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Olympia 2008

Spitzenmedizin für Spitzensportler

04.08.2008  17:09 Uhr

Olympia 2008

Spitzenmedizin für Spitzensportler

Von Christiane Berg, Hamburg

 

Im Fernsehen werden nur die Höchstleistungen der Sportler gezeigt. Welchen hohen logistischen Aufwand die medizinische Betreuung der Athleten bedeutet, bleibt den Zuschauern verborgen.

 

Mit der deutschen Olympiamannschaft sind circa 40 Physiotherapeuten und 20 Ärzte zur medizinischen Betreuung der rund 400 Athleten nach Peking gereist. Die überwiegende Zahl der Physiotherapeuten und Ärzte, zu denen nicht nur Orthopäden und Schmerztherapeuten, sondern auch Internisten, Gynäkologen, Zahn- und Augenärzte zählen, praktiziert in eigenen Behandlungszimmern in den Quartieren der von ihnen betreuten Sportart. Darüber hinaus existiert eine medizinische Zentrale, die tagsüber durchgehend ärztlich und physiotherapeutisch besetzt ist. »Nachts besteht Rufbereitschaft«, sagte Klaus Eder, leitender Physiotherapeut der deutschen Olympiamannschaft auf einer gemeinsamen Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) sowie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) in Hamburg.

 

Die medizinische Zentrale unter Leitung des Olympia-Arztes Professor Dr. Wilfried Kindermann sei Beratungs- und Therapiezentrum nicht nur für Athleten, sondern auch für Trainer und Betreuer und somit insgesamt circa 700 Personen, die zur Olympiade nach Peking entsandt worden sind. Hier wird die medikamentöse Grundausstattung vorgehalten. Darüber hinaus, so Eder, hat jeder Arzt bereits im Vorfeld der Reise auf Anforderung sein individuell geschnürtes Medikamentenpaket bekommen, damit er Patientinnen und Patienten mit vertrauten Medikamenten behandeln kann. Zur detaillierten Diagnose und Therapie von Sportverletzungen und Überlastungsreaktionen stünden nicht nur zahlreiche Labor-, Ultraschall- und Elektrotherapiegeräte, sondern auch ein Kernspintomograf bereit.

 

Hoher logistischer Aufwand

 

Ob Medikamente, Verbandmaterialien, Salben oder Massageöl: Eder sprach von einem »riesigen logistischen Aufwand« im Vorfeld der Olympiade. So hätten 30.000 Einzelartikel per EDV erfasst und für die chinesischen Einwanderungsbehörden registriert werden müssen. Großen Platz im Olympia-Gepäck nähmen allein Tape-Verbände zur Rehabilitation und zum Schutz von Gelenken ein. Bereits bei den Olympischen Spielen in Athen seien 30.000 Meter Tape zur Prophylaxe und Therapie von Sportverletzungen zum Einsatz gekommen. Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit oder Smog: Ärzte und Physiotherapeuten seien auf die extremen Bedingungen in Peking vorbereitet, die den Athletinnen und Athleten hohe Anpassungsfähigkeiten abverlangen.

 

Besonderes Augenmerk, so Eder, müssen sie auf den Kampf gegen Doping und die Einhaltung der Anti-Doping-Regularien richten. Sie seien mitverantwortlich für das, was der Athlet ein- und zu sich nimmt. Gemäß Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) 2008, die auch für die Olympischen Spiele in Peking Gültigkeit hat, sind zum Beispiel Glucocorticoide dopingverdächtig. So ist für den Einsatz von Cortison zur Therapie von Entzündungen und Schmerzen eine Ausnahmegenehmigung erforderlich.

 

Die Richtlinien des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und der WADA beinhalten auch Vorgaben zur Meldung der Aufenthaltsorte (»Whereabouts«) der Athletinnen und Athleten, damit jederzeit spontan Dopingkontrollen durchgeführt werden können. Im Fokus der Arbeit der Physiotherapeuten stehe jedoch die Prävention und Heilung von Sportverletzungen durch die gezielte Kombination von Massagen, Mobilisierung, Stabilisationstraining einzelner Muskelgruppen oder funktionelles Muskelaufbautraining. Von jedem Sportler werde das Maximale gefordert. Zu seiner Unterstützung werde jeder Athlet daher täglich körperlich untersucht. Täglich werde geprüft, ob Muskeln, Bänder und Gelenke ausgewogen und entspannt zusammenarbeiten.

