Pharmazeutische Zeitung Online
AMK
Apotheke international

Alberta macht’s vor

07.07.2015
Datenschutz bei der PZ

Von Sven Siebenand / In der kanadischen Provinz Alberta dürfen Apotheker seit einigen Jahren Medikamente verschreiben sowie Injektionen applizieren. Doktorspielchen in Calgary und Umgebung? Darum geht es nicht. Vielmehr hat die Regierung erkannt, wie sie das Know-how der Apotheker zum Nutzen des Patienten einsetzen kann. Greg Eberhart, Apotheker und Generaldirektor des Alberta College of Pharmacists, informiert über die Vorreiterrolle Albertas.

PZ: Können Sie zum Einstieg einen Überblick über die Pharmazie und Arzneimittelversorgung in Kanada geben?

 

Eberhart: Nach den Krankenschwestern und Ärzten sind die Apotheker die drittgrößte Gruppe der Gesundheitsberufe. Mehr als 38 000 praktizierende Apotheker sind im Land registriert. Etwa drei Viertel davon arbeiten in einer von gut 9500 öffentlichen Apotheken. Es existieren unterschiedliche Geschäftsmodelle. So gibt es Apotheker, die eine oder mehrere Apotheken besitzen. 

In Alberta können sie aber nur in einer dieser Apotheken als Lizenzinhaber auftreten, für die anderen Apotheken müssen sie einen Apotheker als Lizenznehmer anstellen. Dann gibt es privat betriebene Apotheken, deren Besitzer kein Apotheker ist. Diese müssen einen verantwortlichen Apotheker als Lizenznehmer anstellen. Last but not least betreiben Unternehmen, zum Beispiel in Supermärkten und Einkaufszentren, Apotheken. Auch sie müssen für jede dieser Apotheken einen Apotheker als Lizenznehmer anstellen. Zwei Unternehmen bieten auch ein Franchise-Modell an. Der Franchise-Nehmer kann, muss aber nicht gleichzeitig Lizenznehmer sein. Im letztgenannten Fall muss zusätzlich ein Apotheker als Lizenznehmer beschäftigt werden. In einigen Provinzen und in den nördlichen Gebieten Kanadas dürfen aufgrund der entlegenen Lage übrigens Ärzte und auch Krankenschwestern Arzneimittel dispensieren.

 

PZ: Funktioniert Apotheke im ganzen Land gleich?

 

Eberhart: Apotheke ist in Kanada nicht gleich Apotheke. Denn die einzelnen Provinzen sind für die Ausgestaltung der pharmazeutischen Praxis verantwortlich. Diese muss zwar mit den Grundprinzipien des Canada Health Acts im Einklang stehen, was aber zum Beispiel Bezahlung der Apotheker und Aufgaben sowie Befugnisse von Apothekern betrifft, gibt es von Provinz zu Provinz Unterschiede.

 

PZ: Wie wird man in Kanada Apotheker?

 

Eberhart: Insgesamt gibt es zehn Schools of Pharmacy im Land. Die meisten von ihnen verlangen mindestens ein Studienjahr an der Universität, bevor das vierjährige Pharmaziestudium in Angriff genommen werden kann. Dieses wird mit dem Bachelor abgeschlossen. Absolventen müssen unter anderem auch ein Praktikum und eine Prüfung in Recht bestehen, bevor sie als Apotheker arbeiten dürfen. Vielerorts wird gerade auf ein auf sechs Jahre ausgelegtes PharmD-Programm mit einem höheren Anteil an praktischem Training im Bereich Klinische Pharmazie umgestellt, um zukünftigen Anforderungen und Aufgaben gerecht werden zu können. Aus mehreren Gründen war und ist das Pharmaziestudium in Kanada sehr beliebt.

 

PZ: Welche Gründe sind das?

 

Eberhart: Zum einen sind die Karrieremöglichkeiten für Apotheker sehr gut. Aufgrund des hohen Bedarfs an Apothekern in den vergangenen 30 Jahren ist auch die Bezahlung von Berufsanfängern deutlich höher als bei Abgängern in anderen Fächern. Seit einigen Jahren ändert sich zudem die Rolle der Apotheker, sodass die Begeisterung für das Pharmaziestudium sogar noch weiter wächst.

