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Arzneimittelfälschungen

Behörden schlagen Alarm

07.08.2007
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Arzneimittelfälschungen

Behörden schlagen Alarm

Von Daniel Rücker 

 

Arzneifälschungen sind in Deutschland noch die Ausnahme. Dennoch sind Experten beunruhigt. Der aktuelle Trend lässt Schlimmes befürchten.

 

Eigentlich sind sich alle einig: Arzneimittelfälschungen werden auch in Europa immer mehr zum Problem. Die Situation ist zwar bei Weitem nicht so dramatisch wie in den Entwicklungsländern. Von der Insel der Glückseligen wurden die Industrienationen jedoch vertrieben.

 

Für die Arzneimittelfälscher ist der Siegeszug des Internets ein Glücksfall. Noch nie war es so leicht, die illegalen Produkte in jedem Haushalt anzubieten. Das gefälschte Potenzmittel, der Fettburner und muskelaufbauende Anabolika lassen sich bequem von zu Hause aus bestellen. Wer nicht den Fehler macht, bei einer deutschen Apotheke mit Versandhandel zu ordern, der kann sich schon wenige Tage später seine Gesundheit ruinieren, ohne nach einem Rezept gefragt worden zu sein.

 

Steroide in der Selbstmedikation

 

Das Problem ist mittlerweile so groß, dass nicht nur apothekernahe Institutionen wie das Zentrallaboratorium (ZL) eindringlich vor dubiosen Internet-Apotheken warnen. Auch die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft und vor allem das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte weisen auf die Gefahren hin, denen sich diejenigen aussetzen, die die Selbstmedikation auf Steoride, Psychopharmaka oder Potenzmittel ausdehnen. Mit validen Daten hat das ZL das Problem dargestellt. Das Eschborner Labor hat in einer Studie zu Jahresbeginn den hohen Anteil der unseriösen Versender belegt. »Wir haben bei 24 dubios wirkenden Internet-Versandhändlern das Haarwuchsmittel Propecia bestellt, zwölf haben geliefert, sechs Packungen waren gefälscht«, sagt Mona Tawab.

 

Die meist rezeptpflichtigen, aber nicht erstattungsfähigen Lifestyle-Präparate spielen zwar immer noch eine große Rolle beim illegalen Versand, sie sind aber keineswegs allein. »Die Bandbreite der Fälschungen erstreckt sich von Lifestyle-Produkten über Antibiotika, Entzündungshemmer und Hustenmittel bis hin zu HIV-Präparaten«, erklärte ein Sprecher des Bundeskriminalamts gegenüber dpa.

 

In manchen afrikanischen Staaten gibt es nach Angaben der WHO mehr gefälschte als echte Präparate. Wie hoch der Anteil in Europa ist, lässt sich nicht genau beziffern. Nach Angaben der ABDA wurden 2006 an den EU-Grenzen 2,5 Millionen gefälschte Arzneimitteleinheiten sichergestellt, 2005 waren es noch 500.000.

 

Die WHO schätzt den Anteil von Fälschungen auf 5 bis 10 Prozent. Für Deutschland gibt es keine Zahlen, die meisten Fachleute gehen aber von einem kleinen einstelligen Prozentbereich aus. Aber auch hier steigen die Zahlen. Der Zoll in Frankfurt spricht von 15.000 gefälschten Medikamenten, die im ersten Halbjahr 2007 sichergestellt werden konnten, vornehmlich Schlankheits- und Potenzmittel.

 

Sorgen bereitet vor allem dieser Trend. »Einig sind sich alle Experten darüber, dass die Zahl der Arzneimittelfälschungen zunimmt«, bestätigt das Bundesarzneimittelinstitut (BfArM) in Bonn, das zum Gesundheitsministerium gehört. Da Lifestyle-Medikamente häufig von illegalen Versendern vertrieben würden, liege der Anteil der Fälschungen hier besonders hoch &#8211 »vermutlich bei bis zu 50 Prozent«.

