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Drittes Reich

Sehnsucht nach Heilpflanzen

20.07.2007  16:12 Uhr

Drittes Reich

Sehnsucht nach Heilpflanzen

Von Caroline Schlick und Christoph Friedrich

 

Im Rahmen einer Dissertation wird zurzeit die allgemeine Entwicklung des Apothekenwesens von der Gründung der Reichsapothekerkammer im Jahr 1937 bis 1945 untersucht. Die Bedeutung der »Deutschen Heilpflanzen« im Apothekenalltag stellt dabei einen Untersuchungsschwerpunkt dar.

 

Mittels verstärkter Ausfuhr und verringerter Einfuhr von Arzneipflanzen suchte die nationalsozialistische Regierung Devisen zu sparen. Aufgrund von Wirtschaftsblockaden war Deutschland zudem gezwungen, Ersatz für importierte Pflanzen in der heimischen Flora zu suchen. Reichsapothekerführer Albert Schmierer (1899 bis 1974) erklärte es 1939 daher als vordringlichste Aufgabe, die Arzneiversorgung der Bevölkerung durch Heilpflanzen aus »Deutschem Boden« sicherzustellen (1).

PZ-Originalia

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Die Pflanzentherapie sollte nun endlich aus ihrem »Dornröschenschlaf« erweckt werden, denn schließlich sei »die deutsche Heilpflanze [...] ein edler Schatz im Füllhorn der Natur, eine herrliche Gabe unseres Heimatbodens an uns« (2).

 

Organisierte Sammlungen

 

Die bereits 1935 gegründete »Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde und Heilpflanzenbeschaffung« (RfH) förderte die Arzneipflanzenbewegung und fasste alle beteiligten Personen zu einer Einheitsorganisation zusammen. Unter der Leitung von Schmierer stellte die Gemeinschaft 1938 das Vorkommen und die Bestände wild wachsender Heil- und Gewürzpflanzen fest und vergab entsprechende Sammelerlaubnisscheine. Mittels Sammel-, Ablieferungs- und Kontrollstellen konnte der Handel dann organisiert werden (3). Die Ende 1939 zum ersten Mal in Deutschland erfolgten einheitlich geregelten Heilpflanzensammlungen übernahmen hauptsächlich Schulkinder im Alter von 10 bis 14 Jahren unter Aufsicht geschulter Lehrer, Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel, SA aber auch Apotheker von Ende März bis Mitte November (4). An erster Stelle stand die Sammlung von Erdbeer-, Brombeer-, Himbeer- und Preiselbeerblättern zur Anfertigung von Kräuterteemischungen als Ersatz für den bisher importierten Kaffee (5). Gesammelt wurden auch Birkenblätter, Brennnesselblätter, Bucheckern, Fingerhutblätter, Hagebutten, Holunderblätter, Huflattichblätter, Johanniskraut, Kamillenblüten, Kastanien, Klatschmohnblüten, Mohnkapseln, Mutterkorn, Lindenblüten, Löwenzahnkraut und Zinnkraut (6)

 

Die Trocknung und Lagerung der Pflanzen erfolgte zunächst auf Dachböden von Schulen. Der Reichsminister der Luftfahrt verbot dies jedoch infolge zunehmender Luftangriffe und der damit verbundenen erhöhten Brandgefährdung im September 1941 in Städten und im September 1942 auf dem Land (7). Für die enormen Mengen der eingesammelten Heilpflanzen mussten nun andere Lagerräume geschaffen werden. Wo hätten die Heilpflanzen besser getrocknet und gelagert werden können als beim Arzneimittelfachmann selbst?

 

Die Aufgaben des Apothekers

 

Apothekenlagerräume fungierten demnach ab 1943 als Trocknungs- und Bezirksammelstellen. Die wild gesammelten Kräuter der Schulkinder brachten »entsetzlich viel Arbeit« mit sich, mussten sie doch von den Apothekenmitarbeitern getrocknet und nach Qualität sortiert werden (8). Diese Arbeit hatten die Apothekenmitarbeiter unentgeltlich zu leisten. Mit der Kartierung des Heilpflanzenvorkommens und den straff organisierten Sammlungen ermöglichte die Arbeitsgemeinschaft eine enorme Steigerung der Ernte in den Jahren 1940 bis 1943 von 1,5 auf 8 Millionen Kilogramm Trockendroge (9). Dies war neben der gesteigerten »Sammelfreudigkeit« der Bevölkerung eine Folge der expandierenden Anbauflächen für Heil- und Gewürzpflanzen, die zwischen 1939 und 1941 von 3732 auf 10.374 Hektar anwuchsen (10).

