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Depression

Neue Ursache entdeckt

26.07.2013
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Von Kerstin A. Gräfe / Deutsche Forscher haben eine revolutionäre Hypothese zur Entstehung von Depressionen aufgestellt: Nicht ein Mangel des Neurotransmitters Serotonin, sondern die Neuronen im Gehirn selbst verursachen demnach die depressiven Symptome.

Im Fokus der Überlegungen stehen dabei bestimmte Lipide, sogenannte Ceramide, die die Entstehung und Vernetzung von Neuronen im Gehirn hemmen. Die Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler um Professor Dr. Johannes Kornhuber vom Universitätsklinikum Erlangen-Nürnberg und Professor Dr. Erich Gulbins von der Universität Duisburg-Essen jetzt im Fachmagazin »Nature Medicine« (doi: 10.1038/nm.3214).

Die genauen Ursachen der Depression sind bislang ungeklärt. Bekannt ist jedoch, dass bei depressiven Patienten die Signalübertragung von Neurotransmittern wie Serotonin oder Noradrenalin im synaptischen Spalt reduziert ist. Auf diesen Umstand zielen gängige Antidepressiva wie die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ab. Ihr stimmungsaufhellender Effekt beruht darauf, dass ausgeschüttetes Serotonin langsamer von den Neuronen wieder aufgenommen wird, wodurch die Konzentration im synaptischen Spalt steigt. Die neuen Erkenntnisse lassen jedoch darauf schließen, dass nicht der Neurotransmitter-Mangel, sondern die Neuronen im Gehirn das Hauptproblem sind. So scheinen depressive Patienten eine verminderte neuronale Plastizität zu haben. Das bedeutet, dass bei ihnen die Neubildung von Neuronen im Gehirn reduziert ist.

 

Basis dieser Hypothese bildet ein von den Forschern neu entdeckter zellbiologischer Mechanismus. Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen die bereits genannten Ceramide. Sie werden enzymatisch mittels der sauren Sphingomyelinase (ASM) aus dem Lipid Sphingomyelin freigesetzt. Je höher die Ceramid-Spiegel, desto stärker ist die Neubildung von Neuronen im Gehirn beeinträchtigt, so die Annahme der Wissenschaftler. Zumindest im Tiermodell konnten sie diesen Zusammenhang nun nachweisen. Genetisch veränderte Mäuse mit hohen Ceramid-Spiegeln zeigten depressionsähnliche Symptome. Zugleich konnten die Forscher zeigen, dass viele der gängigen Anti- depressiva die ASM hemmten und die Ceramid-Spiegel im Gehirn der Mäuse reduzierten. Daraufhin normalisierte sich das Verhalten der Tiere. Zudem beschleunigten sich dank der Medikamente Neubildung, Wachstum und Reifung von Nervenzellen.

 

Substanzen, die die ASM-Aktivität hemmen oder die Ceramid-Konzentration auf andere Weise senken, wirken antidepressiv, lautet die Schlussfolgerung der Studienautoren. Sie sehen den neuen Wirkmechanismus auch als Erklärung für die bislang ungeklärte Latenzzeit antidepressiver Arzneistoffe, da die neuronale Plastizität sich erst nach und nach erhole. Sollten sich diese Annahmen als richtig herausstellen, würde das zudem bedeuten, dass in Wirklichkeit die Hemmung der ASM die antidepressive Wirkung dieser Substanzen vermittelt. Das könnte die pharmakologische Therapie der Depression revolutionieren. /

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