Pharmazeutische Zeitung online
Apotheke im Thüringer Wald

Versorgung in Randlagen

23.07.2014  09:21 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, Floh-Seligenthal / Welchen Herausforderungen stellt sich eine Apotheke, die geografisch in einem Grenzgebiet liegt? Die Pharmazeutische Zeitung sprach mit Dr. Antje Mannetstätter, Leiterin der Arnika-Apotheke in Floh- Seligenthal im Thüringer Wald, über Botendienste in weit verstreute Ortsteile, eine Tag-und-Nacht-Rundum-Arzneimittelversorgung und einen überdurchschnittlichen Service für Senioren.

Floh-Seligenthal ist die zweitgrößte Gemeinde Thüringens und erstreckt sich über eine Gesamtfläche von fast 70 km2. Der staatlich anerkannte Erholungsort liegt am Fuß des Rennsteigs, von alters her ein Reise- und Handelsweg, heute ein Skilanglauf- und Wander-Eldorado. In der weit verstreuten Gemeinde gibt es mehrere Ärzte – und eine Apotheke. »Nach der Wende wollte der damalige Bürgermeister in Floh eine Apotheke ansiedeln«, sagt Mannetstätter im Gespräch mit der PZ.

Die Apothekerin, die zu dieser Zeit gerade ihr Studium in Halle abgeschlossen und die Approbation erhalten hatte, eröffnete im März 1993 im ehemaligen Lehrerhaus die Arnika-Apotheke. Den Namen wählte sie nach der Arnika, die auf den Berghängen der Umgebung wächst. 2007 übernahm sie die Hirsch-Apotheke ihres Vaters im sieben Kilometer entfernten Schmalkalden als Leiterin und die Arnika-Apotheke wurde zur Filiale. Vor zwei Jahren kam die Rosen-Apotheke in Schmalkalden als zweite Filiale hinzu.

 

Viele Stammkunden, wenig Fluktuation beim Personal

 

»Geografisch sind wir durch die Berge stark abgeschieden. Der Rennsteig war immer schon eine Grenze und ist heute noch eine Sprachgrenze«, erklärt Filialleiterin Ninett Peukert. Die öffentliche Verkehrsanbindung mit Bussen nach Schmalkalden ist eher mäßig, der Bahnhof seit Langem geschlossen. Im Winter seien die Straßen stark verschneit und viele Ältere scheuten dann das Autofahren.

 

Der Lage entsprechend versorgt die Arnika-Apotheke viele Stammkunden. Laufkundschaft gibt es kaum – sieht man mal ab von Langläufern und Wanderern mit Blasen oder Sonnenbrand. Neben der Filialleiterin sorgen zwei Pharmazie-Ingenieurinnen, drei PTA und eine PKA in Voll- und Teilzeit für die Kunden. Alle sind seit vielen Jahren hier tätig. Es gebe kaum Fluktuation, sagt Mannetstätter. Sowohl Chefin als auch Kunden schätzen die Kontinuität des Personals. »Auch wenn die Patienten in der Stadt beim Arzt waren, kommen sie mit den Rezepten zurück nach Floh. Das ist ein Kompliment für uns«, sagt Peukert.

 

Die Apotheke ist schon seit Jahren nach dem ZetA-System der Landesapothekerkammer Thüringen (LAKT) zertifiziert, nimmt an Ringversuchen zur Rezepturherstellung und zu Blutuntersuchungen teil und beteiligt sich freiwillig am Testkäufer-System der Kammer. »Wir wurden schon mehrmals von einem Testkäufer besucht, aber trotz unserer hohen Stammkundenquote haben wir ihn nicht erkannt«, schmunzelt Mannetstätter, die seit 2007 Mitglied im Kammervorstand ist.

 

Harmonisches Miteinander mit den Ärzten

 

Hilfsmittelversorgung und Dienstleistungen wie Milchpumpenverleih und Anmessen von Bandagen sind in der Thüringer Gemeinde sehr gefragt. »Präqualifizierung? Haben wir natürlich«, sagt Peukert. Häufig hätten die Kunden auch Fragen zur häuslichen Pflege. Im ländlichen Raum würden eben noch viele Menschen zu Hause gepflegt und das nächste Sanitätshaus ist weit. Versorgung mit Inkontinenzprodukten, Anträge auf Pflegestufe, Kontaktaufnahme zur Wundschwester: Die Arnika-Apotheke hilft den Bürgern weit über die reine Arzneimittelversorgung hinaus. »Wir verstehen uns als Wegweiser im Gesundheitswesen.«

Das nötige Wissen verschaffen sich die Apothekenmitarbeiter durch regelmäßige Fortbildung. Alle haben ein aktuelles Fortbildungszertifikat. Um chronisch Kranke umfassend besser betreuen zu können, haben die beiden Apothekerinnen die Zertifikatskurse Asthma, Diabetes und Koronare Herzkrankheit abgeschlossen. Und sie arbeiten an der Weiterbildung Allgemeinpharmazie.