 

Apotheker genossen bei der Bevölkerung ein hohes Maß an Vertrauen und sollten daher beruflich wie auch politisch zum Vorbild für die Bevölkerung werden. Neben der fachlich determinierten Verbreitung von nationalsozialistischem Gedankengut war es somit ihre Aufgabe, die Verwendung von »Deutschen Heilpflanzen« und von »Deutschem Tee« zu propagieren. Sie hatten an erster Stelle über die Qualität der Heilkräuter zu wachen. Als Fachmann für Heilpflanzen fungierten sie zudem als Berater und informierten die Sammler über Trocknung und Aufbewahrung (11).

 

Arzneipflanzenabzeichen

 

Um die Nützlichkeit und den Wert der »Deutschen Heilpflanze« besonders hervorzuheben, gestaltete die »Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde und Heilpflanzenbeschaffung« für die jährlich in den Wintermonaten stattfindenden Straßensammlungen des Winterhilfswerkes (12) Arzneipflanzenabzeichen, die sie in den Jahren 1941 bis 1943 herausgab. Die Abzeichen aus Wachspapier stellten naturgetreue Nachbildungen von Pflanzen dar. In den ersten beiden Jahren erschienen die Serien »Deutsche Heilpflanzen I und II«, im Jahr 1943 folgte die Serie der »Naturgeschützten Pflanzen«. Die Pflanzen der Serie I und II erhielten ein Schildchen, auf dem der deutsche Name der Heilpflanze sowie der zu sammelnde Drogenteil verzeichnet waren. Das Namensschild der »Naturgeschützten Pflanzen« trug den Zusatz »Unter Naturschutz - Pflücken verboten«. Albert Schmierer bewertet die Sammlungen in seinen Memoiren als überaus positiv (13): »Die Werbung und die Kenntnisse der Heilpflanzen erschien mir für das ganze Volk so wichtig, daß ich zunächst einmal 20 künstliche Arzneipflanzen im sächsischen Riesengebirge durch Heimarbeit herstellen ließ. Einmal wurde dadurch diesen recht armen und nicht von einer besonderen Industrie gesegneten Gebieten zu einer Einnahmequelle verholfen, zum andern aber hatte jeder Volksgenosse, der für damals 20 Pfg. bei der Straßensammlung eine solche ausgezeichnet nachgemachte Heilpflanze kaufte, eine Beziehung zur Natur, zum Apothekerstand und zur besonderen Bedeutung der Heilpflanze.«

Tabelle: Serien der Reichsstraßensammlung (14)

Deutsche Heilpflanzen I
29./30. März 1941
(Auflage: 49.670.274 Stück)
Deutsche Heilpflanzen II
28./29. März 1942
(Auflage: 53.433.384 Stück)
Naturgeschützte Pflanzen
27./28. März 1943
(Auflage: 55.000.000 Stück)
1 Birke Augentrost Adonisröschen
2 Brombeere Breitwegerich Edelweiß
3 Faulbaum Ehrenpreis Enzian
4 Feldmohn Gänsefingerkraut Gelbe Narzisse
5 Feldstiefmütterchen Gauchheil Leberblümchen
6 Fingerhut Ginster Märzenbecher
7 Gänseblümchen Gundermann Seidelbast
8 Hagebutte Hauhechel Trollblume
9 Heidelbeere Heidekraut Türkenbund
10 Huflattich Himbeere Weiße Seerose
11 Kamille Johanniskraut
12 Löwenzahn Lungenkraut
13 Preiselbeere Mistel
14 Rainfarn Odermennig
15 Schafgarbe Rotklee
16 Schöllkraut Schlehe (Blüte)
17 Spitzwegerich Schlehe (Frucht)
18 Taubnessel Tausendgüldenkraut
19 Walderdbeere Tollkirsche
20 Wegwarte Wacholder

Als Aufmerksamkeit für besondere Führungspersönlichkeiten ließ die Deutsche Arbeitsfront sogenannte »Ganzsachen« gestalten. Körbe und Kränze aus bedruckter Pappe sowie aufklappbare Schachteln bestückte man mit einer kompletten Heilpflanzenserie und vergab diese als »Präsent« für getreue und dienliche Nationalsozialisten (15).

