weiter. »Neueste Studienergebnisse zeigten nämlich, dass es einen Hinweis gibt, dass die Einnahme von Omeprazol das Nahrungsmittelallergie-Risiko erhöhen kann.

 

Pepsin, das für die Proteinspaltung verantwortlich ist, kann nur im sauren Milieu entstehen. Ist der pH-Wert des Mageninhaltes durch PPIs jedoch angehoben, wird Pepsin nicht aktiviert und zu große Peptidstücke können im Darm als Allergene wirken. Dies könnte insbesondere im Kindesalter zu einer frühen Steigerung des Nahrungsmittelallergie-Risikos führen«, warnte sie. »Die PPI-Gabe sollte also streng indiziert sein. Denn häufig werden PPIs viel zu früh eingesetzt, und zu viele Verschreibungen werden allein auf Basis der Anamnese ohne invasive Diagnostik gemacht. Das sollte in Zukunft nicht mehr so sein«, riet die Kinderärztin / 

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