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Migräne und Schlaganfall

Erregungswellen im Gehirn

15.07.2015  09:38 Uhr

Von Annette Mende / Sich ausbreitende Depolarisationen (Spreading Depolarizations, SD) sind Entladungen, die sich im Gehirn wellenförmig verbreiten. Das Phänomen tritt bei unterschiedlichen Erkrankungen des Nervensystems auf, darunter Migräne und Schlaganfall.

 

Nicht immer hinterlassen SD dabei einen Zellschaden, wie Wissenschaftler um Professor Dr. Jens Dreier und Clemens Reiffurth von der Berliner Charité jetzt im Fachjournal »Neuron« berichten (DOI: 10.1016/j.neuron.2015.04.004).

 

Bei Migräne-Patienten steigt der Blutfluss im Gehirn vor einer Kopfschmerzattacke um das Dreifache an. Ursache dafür ist ein Erregungssturm von Nervenzellen: Wie eine Welle wandert die gleichzeitige Erregung vieler Neurone über weite Teile der Hirn­rinde. Streift sie das Sehzentrum der Betroffenen, führt das zu Wahrnehmungsstörungen, die bei etwa einem Drittel der Patienten auftreten. Klinische Studien der letzten Jahre haben zudem ergeben, dass derartige Erregungswellen auch bei einem Schlag­anfall auftreten.

 

In dem internationalen Forschungsverbund COSBID (Cooperative Studies on Brain Injury Depolarization) forschen Wissenschaftler der Charité an den Ursachen und Wirkungen dieses neuronalen Phänomens. Insgesamt wurden SD bereits bei mehreren Hundert Patienten nachgewiesen. So treten sie immer auf bei malignen Hirn­infarkten, bei 70 bis 80 Prozent der Patienten mit einer aneurysmatischen Subarachnoidalblutung, einer Blutung aus den großen arteriellen Gefäßen der Hirnbasis, sowie bei etwa 60 Prozent der Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma. Bemerkenswert ist, dass die Erregungswelle bei einer Migräne in der Regel keinen Zellschaden hinterlässt, wohingegen sie in Gewebe mit bereits gestörtem Stoffwechsel, wie bei einem Schlaganfall, einen wandernden Zelluntergang auslösen kann.

 

»Bereits vor mehr als 70 Jahren postulierte der brasilianische Neurobiologe Aristides Leão, dass der Migräneaura eine Riesenwelle im Gehirn zugrunde liegt, die mehr als fünfmal größer ist als die Nervenzellentladung während eines epileptischen Anfalls«, sagt Dreier in einer Pressemitteilung der Charité. Bei anderen Erkrankungen als der Migräne könne die Welle ein Signal an die Hirngefäße senden, sich extrem zu verengen. Dann steige der Blutfluss nicht an, sondern versiege, was den massenhaften Untergang von Hirngewebe erkläre. Die Forscher wollen nun versuchen, aus diesen Beobachtungen diagnostische und therapeutische Konzepte abzuleiten. /

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