Pharmazeutische Zeitung online
Zecken-Infektionen

Gemeiner Holzbock

20.07.2010
Datenschutz bei der PZ

Von Elke Wolf / Zecken haben jetzt Hochsaison. Vor allem im Sommer infizieren sich besonders viele Menschen. Höchste Zeit also, sich das nötige Hintergrundwissen für die Beratung noch mal zu vergegenwärtigen. Die wichtigsten Fakten.

Nicht jeder Zeckenstich macht krank. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass es immer mehr Zecken gibt, die Krankheitserreger mit sich herumschleppen. In Deutschland gibt es ein deutliches Nord-Süd-Gefälle bei der Durchseuchung des Holzbocks, sowohl was Borrelien als auch FSME-(Frühsommer-Meningoenzephalitis) Viren angeht. Während in nördlichen Bundesländern nur etwa 6 bis 10 Prozent der Zecken Borrelia-burgdorferi-Träger sind, ist in Bayern oder Baden-Württemberg sogar in jedem zweiten bis dritten kleinen Blutsauger mit den Bakterien zu rechnen. Laut einer aktuellen Meldung des Regionalverbands Ruhr gibt es immer mehr Zecken. An Rhein und Ruhr ist mittlerweile jede dritte Zecke borrelienbelastet, vor zehn Jahren war es noch jede zehnte.

Im Gegensatz zu den Borrelien kommen FSME-Viren nicht überall in Deutschland vor. Zecken-Hochburgen sind der Südwesten Baden-Württembergs und einige Landkreise in Bayern, außerdem Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen. Dort können bis zu 5 Prozent der Zecken FSME-Viren enthalten. Das Robert-Koch-Institut (www.rki.de) gibt regelmäßig Karten mit aktuellen Risikogebieten heraus (siehe Grafik).

 

Stich statt Biss

 

Selbst wenn die Zecken Krankheitserreger mit sich tragen, haben ihre Stiche nicht immer Folgen. In 60 bis 70 Prozent der Fälle gelingt es dem Immunsys­tem, die FSME-Viren schachmatt zu setzen; die Infektion verläuft unbemerkt. Und selbst in Hochrisiko­gebie­ten folgt auf 1000 bis 2000 Zeckenstiche nur eine FSME. Im vergangenen Jahr gab es 313 Fälle der meldepflichtigen Erkrankung in Deutschland, das sind rund 8 Prozent mehr als im Jahr davor.

 

Führen die Spinnentiere Borrelien mit sich, werden diese vermutlich nur bei jedem dritten Stich übertragen. Schätzungen gehen von rund 60 000 Menschen aus, die jährlich in Deutschland an Lyme-Borreliose erkranken. Genaue Daten liegen nicht vor, da die Erkrankung außer in den neuen Bundesländern und Berlin nicht meldepflichtig ist.

 

Nicht auf Wanderröte verlassen

 

Da sich die FSME-Erreger in den Speicheldrüsen der infizierten Zecke befinden, wechseln sie sofort nach dem Einstich ihren Wirt. Deshalb kann auch eine rasche Entfernung des Parasiten eine mögliche Übertragung von FSME-Viren nicht verhindern. Anders die Situation bei Borrelien. Sie sitzen im Darm der Zecke und erreichen erst mit den Ausscheidungen der Zecke unseren Körper. Das ist erst nach etwa zwölf bis 24 Stunden der Fall. Rechtzeitiges Entfernen der Zecke kann also eine Infektion verhindern.