 

Deutlich erkennbar ist das Interesse an diesen Heilpflanzen, wenn man die Ergebnisse der Straßensammlungen vergleicht. Unter den sieben verschiedenen Sorten der Sammlungen von 1941/42 befanden sich Kunststoffabzeichen als Hakenkreuzform, Edelsteinabzeichen germanischer Schilde, Buch- und Holzabzeichen, Tonfiguren, Porzellanabzeichen einheimischer Vögel und die begehrten Kunstblumenabzeichen der Serie »Deutsche Heilpflanzen II«. Der Mindestbetrag einer Spende betrug 0,20 RM, für die man ein Abzeichen als Quittung erhielt (16). Da die Bürger spendeten, um Bedürftigen zu helfen, lag der Spendenbetrag meist höher als der Wert des Abzeichens. Erhielt der Spendenwillige eine Wachspapierblume als Quittung, so lag der durchschnittlich gespendete Betrag deutlich höher als für andere Abzeichen. Die Auswertung der Rechenschaftsberichte des Winterhilfswerkes (17) zeigt, dass ein Heilpflanzenabzeichen 1941 einen Spendendurchschnitt von 0,68 RM und 1942 sogar von 0,84 RM erlangte, während er bei den übrigen Abzeichen zwischen 0,36 und 0,57 RM pro Abzeichen lag. Für ein Hakenkreuzabzeichen wanderten durchschnittlich nur 0,36 RM in die rote Sammeldose. Die ansteckbaren Heilpflanzen förderten demnach die Gebefreudigkeit der Bevölkerung um das 3,4- bis 4,2-Fache.

 

Resümee

 

Die von der »Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde und Heilpflanzenbeschaffung« straff organisierten und umfangreichen Heilpflanzensammlungen, verwirklicht durch Apothekenpersonal, Schulkinder, Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel und SA, hielten die Versorgung der Bevölkerung mit Heilpflanzen bis in die späten Kriegsjahre aufrecht und sparten beträchtliche Devisen ein. Der Umfang der Sammlungen stieg zwischen 1940 und 1943 von 1,5 auf 8 Millionen Kilogramm Trockendroge. Apotheker leisteten hierzu bei der Heilpflanzensammlung, aber vor allem mit der daran anschließenden Trocknung, Sortierung und Aufbewahrung der Drogen einen enormen Beitrag zur Deckung des Bedarfes an Heilpflanzen.

 

Die Straßensammlungen des Winterhilfswerkes, bei denen Heilpflanzenabzeichen verteilt wurden, sollten zum einen eine Verbindung zwischen dem Winterhilfswerk und der Apotheke schaffen, zum anderen der Bevölkerung die Verbundenheit mit dem »Deutschen Boden« und der Natur nahelegen. Ferner wollte man mit diesen jeweils als letzte des Winters durchgeführten Sammlungen den Blick für die im Frühling beginnenden Heilpflanzensammlungen schärfen. Ein anderer Aspekt darf in diesem Zusammenhang nicht unbeachtet bleiben: Der Spendenwille für die ansteckbaren Blumen, und damit gegen Kriegs- oder politische Abzeichen, symbolisiert aber wohl auch die Sehnsucht der Bevölkerung nach Frieden. Als heilende und regenerative Arzneipflanzen bildeten sie zu der Zerstörungswelle im Zweiten Weltkrieg einen Gegenpol.

Quellen und Literatur

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O. A., Erfolgreiche Sammlung von Heilkräutern, Deutsche Apotheker Zeitung 54 (1939), 1193.

O. A., Arzt, Apotheker und Heilpflanze, Deutsche Apotheker Zeitung 53 (1938), 1143 f.; hier 1143.

Sinz, K., Deutsche Heilpflanzengewinnung 1932 bis 1942, Ein Rückblick, Die Pharmazeutische Industrie 10 (1943), 63.

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Magistratsakten 8873, fol. 92.

