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Klimakterium

Hormonfrei bei Hitzewallungen

20.07.2007  16:06 Uhr

Klimakterium

Hormonfrei bei Hitzewallungen

Von Bettina Wick-Urban

 

Hitzewallungen und Nachtschweiß gehören zu den unangenehmsten Beschwerden der Wechseljahre. Bislang konnten diese Symptome nur durch eine Hormonersatztherapie gelindert werden. Möglicherweise gibt es mit Desvenlafaxin nun schon bald eine hormonfreie, wirksame Alternative.

 

Während des amerikanischen Gynäkologenkongresses in San Diego hat das Pharmaunternehmen Wyeth die positiven Ergebnisse der Phase III-Studien für Desvenlafaxin vorgestellt. Untersucht wurde in den Studien die Wirksamkeit und Verträglichkeit des Arzneistoffes bei mäßigen bis schweren vasomotorischen Symptomen wie Hitzewallungen und Nachtschweiß in den Wechseljahren. In USA soll das Arzneimittel im Herbst dieses Jahres auf den Markt gebracht werden. Auch in Europa ist mit einer baldigen Zulassung zu rechnen. Desvenlafaxin wird momentan in höheren Dosierungen auch bei Depressionen klinisch getestet (1).

 

Bei Desvenlafaxin handelt es sich um einen Metaboliten von Venlafaxin (Trevilor®), welches bereits zur Behandlung von Depressionen zugelassen ist. Desvenlafaxin ist ein Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI), der die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin in die präsynaptischen Vesikel der Neuronen hemmt. Dadurch erhöht sich das Angebot dieser Neurotransmitter im synaptischen Spalt (2).

 

Temperaturhomöostase gestört

 

Wie wirkt Desvenlafaxin bei vasomotorischen Symptomen? Im Normalzustand gleicht der Körper die Körperkerntemperatur kontinuierlich gegen festgelegte, endogene Schwellenwerte ab. Bei Überschreiten des oberen Schwellenwertes erfolgt eine Wärmeabgabe durch Vasodilatation peripherer Gefäße sowie durch Schwitzen. Bei einem Unterschreiten kommt es zum gegenteiligen Effekt, die peripheren Gefäße kontrahieren sich und es kommt zum Muskelzittern. Zwischen den beiden Schwellenwerten befindet sich die sogenannte thermoneutrale Zone, in der keine thermoregulatorischen Aktionen erfolgen. Das Kontrollzentrum der Körpertemperatur befindet sich im Hypothalamus. Gesteuert wird die Körperkerntemperatur über verschiedene neuroendokrine Mechanismen, die ebenfalls im Hypothalamus koordiniert werden. Eine zentrale Rolle nimmt hierbei Estrogen ein. Es erhöht im Hypothalamus vor allem den oberen Schwellenwert, ab dem das Schwitzen einsetzt. Infolge der Menopause sinkt der Estrogenspiegel. Dadurch kommt es zu einer Sollwerterniedrigung im Hypothalamus, sodass Frauen, die an vasomotorischen Symptomen leiden, eine verringerte temperaturneutrale Zone aufweisen. Das Temperaturzentrum registriert eine scheinbare Überhitzung und versucht, dieser entgegen zu regeln, um die Körpertemperatur zu senken. Als Folge dieses Kompensationsmechanismus treten Hitzewallungen auf. Durch den Abfall der Estrogenkonzentration kommt es ebenfalls zu verminderten Spiegeln von Noradrenalin und Serotonin und somit zu einer Beeinflussung der thermoneutralen Zone. Werden die Konzentrationen der Neurotransmitter im synaptischen Spalt durch einen Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Desvenlafaxin erhöht, restabilisieren sich die thermoregulatorischen Schwellenwerte (3, 4).

 

Die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Desvenlafaxin wurde in drei Phase-III-Studien bei Patientinnen mit Wechseljahrbeschwerden evaluiert. Zwei der Studien zeigten eine signifikante Verbesserung der Symptome bei Gabe von Desvenlafaxin gegenüber Placebo, während in der dritten Studie Desvenlafaxin und Placebo gleich wirksam waren.

