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Krampfadern

Möglichst frühzeitig behandeln

02.08.2011
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Krampfadern müssen früh therapiert werden, weil sie im fortgeschrittenen Stadium ernste Komplikationen verursachen können. Oft, aber nicht immer, ist eine Operation nötig. Für welchen Patienten ist welche Therapie geeignet?

Venenschäden sind durchaus häufig: Bei etwa 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind Veränderungen an den Gefäßen zu finden. Dies ergab die Bonner Venenstudie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie von 2003. Doch diese Veränderungen haben unterschiedliche Ausprägungen. Eine milde Form sind die sogenannten Besenreiser. Diese kleinen in der Haut gelegenen, sichtbaren Venenfächer liegen bei etwa 59 Prozent der Bevölkerung vor. Krampfaderleiden unterteilt die CEAP-Klassifikation nach der Ausprägung in die Stadien C1 bis C6. »Bei den Stadien C1 und C2 handelt es sich um ein Venenleiden ohne chronische Insuffizienz«, sagte Dr. Lutz Schimmelpfennig, Generalsekretär der DGP, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Diese waren bei 14,3 Prozent der Studienteilnehmer festzustellen. »Eine chronische Erkrankung liegt bei den Stadien C3 bis C6 vor«, so Schimmelpfennig, der die Chirurgische Abteilung der Steigerwaldklinik Burgerbrach leitet. Diese chronische Veneninsuffizienz war der Bonner Untersuchung zufolge bei jedem sechsten Mann und jeder fünften Frau zu beobachten.

Bei Krampfadern, auch Varizen genannt, handelt es sich um knotig-erweiterte Venen an den Beinen. Die häufigste Ursache für Varizen ist eine angeborene Bindegewebsschwäche, die zu einer Funktionsstörung der Venenklappen führt (primäre Varikose). Die Klappen sorgen normalerweise dafür, dass das Blut aus den Füßen entgegen der Schwerkraft Richtung Herz transportiert wird und nicht in Richtung Füße zurückläuft. Ist die Funktion der Klappen gestört, versackt das Blut in den Beinen und staut sich in den Venen, die dadurch anschwellen und gedehnt werden. Die Folge sind sichtbare Krampfadern. Doch Varizen können auch durch andere Erkrankungen wie tiefe Beinvenenthrombosen oder Tumoren entstehen (sekundäre Varikose).

 

Am häufigsten sind die sogenannten oberflächlichen Venen betroffen, die relativ dicht unter der Haut verlaufen. »Auf sie wirkt kaum Druck von außen«, erklärte Schimmelpfennig. »Sie brauchen Hilfe, um das Blut zurück zum Herzen zu transportieren, vor allem durch die Venenklappen.« Das oberflächliche Venensystem besteht hauptsächlich aus den beiden Stammvenen, der großen Vena saphena magna und der kleinen Vena saphena parva. Sie sind über Seitenäste miteinander verbunden. Die große Stammvene mündet in der Leiste, die kleine in der Kniekehle in das tiefe Venensystem, das in der Muskulatur eingebettet ist. »Das tiefe Venensystem ist kaum anfällig für Varizen, weil dort genügend Druck herrscht«, sagte Schimmelpfennig.

 

Versackt das Blut in den Beinen, ist das nicht nur ein kosmetisches Pro­blem: Langfristig kann ein Krampfaderleiden ernste gesundheitliche Folgen haben. Der erhöhte Druck in den Venen kann zu Entzündungen führen (Varikophlebitis), die wiederum eine Thrombenbildung bedingen können (Thrombophlebitis). Daraus kann sich eine tiefe Beinvenenthrombose mit dem Risiko für Lungenembolien entwickeln. »Früher sagte man, dass Entzündungen der oberflächlichen Venen keine Lungenembolien verursachen. Das muss man heute revidieren«, so der Phlebologe.

Doch der erhöhte Druck in den Venen schädigt nicht nur die Gefäße, sondern führt auch zu Veränderungen an der Haut. Wasser wird aus den Gefäßen in das Gewebe gepresst, es entstehen Ödeme. Die Beine sind geschwollen, fühlen sich schwer an, die Haut spannt und juckt. Die Komplikationen, die auf diese Weise an der Haut entstehen, reichen von bräunlichen Verfärbungen, einer Neigung zu Mykosen über Verhärtungen (Sklerotisierung des Unterhautfettgewebes) bis hin zum offenen Bein (Ulcus cruris). »Ist der Druckschaden an der Haut zu groß, platzt sie auf, und es entsteht ein Geschwür, das Ulkus«, erklärte Schimmelpfennig. »Diese Komplikation zu verhindern, ist die Motivation für Phlebologen, Krampfadern frühzeitig zu behandeln.«

 

Wer braucht eine OP?

 

Doch nicht alle Varizen sind behandlungsbedürftig. Wie erkennt man, wer einer Operation oder einer anderen Therapie bedarf und wer nicht? Das wichtigste Element der Diagnostik ist die Venenultraschalluntersuchung. Mit ihr kann Fließgeschwindigkeit und -richtung des Blutes ermittelt werden. »Das Entscheidende ist der Refluxgrad: welches Blutvolumen in die falsche Richtung fließt«, so Schimmelpfennig. Je nach Ausmaß wählt der Arzt die passende Behandlung. Ziel ist, den Reflux zu beseitigen.

