| Sven Siebenand |
| 04.05.2026 15:30 Uhr |
Schätzungen zufolge sind hierzulande rund 4,2 Prozent der Erwachsenen alkoholabhängig. / © GettyImages/jopstock
Präklinische Studien und erste Studien am Menschen deuten darauf hin, dass der GLP-1-Rezeptoragonist Semaglutid den Alkoholkonsum senken könnte. In der nun im Fachjournal »The Lancet« publizierten Phase-II-Studie wurde die Wirksamkeit einer einmal wöchentlichen Semaglutid-Gabe bei therapiesuchenden Patienten mit Alkoholabhängigkeit und komorbider Adipositas untersucht.
Insgesamt 108 Teilnehmer wurden in die 26-wöchige, randomisierte und doppelblinde Studie aufgenommen. Sie erhielten – zusätzlich zur standardmäßigen kognitiven Verhaltenstherapie – einmal wöchentlich entweder 2,4 mg Semaglutid oder eine Kochsalzlösung als subkutane Injektion. Der primäre Endpunkt war eine Verringerung der Anzahl der Tage mit starkem Alkoholkonsum nach 26 Behandlungswochen. Als Tage mit starkem Alkoholkonsum galten bei Frauen Tage mit mehr als 48 g Alkohol, bei Männern mit mehr als 60 g Alkohol. In der Semaglutid-Gruppe gab es eine Abnahme dieser sogenannten Heavy Drinking Days (HDD) um 41,1 Prozentpunkte, unter Placebo um 26,4 Prozentpunkte.
Der gesamte Alkoholkonsum bezogen auf 30 Tage sank unter Semaglutid um durchschnittlich 1550 g, unter Placebo um 1026 g. Zudem war das Verlangen nach Alkohol (Craving) in der Verumgruppe geringer im Vergleich zur Placebogruppe.
Die unerwünschten Ereignisse von Semaglutid waren vorübergehende, im Allgemeinen leichte bis mittelschwere gastrointestinale Nebenwirkungen.
Gegenüber dem Science Media Center ordnete Professor Dr. Patrick Bach vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim das Studienergebnis ein. »Die bisher vorliegenden Daten sind ermutigend und zeigen signifikante und klinisch bedeutsame Effekte von Semaglutid auf Alkoholkonsum und Alkoholverlangen. Bisherige Daten weisen allerdings vor allem darauf hin, dass Semaglutid zwar die konsumierte Alkoholmenge reduzieren kann. Es fehlen allerdings Belege für eine Förderung beziehungsweise Aufrechterhaltung einer kompletten Abstinenz.«
Diese sei für die meisten Patienten mit Alkoholabhängigkeit das primäre Behandlungsziel und auch das Behandlungsziel nach deutschen S3-Leitlinien. Desweiteren vermisst Bach Daten zu möglichen Toleranz- und Rebound-Effekten während beziehungsweise nach der Therapie. »Für eine breite Anwendung oder Off-Label-Empfehlung ist es daher noch zu früh und ein besseres Verständnis der Langzeitwirkung ist dringend erforderlich.«
Zu den wesentlichen Einschränkungen zählt für Bach das monozentrische Design mit nur 108 Teilnehmenden sowie das Einschlusskriterium eines Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 30 kg/m2. Dies begrenze die Generalisierbarkeit auf die Gesamtpopulation der Personen mit Alkoholabhängigkeit stark beziehungsweise lasse lediglich Aussagen für Personen mit gleichzeitig vorliegendem Übergewicht zu.
Der genaue Wirkmechanismus von Semaglutid bei Alkoholabhängigkeit ist noch nicht final geklärt. Bach sagt aber dazu: »Es konnte gezeigt werden, dass Semaglutid die Ausschüttung von Dopamin nach Einnahme von Alkohol bei Versuchstieren reduzieren konnte – ein neurobiologischer Schlüsselmechanismus für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeitserkrankungen.«