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Lippenherpes

Küssen verboten

02.08.2011
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Von Brigitte M. Gensthaler / Sie kommen immer dann, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann: juckende, nässende Lippenbläschen, ausgelöst durch Herpes-simplex-Viren. Meist, aber nicht immer, ist Selbstmedikation möglich.

Das Herpes-simplex-Virus (HSV) ist hoch ansteckend und wird durch direkten Kontakt von Mensch zu Mensch, etwa beim Küssen, übertragen. HSV vom Typ 1 gilt als Hauptauslöser von Herpes im Gesicht und an den Lippen (Herpes labialis), während Typ 2 vorwiegend Penis, Scheide oder die Analregion infiziert (Herpes genitalis). Spezifisch ist das aber nicht: HSV-1 soll für ein Drittel der genitalen Infektionen verantwortlich sein, und HSV-2 kann auch an der Lippe aufblühen.

Das Virus ist weitverbreitet: 90 Prozent der Erwachsenen sind mit HSV-1 infiziert, 10 bis 20 Prozent sind Träger von HSV-2. Die Eltern übertragen Herpesviren unbewusst auf ihre Kinder, oft im Alter zwischen einem und fünf Jahren. Manche Kinder reagieren mit Fieber und Geschwüren an Lippen, Zahnfleisch, Mund und Rachen. Diese erste Episode einer Herpesinfektion kann zwei bis drei Wochen andauern. Doch bei den allermeisten Kindern verläuft die Erstinfektion unbemerkt. HSV-2 wird in der Regel über Sexualkontakte übertragen, sodass sich die meisten Menschen erst nach der Pubertät infizieren.

 

Einmal infiziert, überdauert HSV-1 ruhend im Nervengewebe des Gesichts. Bei 20 bis 40 Prozent der Infizierten kommt es durch Reaktivierung immer wieder zu Hautsymptomen, meist an den Lippen. HSV-1 kann aber auch Wangen, Nase, Ohren und Augen befallen. Die Betroffenen leiden dann nicht nur unter starken Schmerzen, sondern oft auch unter vermindertem Selbstwertgefühl und Selbstekel.

 

Therapie früh beginnen

 

Herpes labialis kann häufig rezidivieren. Günstig für das Virus ist alles, was das Immunsystem schwächt: Erkältung und Fieber, Stress, Ekel, Menstruation, starke Sonneneinstrahlung, Traumata wie zahnärztliche Behandlung und Operation, Überlastung und Erschöpfung. Brennen, Kribbeln, Jucken an der Lippe sind die ersten Anzeichen, dass »der Herpes aufblüht« (Prodromalphase). Später rötet sich die Haut (Erythem) und es bilden sich kleine Papeln (Papulaphase). Nach einem bis zwei Tagen entwickeln sich Bläschen mit klarer gelblicher Flüssigkeit, die später aufplatzen und schmerzhafte Geschwüre bilden (ulceröse Phase). Die Wunde verschorft, kann aber immer wieder aufreißen und bluten, bevor sie schließlich heilt.

 

Auch ohne Behandlung verschwindet der Herpes nach einer bis zwei Wochen. Doch kaum ein Patient will dies abwarten. Die Apotheke kann verschiedene wirkstoffhaltige Cremes empfehlen, die die Heilung etwas beschleunigen. Egal ob Virustatika, Melissenextrakt, Docosan-1-ol, Zinksulfat oder Zink-Heparin-Kombinationen: Je früher die Therapie beginnt, umso besser wirkt sie. Also Creme oder Gel am besten beim ersten Kribbeln an der Lippe auftragen. Alkohol, Essig oder Zahnpasta haben auf Lippenherpes dagegen nichts verloren.

 

Als topisch applizierbare Virustatika stehen Aciclovir und Penciclovir rezeptfrei zur Verfügung. Die Nukleosidanaloga greifen direkt in die Virusvermehrung ein und hemmen diese, können das Virus aber nicht eliminieren. Ein Therapiebeginn in der Prodromalphase ist empfehlenswert. Penciclovir, das es auch als getönte Creme gibt, soll noch in der Bläschenphase wirksam sein. Der Patient muss die Topika alle zwei bis vier Stunden auftragen, am besten mit einem Wattestäbchen. Danach die Hände waschen. Der gesättigte aliphatische Alkohol Docosan-1-ol ist ebenfalls zur topischen Behandlung früher Stadien (Prodromal- oder Erythemphase) bei immunkompetenten Erwachsenen und Jugendlichen auf dem Markt. Der Patient trägt die Creme fünf Mal täglich dünn auf. Nicht in die Augen bringen.