O. A., Merkblatt über Kräuterteemischungen aus heimischen Kräutern für den Haushalt, Deutsche Apotheker Zeitung 59 (1944), 140 ff.

Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Best. G 15 Dieburg Nr. P 547, [ohne Paginierung], Antrag betr. Sammelerlaubnis für nichtgeschützte Heilkräuter, [o. O.], [o. Datum]; zu Kastanien vgl. Dieckmann, [H.], Neuzeitliche Kastanienverwertung, Die Pharmazie 1 (1946), 270-272; zu Hagebutten vgl. Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Best. G 38 Birkenau Nr. 420, [ohne Paginierung], Flugblatt: Pflanzt Wildrosen; sowie Persönliche Mitteilungen von Apothekerin Rosemarie Scheer und Apotheker Ulrich Scheer, Wanfried, 04. Januar 2006.

O. A., Dachbödenbenutzung zur Trocknung von Heilpflanzen und Brandgefährdung, Deutsche Apotheker Zeitung 57 (1942), 333.

Privatarchiv von Apothekerin Aline Faass, Fredener Apotheke, Freden. Apothekerin Helene Faass an ihren Sohn Günther Faass, Freden, 15. Oktober 1944.

Kaiser, H., Pharmazeutisches Taschenbuch, 2 Bde, 3., vermehrte und verbesserte Auflage, Stuttgart 1944, Bd. 1, S. 382; sowie Merkel, P., Die zukünftige Versorgung Deutschlands mit Heil- und Teekräutern durch die RfH, Die deutsche Heilpflanze 11 (1945), 5 ff.

O. A., Der deutsche Heil-, Gewürz- und Duftpflanzenanbau 1941, Beilage: Die deutsche Heilpflanze (1942), 17 [Beilage der Deutschen Apotheker Zeitung, Teilweiser Auszug aus der Monatszeitschrift ›Die deutsche Heilpflanze‹].

Privatarchiv von Apotheker Klaus Wolff, Eilsleben, Rundschreiben der Deutschen Apothekerschaft Bezirk Nordmark 6 (1942), 2.

Das 1933 gegründete Winterhilfswerk (WHW) stellte im Dritten Reich eine Hilfsorganisation für Arbeitslose, Fürsorgeempfänger und kinderreiche Familien dar. Das Hilfswerk finanzierte sich unter anderem mit Straßensammlungen während der Wintermonate.

Schmierer, A., Mein Leben, Schreibmaschinenskript, Freudenstadt [1950-1960], [ohne Paginierung].

Tieste, R., Spendenbelege des Winterhilfswerkes, Reichsstraßensammlungen 1933 bis 1945, Bd. 1, 3. Auflage, Bremen [1991], S. 127-130, S. 140-143 und S. 153 f. Siehe auch Breuer, J., Blumen für die Winterhilfe, Die Heilpflanzenabzeichen des Winterhilfswerks von 1941 bis 1943, Deutsche Apotheker Zeitung 141 (2001), 6045-6050; hier 6047.

Persönliche Mitteilung von Bauleiter Rudolf Stebler, Wien, 11. Januar 2006.

Der Preis für ein Spendenabzeichen lag bei 20 Rpf. Vgl. O. A., »Deutsche Heilpflanzen.« Zur 7. Reichs-Straßensammlung im 2. Kriegswinterhilfswerk am 29. und 30. März 1941, Deutsche Apotheker Zeitung 56 (1941), 189 f.

Durchschnitt errechnet aus Hitler, A., Führer-Rede zum Kriegs-Winterhilfswerk 1941/1942: mit der Rede des Reichsministers Dr. Goebbels sowie dem Rechenschaftsbericht des Kriegs-Winterhilfswerkes 1940/41, Berlin 1941 (Schriftenreihe der NSV; 13), S. 37-52; sowie Hitler, A., Führer-Rede zum Kriegs-Winterhilfswerk 1942/1943: mit der Rede des Reichsministers Dr. Goebbels sowie dem Rechenschaftsbericht des Kriegs-Winterhilfswerkes 1941/42, Berlin 1942 (Schriftenreihe der NSV; 14), S. 50-55.

 

Anschrift der Verfasser:

Caroline Schlick

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie

Roter Graben 10

35032 Marburg

Telefon: (0 64 21) 2 82 28 28

Fax: (0 64 21) 2 82 28 78

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