 

Dafür gibt es drei Möglichkeiten, erklärte der Mediziner. Eine ist, die Venen im Bein zu belassen, aber zu verschließen, zu »veröden«. Bei diesem als Sklerosierung bezeichneten Verfahren wird eine Flüssigkeit oder ein Schaum in die Krampfader injiziert. Der enthaltene Wirkstoff Polidocanol schädigt die Innenwand der Gefäße so, dass sie verkleben und dadurch verschlossen werden. Für kleine Gefäße wie Besenreiser, die meist aus kosmetischen Gründen verödet werden, ist die Flüssigkeit geeignet, bei größeren Gefäßen wird die Lösung durch Zugabe von Gas aufgeschäumt und der Schaum appliziert. Dieser hat den Vorteil, dass er besser an der Gefäßwand anhaftet als Flüssigkeit. »Dadurch kann man mit geringerer Dosierung größere Strecken veröden«, sagte Schimmelpfennig. Während die Sklerosierung früher hauptsächlich für kurze Abschnitte eingesetzt wurde, lassen sich mittlerweile ganze Stammvenen veröden. Zu den sogenannten endovenösen Verfahren zählt auch der Verschluss der Vene mittels Laser, Radiowellen und neuerdings auch Dampf.

Eine zweite Möglichkeit besteht da­rin, die betroffene Vene im Bein zu belassen, aber den Blutfluss zu korrigieren, erklärte der Mediziner. Hierzu zählt zum Beispiel die sogenannte CHIVA-Methode, bei der betroffene Venen an bestimmten Stellen mit Fäden abgebunden werden, um den Reflux zu unterbinden. Bestehende Krampfadern können sich dadurch wieder zurückbilden. Anfangs sei das Verfahren in Expertenkreisen verlacht worden, sagte Schimmelpfennig. Mittlerweile existiere aber eine gute Datenlage zu den Therapieerfolgen. Ein Nachteil sei allerdings, dass nur Stammvenen so behandelt werden, erkrankte Seitenäste müssten zusätzlich operativ entfernt werden. »Zusatzeingriffe sind die Regel.«

 

Die dritte Option ist, die betroffenen Venen zu entfernen. Beim sogenannten Stripping, dem »Ziehen« der Vene, wird das Gefäß zunächst vom restlichen System abgetrennt. Im Falle der Vena saphena magna führt der Chirurg hierfür minimalinvasiv zwei kleine Schnitte aus, einen im Bereich der Leiste und den anderen am tiefsten Insuffizienzpunkt. Dort wird die Vene jeweils abgebunden und durchtrennt. Unterhalb der Leiste wird hierfür die Stelle freigelegt, an der die Stammvene in das tiefe Venensystem mündet, die sogenannte Crosse. Dort wird sie unterbunden und abgetrennt (Crossektomie) und anschließend herausgezogen. Kleine Seitensprosse reißen dabei ab. Die Stammvenen können ganz oder in Teilen entfernt werden. »Je nach Ausmaß der Schädigung kann man nur kleinere Venenstrecken herausnehmen, wenn die Crosse gesund ist«, sagte Schimmelpfennig. Nach dem Eingriff müssen etwa vier bis sechs Wochen Kompressionsstrümpfe getragen werden, um Blutungen und Thrombosen zu verhindern. Das Blut findet trotz entfernter Stammvenen seinen Weg zurück zum Herzen. »Das oberflächliche Blutsystem brauchen wir im Prinzip nicht«, so Schimmelpfennig. 90 Prozent des Blutrückflusses finde ohnehin im tiefen Venensystem statt.

 

Goldstandard Stripping

 

Der Goldstandard ist nach wie vor das Stripping. 300 000 Eingriffe werden in Deutschland jedes Jahr vorgenommen. Andere Methoden wie die endovenösen Verfahren kommen etwa 15 000 bis 20 000 Mal pro Jahr zum Einsatz. Welches Therapieverfahren infrage kommt, wird im Einzelfall individuell entschieden. »Wichtig ist, so früh wie möglich und so wenig wie nötig, vor allem stadiengerecht, zu behandeln«, mahnte Schimmelpfennig.

 

Neben der ärztlichen Therapie gibt es auch einiges, was Betroffene selbst tun können: Einige allgemeine Maßnahmen wirken vorbeugend und lindernd bei Krampfaderleiden, können Krampfadern aber nicht beseitigen. Hierzu zählt zum Beispiel ausreichend Bewegung. Beim Gehen, Joggen oder Radfahren unterstützt die Muskelpumpe in den Beinen den Rückfluss des Blutes zum Herzen. Auch kalte Wassergüsse oder Wassertreten nach Kneipp regen die Durchblutung an und helfen, die Venen zu entlasten. Regelmäßig die Beine hochzulagern, ist auch eine geeignete Maßnahme. Die Beine im Sitzen übereinander zu schlagen, hat aber keinen Einfluss auf das Entstehen von Krampfadern.

 

Bei milden Formen von Varikose kann das Tragen von Kompressions- oder Stützstrümpfen das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten. Sie üben Druck auf die Venen aus und verbessern den Abtransport des Blutes. Auch eine Reihe von Phytopharmaka kann unterstützend gegen geschwollene und schwere Beine eingesetzt werden. Hierzu zählen Präparate aus Mäusedorn, Buchweizenkraut, Rosskastanie, Steinklee oder rotem Weinlaub. /

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