 

Aus Osteuropa, Asien und Afrika

 

Dabei handelt es sich nicht immer um Totalfälschungen. Einen großen Anteil machen laut BfArM auch manipulierte Präparate aus, bei denen Original-Arzneien mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum umverpackt werden oder Originale aus der Packung herausgenommen und durch minderwertige Ware ersetzt werden. Über die Herkunft ist dem BKA nichts Genaues bekannt: »Es gibt aber Hinweise, dass ein Teil der Fälschungen aus Osteuropa, Südostasien und auch aus Südafrika nach Deutschland gelangt.« Die Behörden gehen davon aus, dass mittlerweile auch die Mafia und Terror-Organisationen wie Al Kaida mit gefälschten Arzneimitteln handeln. Mit Plagiaten lässt sich heute oft viel leichter Geld verdienen als mit Drogen.

 

Die steigende Zahl illegaler Versender hat nun den Bundesverband der Versandapotheken (BVDVA) aufgeschreckt. Der Zusammenschluss weniger großer Versandapotheken macht sich Sorgen um die Reputation der Branche. In einer Pressemeldung verweist BVDVA-Vorsitzender Johannes Mönter auf das vom Verband entwickelte Gütesiegel, das von den Patienten gut angenommen werde. Anhand des Siegels könne der Verbraucher die Qualität einer Versandapotheke erkennen.

 

Ein Allheilmittel ist das Siegel natürlich nicht. Drei gravierende Probleme bleiben: Zum einen kennen es die meisten Verbraucher nicht, es steht jedem Versender weltweit frei, ebenfalls ein solches Siegel zu entwickeln und außerdem wissen Menschen, die bei Versendern unbekannter Herkunft bestellen, dass sie ein Risiko eingehen. Sie schätzen die Risiken falsch ein.

 

Letztlich sind die Gefahren dem Versandhandel immanent. So wenig, wie Werbespams erfolgreich zurückgedrängt werden können, lassen sich Internet-Apotheken wirksam bekämpfen, die ihren Sitz auf den Cayman-Islands oder in Sierra Leone haben. Mit Warnungen und Aufklärung lässt sich das Problem begrenzen, aber sicher nicht lösen.

 

Keine Arznei von Wochenmärkten

 

Leider ist der Versand zwar wohl das größte, aber nicht das einzige Einfallstor für gefälschte Medikamente. Gerade in den Entwicklungsländern gibt es auch zahlreiche stationäre unseriöse Verkaufsstellen für Arzneimittel. Die ABDA hat dies in einer aktuellen Pressemeldung thematisiert: »Kaufen Sie im Ausland keine Arzneimittel auf Wochenmärkten oder bei fliegenden Händlern«, warnt Friedemann Schmidt, Vizepräsident der ABDA &#8211 Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände.

 

Den Touristen fällt es oft schwer, die Fälschung zu erkennen. Sie sehen nur den Preis. Dabei gibt es manchmal nach Angaben der ABDA Anzeichen für eine Fälschung, die auch der Laie erkennen kann: eine fehlende oder beschädigte Verpackung, ein lückenhafter Beipackzettel oder ein fehlendes Verfallsdatum. Sicherheit gibt es aber auf solchen Wochenmärkten nie. Auch wenn die Packung äußerlich korrekt erscheint, muss sie aber nicht das enthalten, was der Aufdruck verspricht.

 

Schmidt rät deshalb dazu, außerhalb von seriösen Apotheken generell keine Arzneimittel zu kaufen: »Selbst wenn das Medikament auf den ersten Blick vertrauenserweckend aussieht &#8211 Verbraucher haben keine Möglichkeit, eine äußerlich gut gemachte Fälschung zu entlarven. Deshalb sollte man die Reiseapotheke in der heimischen Apotheke füllen lassen.«

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