Hypnose gegen Herpes

In einer Pilotstudie an der Universität Tübingen untersuchten zwei Diplompsychologinnen vor einigen Jahren die Effektivität der Hypnose­therapie bei rezidivierenden Herpesinfektionen im Mund- und Gesichtsbereich. Nach fünf Therapiesitzungen trat der Herpes signifikant seltener und weniger intensiv auf als in der Kontrollgruppe. Allzu verwunderlich ist dies nicht, kann doch Hypnose­therapie Stress und innere Anspannung vermindern.

Wenn Kunden »Chemie« ablehnen, kann die Apotheke Cremes oder Gele mit Melissenextrakt, Zinksulfat oder Zinksulfat-Heparin empfehlen. Auch diese müssen mehrmals täglich aufgetragen werden. Wirkstofffrei und elegant sind transparente Hydrokolloidpflaster zum Aufkleben auf die Läsion. Die Medizinprodukte schützen vor Schmutz und Bakterien und schaffen ein feuchtes Wundmilieu. Wichtig für Kundinnen: Über das Pflaster können sie Make-up oder Lippenstift auftragen.

 

Patienten mit rezidivierenden Herpesattacken sollten im Urlaub und auf Reisen stets eine Herpescreme dabeihaben. Wichtig sind außerdem ein UV-Schutz für die Lippen mit hohem Lichtschutzfaktor (mindestens 20) und ein Pflegeprodukt, damit die zarte Haut der Lippen nicht spröde wird.

 

Gelangen Herpesviren ins Auge, können sie eine Entzündung der Netzhaut auslösen (Herpes-simplex-Retinitis) und letztlich sogar zur Erblindung führen. Daher ist es wichtig, bei Herpes labialis die Augen vor einer Infektion zu schützen. Patienten mit Lippenherpes sollten deshalb beim Gesichtwaschen erst die Augenpartie reinigen und abtrocknen, dann den Rest. Zum Abtrocknen eignen sich Einmaltücher. Kontaktlinsenträger sollten während der Bläschenphase vorsichtshalber auf die Brille wechseln, um eine Virusübertragung ins Auge beim Einsetzen der Kontaktlinsen zu vermeiden.

 

Grenzen der Selbstmedikation

 

Bei einer Herpesinfektion nahe am Auge oder bei multipler Ausprägung, etwa an Kinn und Nase, sollte die Apotheke dem Kunden dringend empfehlen, zum Arzt zu gehen. Ebenso sollte der Patient unbedingt zum Arzt, wenn er ungewohnt heftige Beschwerden hat, zum Beispiel ausgeprägte Bläschenbildung, Schwellung, Rötung oder Eiterung, oder wenn sich der Herpes trotz Therapie nicht bessert. Auch Komplikationen wie häufig wiederkehrender Herpes labialis, bakterielle Sekundärinfektionen oder generalisierte Infektion sind ein Fall für den Arzt.

 

Schwangere und stillende Frauen sollten ebenso wie immunsupprimierte Personen, zum Beispiel unter Chemotherapie oder mit HIV-Infektion, einen Herpes nicht selbst behandeln. In der Schwangerschaft gilt Melissenblätter-Trockenextrakt als Mittel der Wahl. Virustatika können bei schwangeren und stillenden Frauen nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Analyse durch den Arzt eingesetzt werden. Für topisches Aciclo­vir liegen keine ausreichenden Daten vor, es ist aber vermutlich geeignet. In einem Schwangerschaftsregister wurde keine erhöhte Missbildungsrate unter topischem Aciclovir im Vergleich zur normalen Bevölkerung festgestellt, heißt es in der Fachinformation von Zovirax®. Nach systemischer Anwendung geht Aciclovir in die Muttermilch über. Jedoch ist die Dosis, die ein Kind nach Anwendung von Lippenherpescreme durch das Stillen aufnehmen würde, vernachlässigbar. Das Baby sollte nicht mit den eingecremten Arealen in Kontakt kommen.

 

Auch Penciclovir soll in der Schwangerschaft und Stillzeit nur unter Aufsicht eines Arztes angewendet werden. Allerdings ist die systemische Verfügbarkeit nach topischer Anwendung minimal, sodass vermutlich kein Risiko besteht. Ob Penciclovir in die Muttermilch übergeht, ist laut Fachinformation von Fenistil® Pencivir nicht bekannt.

 

Für Zinksulfat und die Kombination mit Heparin ist die Datenlage dünn: Es gebe keine Hinweise auf Risiken in Schwangerschaft und Stillzeit, heißt es in der Fachinformation zu Virudermin®. Immer ein guter Tipp sind Sonnenschutz und Lippenpflege, um Rezidiven vorzubeugen. / 

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