Pharmazeutische Zeitung online
Honorar

Referentenentwurf entsetzt Apotheker

31.07.2012  16:55 Uhr

Von Daniel Rücker / Nur 25 Cent pro verordneter Arzneimittel­packung will das Bundeswirtschaftsministerium den Apothekern als Honorarerhöhung gewähren. Nach acht Jahren Stagnation ist das kaum ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Apotheker sind über das Angebot der Bundesregierung entsetzt.

Seit einer Woche ist die ohnehin nicht sonderlich gute Stimmung bei den Apothekern auf einem neuen Tiefpunkt angelangt. Am vergangenen Dienstag (24. Juli) hatte das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) den Referentenentwurf für die »Zweite Verordnung zur Änderung der Arzneimittelpreisverordnung« zur Abstimmung an andere Ministerien verschickt. In dem Entwurf wird eine Erhöhung der Packungspauschale auf 8,35 Euro vorgeschlagen. Um rund 190 Millionen Euro jährlich soll das Apothekerhonorar im kommenden Jahr steigen. Rechnet man den Kassenabschlag heraus und ignoriert den prozentualen Anteil der Honorierung, dann bekämen die Apotheker nach acht Jahren Stagnation für die Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel 4 Prozent mehr als bislang.

Die Nachricht sorgte in der Branche für Empörung. Generell wurde die Steigerung als vollkommen unzureichend angesehen. »Es ist enttäuschend, wie weit der neue Vorschlag der Regierung hinter dem von uns errechneten Anpassungsbedarf zurückbleibt«, kommentiert ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf das Vorhaben des BMWi.

 

Die Zahlen erschüttern Apotheker und ABDA gleichermaßen. Am vergangenen Freitag traf sich deshalb der Gesamtvorstand der ABDA, das Gremium der Kammerpräsidenten und Verbandsvorsitzenden, zu einer außerordentlichen Sitzung. Rund vier Stunden dauerte die Veranstaltung. Der Gesamtvorstand diskutierte eine Stellungnahme zum Referentenentwurf und einigte sich auf verschiedene Maßnahmen, die in den nächsten Wochen zum Einsatz kommen könnten. So soll es Gespräche mit Politikern und Beamten der beteiligten Ministerien über mögliche Fehler in der Berechnung des Honorars geben. Darüber hinaus sollen die Medien in Hintergrundgesprächen ausführliche Informationen über das Thema erhalten. Ein Flyer soll die Apotheker dabei unterstützen, ihre Kunden zu informieren. Diskutiert wurde außerdem, über Anzeigen in verschiedenen Medien auf die Situation der Apotheker hinzuweisen. Auch eine Plakatkampagne in den Apotheken ist möglich.

 

Wie kommt das Ministerium zu einer Erhöhung von 25 Cent, während die Apotheker rund einen Euro pro Packung mehr für angemessen halten? Die Erläuterung des Ministeriums im Anhang zum Referentenentwurf gibt Aufschluss. Basis sind die Kostensteigerung je Apotheke und die Steigerung des Apothekenrohertrags seit 2004. Nach den Daten des Statistischen Bundesamtes stiegen die Kosten ohne Wareneinsatz je Apotheke in den vergangenen acht Jahren um 38 184 Euro. Im selben Zeitraum legte der Rohertrag um 26 684 Euro zu. Die Differenz davon, 11 500 Euro, nahm das BMWi als Anpassungsbedarf.

Weil der Umsatz mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln rund 75 Prozent des Gesamtumsatzes einer Apotheke ausmacht, wurden von allen Beträgen 25 Prozent abgezogen. Daraus ergab sich ein Anpassungsbedarf von nur noch 8625 Euro je Apotheke. Die Zahl der im Jahr 2011 abgegebenen rezeptpflichtigen Arzneimittelpackungen errechnete das Statistische Bundesamt mit 760 Millionen. Rechnerisch entfallen auf jede Apotheke 35 032 verordnete Packungen. Das Ministerium hat dann die 8625 Euro Anpassungsbedarf durch 35 032 Packungen geteilt und so eine Erhöhung der packungsbezogenen Vergütung um 24,62 Cent ausgerechnet: Dieser Betrag wurde dann großzügig auf 25 Cent aufgerundet.