Mit ihren scherenartigen Mundwerkzeugen reißt die Zecke die Haut des Wirtes auf und gräbt mit ihrem rüsselartigen Stechapparat eine Grube in das Gewebe, die mit Blut vollläuft. Das Blut saugt sie immer wieder ab. Beim Zustechen gibt die Zecke mit ihrem Speichel ein Lokalanästhetikum ab. So merkt der Wirt zunächst nichts von seinem ungebetenen Gast. Wenn er ihn spürt, erschwert eine Reihe von Widerhaken am Stechapparat das Entfernen. Und obendrein produziert die Zecke kurz nach dem Stich Substanzen, die eine normale Wundreaktion der Haut wie Entzündungen oder Blutgerinnung verhindern – so kann der Holzbock ungestört und möglichst viel trinken. Und hierin besteht die Gefahr für den Menschen

 

Hat die Zecke bei ihrer Blutmahlzeit Borrelien hinterlassen, wandern die Krankheitserreger ausgehend von der Einstichstelle ringförmig weiter. Nach einigen Tagen bis Wochen reagiert das Immunsystem des Menschen. Bei rund 50 Prozent der Betroffenen kann man dies sehen: Ihre Haut rötet sich in diesem Bereich, und es entsteht die charakteristische schmerzlose Wanderröte. Doch Vorsicht: Dieser gerötete Hautring kann auch atypisch ausfallen und ist dann nur schwer zu erkennen. Dann sieht die Wanderröte etwa wie eine Nesselsucht aus, enthält fleckige Knötchen oder erinnert an eine Wundrose. Spätestens jetzt ist es Zeit, zum Arzt zu gehen. Anhand von Bluttests sind die Erreger nachzuweisen, die Infektion wird mit Antibiotika behandelt.

Ein verräterisches Indiz, das auf eine FSME-Infektion hinweist wie die Wanderröte auf Borreliose, gibt es nicht. Vielmehr verläuft die Infektion bei 30 bis 40 Prozent sehr diffus, mit Fieber, Schwitzen, Abgeschla­genheit, Kopf-, Rücken- und Gliederschmerzen, manch­mal auch Magen-Darm- und Atemwegsproble­men. Dann heilt die Erkrankung meist wieder aus. Etwa 10 Prozent der Infizierten trifft es dagegen hart: Plötzlich ansteigendes, hohes Fieber, Nackensteife und starke Kopfschmerzen können sich bis zu Hirnhaut- und Gehirnentzündungen auswachsen. Befallen die Viren das Rückenmark, können Lähmun­gen bleiben. Ist das Gehirn betroffen, verläuft die Infektion in 1 bis 2 Prozent tödlich.

 

Gut vorbereitet nach draußen

 

Kluge Köpfe beugen vor. Die FSME-Impfung und das konsequente Auftragen von Repellents sind dabei die effektivsten Maßnahmen. Repellents halten die Zecken vom Leib, allerdings nur vier bis sechs Stunden (zum Beispiel mosquito® Zeckenspray, Autan® family care Zeckenschutz). Danach ist das Mittel erneut aufzutragen. Es sollte lückenlos auf der Haut verteilt werden, auch unter dünnen Kleidungsstücken. Das insektenabwehrende Mittel ist nach dem Sonnenschutzmittel aufzutragen. Für Kinder unter zwei Jahren sind Repellents nicht geeignet, genauso wenig sollte man sie auf geschädigte Haut, etwa einen Sonnenbrand, auftragen. Zusätzlich sollte man sich am Abend auf die kleinen Blutsauger absuchen. Wie man sie richtig entfernt, lesen Sie im folgenden Kasten. Auch in Textilien können sich Zecken verirrt haben. Wer sichergehen will, gibt die getragenene Kleidung bei 50° Celsius in den Wäschetrockner. Ein Vollbad im Buntwaschgang der Waschmaschine überstehen sie meist unbeschadet. Trockene Hitze hingegen mögen sie nicht besonders gern.

Zecken richtig entfernen

Zecken entfernt man mit einer Zeckenzange oder -karte oder noch besser mit einer Pinzette, deren Enden spitz zulaufen. So lassen sich auch kleine Exemplare, wenn sie noch im Nymphen-Stadium und damit nicht größer als zwei Millimeter sind, packen.

Die Zecke am Kopf so nah wie möglich an der Haut fassen.

Gerade nach hinten mit gleichmäßigem Zug herausziehen. Da die Zecke kein Gewinde hat, hat eine bestimmte Drehrichtung keine Bedeutung, wie oft behauptet. Wichtig ist aber, dass der Hinterleib möglichst nicht gequetscht wird. Ansonsten könnten Viren aus den Speicheldrüsen oder Borrelien aus dem Darm in die Wunde gelangen.