 

Umfangreiches Fachwissen hilft nicht nur bei der Patientenberatung, sondern auch im Kontakt mit den Ärzten. Die Zusammenarbeit sei gut; die Ärzte könnten sich mit fachlichen Fragen immer an die Apotheke wenden. Umgekehrt würden auch Anfragen der Apotheke in der Arztpraxis gründlich behandelt. »Von Anfang an waren die Ärzte der Region sehr aufgeschlossen gegenüber der Apotheke«, erinnert sich Mannetstätter. Das habe auch an persönlichen Kontakten und der starken sozialen Einbindung ihrer Familie gelegen, die lange Jahre im Haus direkt über der Apotheke wohnte. Sie hofft, dass die Ärzte jetzt auch bei der Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen (ARMIN) mitmachen. Die Mitarbeiter der Arnika-Apotheke bereiten sich jedenfalls fachlich auf ARMIN vor. »Das Modell wird in Landapotheken gut funktionieren«, ist sich die Apothekerin sicher.

Direkt am Ort zu wohnen, hat Vor- und Nachteile: »Man ist immer erreichbar und wird immer angesprochen.« Auch am Wochenende und in der Freizeit. Die Arnika-Apotheke ist in einen straffen Nacht- und Notdienstplan eingebunden: alle sieben Tage plus ein ganzes Wochenende im Monat.

Den Wochenenddienst teilen sich die Filialleiterin und die beiden Pharmazie-Ingenieurinnen. An den Feiertagen werde die Dienstbereitschaft meist rege beansprucht, unter der Woche eher weniger. »Der Notdienst rechnet sich nicht; da kommt uns die neue Notdienstpauschale sehr zugute«, sagt Mannetstätter.

 

Viel Service für Senioren

 

Vom Leistungsspektrum der Apotheke profitiert auch das örtliche Seniorenheim. Stationäre Pflege, betreutes Wohnen und ambulanter Pflegedienst sind über verschiedene Orte verteilt. Die Apothekenmitarbeiter liefern Arzneimittel bei Bedarf mehrmals täglich ins Pflegeheim, versorgen die selbstständigen Senioren im betreuten Wohnen und schulen die Heimmitarbeiter in puncto Arzneimittelanwendung und -sicherheit. Mannetstätter hält regelmäßig Vorträge für die Pflegekräfte. »Wir leisten mehr Service als üblich«, fasst Mannetstätter das Engagement zusammen.

 

Die Rezeptsammelstelle in Kleinschmalkalden nutzen ebenfalls vorwiegend Senioren. Die dortige Allgemeinarztpraxis sei gut etabliert bei den Bürgern im Ort, aber der Weg zur Apotheke für viele zu weit. Dann sei es eine große Erleichterung, wenn die Apotheke die Medikamente bringt. Dies schätzen auch Patienten aus weit verstreuten Ortsteilen, deren Arzneimittel in der Arnika-Apotheke gerade nicht vorrätig ist. Falls sie trotz ausführlicher Beratung in der Apotheke später noch Fragen haben, können sie per Handy kostenfrei dort anrufen.

Nachrüsten will und muss die Apothekenchefin hinsichtlich der Barrierefreiheit. Das im Jugendstil erbaute Fachwerkhaus hat ein Hochparterre; die Apothekenräume sind somit nur über mehrere Stufen zu erreichen. Via Klingel können sich Menschen mit Rollator oder im Rollstuhl sowie Mütter mit Kinderwagen in der Apotheke bemerkbar machen. Jetzt will Mannetstätter einen Lift und eine automatische Tür einbauen lassen. »Wir verbinden dies mit einem Umbau in der Apotheke, denn wir brauchen einfach mehr Platz in der Offizin und für die vertrauliche Beratung.«

 

Wunsch nach weniger Bürokratie

 

Was würde den Bürgern in Floh-Seligenthal fehlen, wenn es die Apotheke nicht gäbe? Mannetstätter nennt spontan die Tag-und-Nacht-Rundum-Arzneimittelversorgung, die soziale Kompetenz und den Service der Apotheke. »Wir haben hier gute Möglichkeiten, pharmazeutisch zu arbeiten, und nutzen dies.« Sie hofft auf wirtschaftliche Stabilität der Apotheke, damit sie das Leistungspaket mit allen ihren Mitarbeitern weiterhin anbieten kann.

 

Ganz oben auf der Wunschliste der Apothekerinnen steht eine aktivere Zusammenarbeit mit den Ärzten und mehr Anerkennung als Heilberufler. Die Kompetenz der Apotheker sollte viel stärker genutzt werden. Eine Ausweitung der Klinischen Pharmazie im Studium wäre dabei hilfreich. Und mehr Selbstbewusstsein der Apotheker – auch das ist ein dringendes Anliegen der Kolleginnen. Mit ihrer Kritik an der überbordenden Bürokratie und der Macht der Krankenkassen sprechen Mannetstätter und Peukert vielen Kollegen aus der Seele: »Wir wollen keine Erfüllungsgehilfen sein.« Das »Korsett der Regularien« sei erdrückend. Die Zeit zur Prüfung von Formalien auf den Rezepten fehle bei der Patientenberatung. /

Kennzeichen A

Unter dem Logo Kennzeichen A steht eine neue Serie der PZ, in der Apotheken vorgestellt werden, die ihre Patienten unter besonderen Bedingungen mit Arzneimitteln versorgen. Den Auftakt machte Apotheke auf Helgoland: Herausforderung Insel-Apotheke, PZ 25/2014.

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