 

In der Summe ergibt sich daraus ein Anstieg der Honorierung um 190 Millionen Euro jährlich. Den Löwenanteil von 162 Millionen Euro muss die Gesetzliche Krankenversicherung tragen. Auf die privaten Versicherer entfallen Mehrkosten von 21 Millionen Euro und auf die Beihilfestellen 7 Millionen Euro.

 

Mit der Berechung des BMWi ist man bei der ABDA nicht einverstanden, auch weil die Inflation nicht berücksichtigt wurde. In den vergangenen acht Jahren seien die Preise aber um 14,4 Prozent gestiegen. Auf Unverständnis stößt auch, dass das BMWi von dem ermittelten Kostenanstieg die Steigerung des Rohertrages abgezogen hatte.

 

Nach Ansicht der ABDA gibt es für diese Art der Rechnung keine juristische Grundlage. In seiner Begründung der Berechnung beruft sich das BMWi auch auf das in § 78 des Arzneimittelgesetzes aufgeführte Interesse der Verbraucher an möglichst niedrigen Arzneimittelpreisen. Dabei wird jedoch außer acht gelassen, dass Kranke nicht nur ein Interesse am wirtschaftlichen Umgang mit den Kassenbeiträgen haben, sondern auch an einer sicheren und flächendeckenden Arzneimittelversorgung rund um die Uhr. Die nun gewährte Erhöhung stärkt die Versorgungssicherheit nicht.

Die ABDA arbeitet bereits an ihrer Stellungnahme. Darin macht sie deutlich, dass die geplante Anhebung um 25 Cent nicht ausreichen kann. Neben der Inflation führt sie auch die Steigerung der Personalkosten um 18 Prozent als Begründung an. Diese Kostensteigerung müsse ausgeglichen werden, wenn das Versorgungs­niveau erhalten bleiben soll, machte die ABDA in einem Hintergrundgespräch mit Fachjournalisten am 31. Juli in Berlin deutlich.

 

Ihre Stellungnahme muss die ABDA nun im Rahmen des Anhörungsverfahrens zum Gesetzentwurf bis zum 10. August einreichen. Zuvor sollen Unterlagen erstellt werden, mit deren Hilfe Apotheker ihre Wahlkreisabgeordneten auf die verfahrene Situation ansprechen können.

 

Folgen für den Abschlag?

 

Für die Apotheker könnte der Ärger im kommenden Jahr sogar noch größer werden, denn das Bundeswirtschaftsministerium geht in seinem Entwurf darauf ein, dass die Honorarerhöhung auch bei den Verhandlungen zum Kassenabschlag nach § 130 SGB V berücksichtigt werden müsste. Ende 2012 läuft das AMNOG-Sonderopfer aus. Mit dem AMNOG wurde dieses für die Jahre 2011 und 2012 auf 2,05 Euro gesetzlich festgeschrieben. Ab 2013 müssen Apotheker und Krankenkassen den Abschlag wieder aushandeln. Die Apotheker gehen von einer Verhandlungsbasis bei 1,75 Euro aus. Auf dieser Höhe lag der zuletzt frei verhandelte beziehungsweise vom Schiedsgericht als angemessen festgesetzte Abschlag für das Jahr 2010.

Das 25-Cent-Video

An diesen 25 Cent scheiden sich die Geister: Während Apotheker die vorgeschlagene Erhöhung der Packungspauschale lächerlich gering finden, wird sie in den Medien als unzulässiges Geschenk gewertet. Eine Apothekerin aus Wiefelstede will dem verbreiteten Halbwissen zum Thema Apothekenhonorar nun ein Ende machen und hat zu diesem Zweck ein Kurzvideo gedreht.