 

»Profisport ist ein Beruf mit Risiken«, sagte Eder, der seit 1988 auch Physiotherapeut der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sowie des deutschen Davis-Cup-Teams ist. Durch das starke körperliche Training sei der Körper eines Leistungssportlers jedoch weniger anfällig und auch regenerationsfähiger als der Körper eines Breitensportlers. Der Profisportler verfüge über ein ausgewogenes neuromuskuläres Bewegungssystem. Bei Verletzungen spezifischer Körperregionen wie Waden, Knie oder Schultern seien durch gleichzeitiges Training von Ausdauer, Belastbarkeit und Kraft des gesamten Bewegungsapparates optimale Rehabilitationsverläufe gewährleistet. Physiotherapeutisch, so Eder, lassen sich im Spitzensport Erkenntnisse gewinnen, die zu Therapiestandards in der Behandlung von Verletzungen auch im Breitensport führen.

 

Ergebnisse für den Breitensport

 

»Das Risiko von Sportverletzungen muss wie im Spitzen-, so auch im Breitensport durchaus ernst genommen werden«, sagten der DGOOC-Präsident Professor Dr. Joachim Grifka sowie der DGU-Präsident Professor Dr. Axel Ekkernkamp. So komme es im Breitensport jährlich zu rund 1,5 bis 2 Millionen Verletzungen, deren Therapie pro Jahr rund 1,5 Milliarden Euro kostet. Die Folgen und Kosten des zivilisationsbedingten Bewegungsmangels und ernährungsbedingter Erkrankungen seien jedoch sehr viel dramatischer und um ein Vielfaches höher. Grifka und Ekkernkamp zeigten sich daher erfreut, dass etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung aktuellen Statistiken gemäß regelmäßig Sport in und außerhalb von Vereinen betreibt.

 

Im Vereinssport sei das Fußballspiel mit 34,3 Prozent der Sportunfälle die gefährlichste Sportart, gefolgt vom Skisport mit 11,9 Prozent sowie Handball mit 7,5 Prozent. Auch im nicht organisierten Sport führe der Fußball mit 17,2 Prozent die Rangliste der Sportunfälle an, gefolgt vom Skisport mit 10,9 Prozent und Inlineskating mit 9,2 Prozent der Unfälle. Bei Sportunfällen werden am häufigsten die Sprung- (25 bis 30 Prozent) und Kniegelenke (15 bis 20 Prozent) sowie der Kopf (10 bis 14 Prozent) verletzt. Welche Sportart auch immer betrieben wird: Zur Vorbeugung und Vermeidung von Sportverletzungen, so Grifka, ist nicht nur eine gute Fitness, sondern auch eine professionelle Trainingsvorbereitung durch sorgfältiges vorheriges Aufwärmen sowie die Nutzung der richtigen Ausrüstung erforderlich. Weiterhin sei es wichtig, die für die jeweilige Sportart erforderlichen Techniken systematisch zu erlernen.

 

Ekkernkamp betonte, dass Unterschiede bei sporttreibenden Kindern unter und über zehn Jahren zu verzeichnen sind. Während es in den ersten Lebensjahren eher zu Stürzen aufgrund mangelnder koordinativer Fähigkeiten kommt, verletzen sich Kinder über zehn Jahren häufiger aufgrund ihres risikoreicheren Verhaltens. Kleinere Kinder könnten eher von einer allgemeinen motorischen Schulung profitieren. Bei über Zehnjährigen müssten zur Vermeidung von Sportverletzungen Risikoaufklärung und gezieltes Training von Kraft und Ausdauer im Fokus stehen. Zur Umgehung von Überlastungsschäden sei die regelmäßige sportmedizinische Untersuchung sporttreibender Kinder und Jugendlicher angezeigt.

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