 

Weniger Hitzewallungen

 

In einer nordamerikanischen Studie wurden 689 Patientinnen in der Menopause, die vor Studienbeginn unter mindestens fünfzig mäßig bis schweren Hitzewallungen wöchentlich litten, mit 50, 100, 150 oder 200 mg Desvenlafaxin behandelt. Untersucht wurde die Wirksamkeit von Desvenlafaxin im Vergleich zu Placebo auf die tägliche Anzahl und den Schweregrad der Hitzewallungen und den Nachtschweiß nach zwölf Wochen. Dabei reduzierte Desvenlafaxin signifikant die tägliche Zahl der Hitzewallungen um 60 Prozent in der 100-mg-Gruppe und um 66 Prozent in der 150-mg-Gruppe. In der Placebogruppe wurde eine 47-prozentige Reduktion beobachtet. Auch nahm die Schwere der Hitzewallungen signifikant um circa 24 beziehungsweise 29 Prozent ab. In der Placebogruppe reduzierte sich der Schweregrad um dreizehn Prozent. Auch der Nachtschweiß wurde durch Desvenlafaxin reduziert. Diese Ergebnisse konnten auch in einer zwölfmonatigen US-Studie mit 541 Patientinnen bestätigt werden. In beiden Studien zeigte sich bereits nach einer Woche eine Wirkung, die über den gesamten Beobachtungszeitraum von sechs beziehungsweise zwölf Monaten anhielt.

 

Kein signifikanter Unterschied zur Placebogruppe wurde in einer multinationalen Studie mit 451 Patientinnen in der Menopause gefunden, die 100 mg Desvenlafaxin, 2,5 mg Tibolon (Liviella®) oder Placebo erhielten. Desvenlafaxin verringerte die Zahl der Hitzewallungen um 57,7 Prozent, in der Placebogruppe wurde eine Reduktion um 57,5 Prozent beobachtet. Hingegen reduzierte Tibolon die Hitzewallungen signifikant um 81 Prozent. Auch verringerte sich der Schweregrad der Hitzewallungen nicht signifikant gegenüber Placebo. Wyeth erklärte diese Studienergebnisse mit einer höher als erwarteten Placeboantwort (2).

 

Verbesserte Schlafqualität

 

Während des Kongresses in San Diego stellte das Unternehmen auch die Ergebnisse von zwei Analysen vor, bei denen der Effekt von Desvenlafaxin auf Stimmung, Schlaf und Sexualfunktion evaluiert wurde. Hierbei konnte gezeigt werden, dass Desvenlafaxin einen positiven Effekt auf die Schlafqualität hat. Die Patientinnen wachten seltener während der Nacht auf, die Schlafdauer verlängerte sich. Insgesamt beurteilten die Studienteilnehmerinnen ihre Schlafqualität als verbessert. Auch die Stimmung, die mithilfe eines Patientenfragebogens beurteilt wurde, verbesserte sich signifikant. Eine signifikant verringerte Sexualfunktion wie bei anderen antidepressiv wirksamen Substanzen, zum Beispiel auch der Muttersubstanz Venlafaxin, wurde unter den getesteten Dosierungen nicht beobachtet (5).

 

Übelkeit war die am häufigsten beobachtete Nebenwirkung in den Studien, und auch der Hauptgrund für einen Studienabbruch. Bei den meisten Patientinnen war die Übelkeit jedoch vorübergehend und schwach bis mäßig ausgeprägt. Daneben traten Mundtrockenheit, Schwindelgefühl, Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen auf. Erste Ergebnisse einer aktuellen Studie zeigen, dass eine Einschleichphase mit 50 mg Desvenlafaxin die Verträglichkeit verbessern kann (6).

 

Alternative zur Hormontherapie

 

In Deutschland leben circa elf Millionen Frauen zwischen 45 und 65 Jahren. Viele dieser Frauen klagen in unterschiedlichem Ausmaß über Wechseljahrbeschwerden. Als besonders belastend werden die vasomotorischen Symptome empfunden, die bei circa zwei Drittel auftreten. Diese können die Lebensqualität stark beeinträchtigen ebenso wie die möglichen daraus resultierenden Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen.

 

Drei bis acht Gramm Schweiß verliert eine Frau pro Hitzewallung, eine Menge, die zu sichtbaren Schweißflecken führen kann, was von vielen als peinlich empfunden wird. Bei vielen Frauen ist die Hormonersatztherapie nach wie vor eine Option zur Behandlung der Klimakteriumsbeschwerden, die zu einer 80- bis 90-prozentigen Symptomreduktion führt. Jedoch gibt es Frauen, bei denen eine Hormontherapie kontraindiziert ist wie bei Patientinnen mit Mamma- oder Endometriumkarzinom und Patientinnen mit erhöhtem Thromboserisiko, Bluthochdruck oder Leberfunktionsstörungen. Insbesondere bei diesen Patientinnen kann Desvenlafaxin eine Alternative bieten (7).

Literatur

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N.N., Scrip 3230 (2007) 19.

N.N., Scrip 3260 (2007) 26.

Deecher, D., Expert Opin Investig Drugs 14, 4 (2005) 435-448.

Bachmann, G., J Reprod Med 50, 3 (2005) 155-165.

Pressemitteilung Wyeth, 9. Mai 2007.

Pressemitteilung Wyeth, 21. Juni 2007.

Pressemitteilung Wyeth, 16. Mai 2007.

 

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