Pharmazeutische Zeitung online
Chronische Urticaria

Neue Leitlinie für abgestufte Therapie

10.08.2010
Datenschutz bei der PZ

Von Brigitte M. Gensthaler / Die chronische Nesselsucht ist ein quälendes Hautleiden. Nur ein Teil der Patienten wird dauerhaft geheilt, und viele Arzneistoffe werden off label eingesetzt. Eine neue Therapieleitlinie soll klare Wege aufzeigen und die Therapiesicherheit erhöhen.

Die neuen S3-Leitlinien zu Diagnose und Therapie der Urticaria sollen in Kürze veröffentlicht werden. Professor Dr. Bettina Wedi von der medizinischen Hochschule Hannover stellte das neue Stufenschema zur Therapie bei der Fortbildungswoche für praktische Dermatologie und Venerologie in München vor.

In Deutschland leiden schätzungsweise rund 800 000 Menschen an chronischer Urticaria. Die Nesselsucht ist gekennzeichnet durch Quaddeln und/oder Schwellung der Haut sowie starken Juckreiz. Erste Maßnahme sei es, Triggerfaktoren zu erkennen und zu vermeiden. Dazu gehören Arzneistoffe wie Acetylsalicylsäure und nicht-steroidale Antirheumatika, eventuell auch ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Blocker, ebenso wie chronisch entzündliche Prozesse und Schilddrüsenfunktionsstörungen. Auch chronische Infektionen, zum Beispiel mit Helicobacter pylori, können das Hautübel triggern. Nach erfolgreicher Eradikation verschwinde oft die chronische Urticaria, berichtete die Ärztin. Ein Teil der Patienten reagiert auf physikalische Stimuli wie Kälte, Wärme oder Licht mit der typischen Quaddelbildung.

 

Schließlich werden auch Nahrungsbestandteile als Auslöser verdächtigt. Die Universitätshautklinik der Charité in Berlin habe den Effekt einer Pseudoallergen-armen Diät in einer Studie mit 140 Patienten überprüft, berichtete Wedi. Nur bei jedem Dritten war die strenge Diät hilfreich, 14  Prozent hatten einen starken Nutzen davon.

 

Abgestufte Therapie

 

Ist die Vermeidung von Triggerfaktoren nicht möglich oder erfolglos, empfiehlt die neue Leitlinie, die Medikamente nach einem Stufenplan einzusetzen. Auf Stufe 1 stehen immer die modernen nicht-sedierenden H1-Antihistaminika in Standarddosen. Es gebe keine Vorteile für einzelne Wirkstoffe, betonte Wedi. Für schwangere Frauen gilt Loratadin als Mittel der ersten Wahl. Ältere Antihistaminika haben in der Routinebehandlung keinen Platz mehr.

 

Zeigt sich innerhalb von zwei Wochen kein Erfolg, folgt die Stufe 2. Hier wird die Dosis des Arzneistoffs bis zu vierfach erhöht. In einer kleineren Vergleichsstudie mit Levocetirizin und Desloratadin sei etwa die Hälfte der Patienten mit der Vierfachdosis beschwerdefrei geworden; ein Switch auf das jeweils andere Medikament habe kaum weitere Vorteile gebracht. Eine Sedierung trat laut Wedi nicht auf. Dennoch sollte der Apotheker die Patienten auf die potenzielle Gefahr von Müdigkeit, zum Beispiel im Straßenverkehr, hin-­weisen.

 

Nach einer bis vier Wochen kann der Arzt auf Stufe 3 übergehen. Hier wird empfohlen, das Antihistaminikum zu wechseln; zusätzlich kann Montelukast verordnet werden. Wenn nach vier Wochen kein Nutzen erkennbar ist, wird der Leukotrien-Antagonist wieder abgesetzt, erklärte die Dermatologin.

 

Bleibt auch Stufe 3 erfolglos, führt die Leitlinie in der letzten Stufe mehrere Arzneistoffe auf, die bei dieser Indikation alle off label eingesetzt werden. Auf eine Therapie mit Ciclosporin A sollte der Patient innerhalb von sechs Wochen ansprechen, sonst setzt man das Medikament ab.

 

Off label auf Stufe 4

 

Überrascherweise werden auch H2-Antihistaminika als Option genannt. Dies beruhe auf älteren Studien, in denen die Kombination von Cimetidin mit H1-Rezeptorenblockern erfolgreich war, erklärte Wedi im Gespräch mit der PZ. Möglicherweise beruhe der Nutzen auf Interaktionen an Cytochrom-P450-Enzymen und daraus resultierenden höheren Blutspiegeln der Arzneistoffe. Das Lepramittel Dapson kann vor allem bei Druck-induzierter Urticaria helfen.

 

Hoffnungen weckt der monoklonale Antikörper Omalizumab bei chronischer Urticaria. Aufgrund vielversprechender Ergebnisse werde dieser Arzneistoff weiter untersucht; denkbar sei eine Indikationserweiterung, berichtete Wedi. Einige Ärzte setzen auch Chloroquin über vier bis sechs Monate und bis zu einem Jahr mit Erfolg ein. Das Malariamedikament wird aber nicht in der Urticaria-Leitlinie aufgeführt.

 

In der Stufe 3 und 4 könne der Arzt bei Exazerbationen (akuten Verschlimmerungen) kurzfristig Glucocorticoide verordnen. »Kurzfristig heißt eine bis zwei Wochen«, so die Dermatologin. Jede kontinuierliche Therapie solle nach drei bis sechs Monaten überprüft werden, »um eine Spontanremission nicht zu verpassen«. / 

Mehr von Avoxa