 

Sie habe genug davon gehabt, »in den Medien ständig als jemand dargestellt zu werden, der den Hals nicht voll bekommen kann«, sagte Ann-Katrin Kossendey der Pharmazeutischen Zeitung. Nach den Zeitungsmeldungen zur Erhöhung der Packungspauschale in der vergangenen Woche hätte sie einen »wahren Aufschrei« unter den Apothekern erwartet. Als dieser ausblieb, habe sie kurzentschlossen selbst einen Kurzfilm gedreht und auf dem Videoportal Youtube veröffentlicht. Darin erläutert die Apothekerin in knapp sechs Minuten Schritt für Schritt, warum den Apothekern die 25 Cent sauer aufstoßen. Mit selbstgebastelten Skizzen macht sie deutlich, wie viel Apotheker infolge des Apothekenmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) einsparen mussten und wie wenig sie im Gegensatz zu anderen Berufen etwa beim nächtlichen Notdienst verdienen. Dem Publikum scheint der Film zu gefallen. Das Video wurde bereits mehr als 7000 Mal angesehen.

 

Kossendey plant weitere Filme zu apothekenrelevanten Themen. In der Bevölkerung herrsche viel Unwissen über die tatsächliche Situation der Apotheker, so die Apothekerin. »Viele wissen doch gar nicht, wie sich unsere Arzneimittelpreise zusammensetzen und wer wirklich daran verdient«. Dem will Kossendey abhelfen und mit einer klaren Darstellung der Fakten das Image des Apothekerberufs verbessern.

 

http://www.youtube.com/watch?v=70M0VR_P7U0

Ein Kriterium für die Höhe des Abschlags sind steigende Kosten. Das BMWi macht sich nun Sorgen, dass die Apotheker zu gut wegkommen könnten, wenn die Kostensteigerungen bei den Abschlagsverhandlungen ein zweites Mal angerechnet werden. Deshalb müsse die Anpassung der Preisverordnung bei der Berechnung des Abschlages unbedingt berücksichtigt werden, heißt es in der Verordnung. Die Apotheker können dies nicht nachvollziehen. Sie halten an 1,75 Euro als Verhandlungsbasis fest.

 

Ein Blick in die Tagespresse macht deutlich, warum Wirtschaftsminister Philipp Rösler den Apothekern möglichst wenig Geld geben will. In den Medien funktionieren die Reflexe stabil. Der 4-Prozent-Zuschlag nach acht Jahren wird vom »Tagesspiegel« als »Staatswirtschaft« bezeichnet. Deutschland habe heute schon die höchsten Arzneimittelpreise der Welt. Dass dies weder stimmt noch in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Apothekerhonorierung steht, ist dabei zweitrangig. Das »Neue Deutschland« mahnt die Apotheker, die »Kirche im Dorf« zu lassen. Andere Zeitungen wie die »Augsburger Allgemeine« zitieren die wenig überraschende Kritik des GKV-Spitzenverbandes an der Berechtigung für die Honorarerhöhung wie eine neutrale Einschätzung, als hätten die Kassen keine eigenen Interessen an dem Vorgang. Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Manuela Schwesig warf Rösler sogar »offenen Lobbyismus gegen die Interessen der Bürgerinnen und Bürger« vor, wobei unklar bleibt, was sie damit eigentlich meint.

 

Die Reaktionen machen eine Korrektur des Referentenentwurfes nicht wahrscheinlicher. Rösler wusste, dass er sich mit der Honoraranpassung keine Freunde machen würde. Für die Apotheker sind die 25 Cent zwar eindeutig zu wenig. Für die überregionale Tagespresse sind selbst diese 25 Cent schon zu viel.

 

Weniger Apotheken

 

Ein Blick auf die aktuelle Statistik zeigt, dass sich die wirtschaftliche Situation der Apotheken weiter verschlechtert. Eine Verbesserung der Honorierung ist dringend notwendig, um diesen Trend zu stoppen. So sank die Zahl der Apotheken im ersten Quartal um 79. Im Vorjahresquartal waren es nur 52 gewesen. Nach Angaben der ABDA gab es zum 31. März nur noch 21 159 Apotheken in Deutschland. Stark rückläufig ist dabei die Zahl der Betriebe. Sie sank im ersten Quartal 2012 um 170 auf nur noch 17 407. Gleichzeitig hat sich die Ertragssituation der Apotheken weiter verschlechtert. Trotz steigender Umsätze sinkt der Rohgewinn in den Betrieben weiter. /

Mehr von Avoxa