Die Zecke keinesfalls mit Öl, Klebstoff oder Nagellack bedecken. Das würde ihren Speichelfluss und damit die Übertragung von Erregern fördern.

Die Wunde danach desinfizieren. In der Haut verbleibende Mundwerkzeuge der Zecke werden binnen Tagen abgestoßen. Geschieht dies nicht oder entzündet sich die Einstichstelle, ist ein Arzt zurate zu ziehen.

Die Einstichstelle in den nächsten vier Wochen beobachten. Tritt ein kreisförmiger, sich vergrößernder, rot-gerandeter Ausschlag oder rote Pusteln um die Einstichstelle auf, ist ein Arzt aufzusuchen.

 

Auch Hunde sollten mit Repellents versorgt werden, um sich den Feind erst gar nicht ins Fell zu holen. Zwar laufen Hunde anders als Menschen nur extrem selten Gefahr, eine FSME-Infektion durchzumachen, doch Borrelien sind für sie genauso krankheitsbringend wie für Menschen. In der Zeckenzeit sollten die Vierbeiner deshalb mit Spot-on-Präparaten oder speziellen Sprays (zum Beispiel Frontline®, Exspot®) behandelt oder mit Shampoos (zum Beispiel Scalibor®) gewaschen werden.

Auch ein Zeckenhalsband (zum Beispiel Scalibor®, Kiltix®) schützt zuverlässig vor den Parasiten. Daneben gibt es für Hunde die Möglichkeit, gegen Borreliose zu impfen. Allerdings garantiert sie keinen absoluten Schutz, da sie nicht alle Borrelienstämme abdeckt. Die Impfung gegen FSME ist für Hunde nicht zugelassen.

 

Drei Impfungen für vollen Schutz

 

Zur FSME-Impfung beim Menschen gibt es keine Alternative; die Beschwerden der Infektion lassen sich nur symptomatisch behandeln. Das RKI empfiehlt vorbeugend zu impfen (zum Beispiel Encepur®), wenn man in FSME-Risikogebieten lebt oder sich dort vorübergehend aufhält. Das RKI weist ausdrücklich darauf hin, dass nicht nur Förster oder Waldarbeiter ein Risiko tragen, sondern jeder, der sich in der Natur aufhält.

 

In der Regel sind drei Impfungen notwendig, um den vollen Impfschutz zu aufzubauen. Nach der ersten Impfung findet die zweite etwa ein bis drei Wochen später statt. Die dritte Spritze ist dann neun bis zwölf Monate nach der ersten fällig.

Nach drei bis fünf Jahren muss der Impfschutz aufgefrischt werden. Ist die Impfung vollständig abgelaufen, können 99 Prozent der Geimpften mit einem vollständigen FSME-Schutz rechnen. Bereits nach zwei Impfungen besteht bei 90 Prozent ein Schutz, der dann allerdings nur etwa ein Jahr anhält. Manchmal ist ein schneller Impfschutz nötig. Dann folgt eine Woche nach der ersten Impfung die zweite und wiederum zwei Wochen danach die dritte Impfung. Ein Impfschutz besteht bereits ab dem 21. Tag nach Beginn der Immunisierung. Eine Auffrischungsimpfung wird so allerdings schon nach 12 bis 18 Monaten fällig. Für Kinder bis 12 Jahre gibt es einen speziellen Impfstoff (zum Beispiel FSME-immun junior®), der weniger Antigen enthält und dadurch für Kinder besser verträglich ist.

 

Viele Experten befürworten die Durchimpfung der gesamten Bevölkerung in Hochrisikogebieten. Zur Begründung ziehen sie gerne das Beispiel Österreich heran. Dort ließen sich im Hochrisikogebiet Kärnten etwa 80 Prozent aller Einwohner gegen FSME impfen. Die FSME-Fälle gingen daraufhin von 600 auf 60 zurück. / 

Mehr von Avoxa