 

PZ: Inwiefern hat sich die Rolle verändert?

 

Eberhart: In Alberta haben Apotheker zum Beispiel seit 2007 das Recht, Medikamente zu verschreiben und Injektionen zu geben. Darauf reagiert man derzeit auch in allen anderen kanadischen Provinzen. Allerdings ist die Möglichkeit, Medikamente zu verschreiben, außerhalb von Alberta oft noch eingeschränkt und auf leichtere Erkrankungen beschränkt. Und Injektionen setzen zu dürfen, bedeutet dort lediglich zu impfen.

 

PZ: In Alberta haben die Apotheker also Befugnisse, die weit darüber hi­nausgehen?

 

Eberhart: Ja. Alle Apotheker dürfen Verordnungen des Arztes anpassen. Das heißt, der Apotheker darf eigenmächtig die Dosierung oder die Darreichungsform ändern oder auch einen anderen, therapeutisch äquivalenten Wirkstoff auswählen, wenn er der Meinung ist, dass dies für den Patienten besser ist. 

Ferner dürfen Apotheker auch eine wiederholte Abgabe einer Medikation genehmigen, wenn der Patient nicht rechtzeitig zum Arzt gehen kann, bevor ihm die Medikamente ausgehen. Darüber hinaus können Apotheker zusätzliche Verschreibungs-Befugnisse bei uns, also dem Alberta College of Pharmacists, beantragen. Dazu müssen sie eine ausführliche Dokumentation von drei Patientenfällen vorlegen, die sie erfolgreich gemanaged haben. Diese überprüfen und bewerten wir. Erfolgreiche Bewerber erhalten dann das Recht, eine Arzneimitteltherapie zu initiieren und bei chronisch Kranken das Medikationsmanagement zu übernehmen.

 

PZ: Dann dürfen diese Apotheker alles verordnen, was der Arzt auch verschreiben kann?

 

Eberhart: Abgesehen von Narkotika und anderen kontrollierten Substanzen wie Benzodiazepinen ja.

 

PZ: Wie kommt das bei den Ärzten an?

 

Eberhart: Insgesamt werden die Apotheker von den anderen Gesundheitsberufen respektiert und sehr geschätzt. Einige Ärzte finden es aber nicht gut, dass nun auch Apotheker Arzneimittel verschreiben dürfen. Vorbehalte können aber entschärft werden, wenn die Ärzte und Apotheker noch besser miteinander kommunizieren. Wenn man die Rolle des einen und des anderen versteht und respektiert, lassen sich oft die besten Resultate für den Patienten erzielen.

 

PZ: Sie deuteten auch an, dass Apotheker in Alberta bei den Injektionen mehr dürfen als die Kollegen in anderen Provinzen Kanadas. Was ist hier möglich?

 

Eberhart: In Alberta dürfen Apotheker intramuskulär und subkutan spritzen. Abgesehen von der Injektionsart gibt es sonst keine Einschränkungen, das heißt, es können alle Medikamente und Impfstoffe appliziert werden. Das wird auch von den Patienten angenommen. Vor der Grippesaison 2014/2015 wurden 40 Prozent aller Influenza-Impfungen in Alberta in Apotheken durchgeführt.

 

PZ: Hat sich durch das neue Auf­gabenspektrum auch das Vergütungssystem geändert?

 

Eberhart: Ja, auch in diesem Bereich tut sich etwas. Früher wurden die Apotheker im Grunde nur für das Dispensieren der Arzneimittel bezahlt. 2012 wurde in Alberta ein neues Vergütungssystem eingeführt. Nun werden die Apotheken für Patient-Care-Dienstleistungen bezahlt.

 

PZ: Was sind aktuelle Themen, mit denen sich der Berufsstand beschäftigt?

 

Eberhart: Die Rolle der Apotheker hat sich, wie bereits gesagt, in den vergangenen Jahren geändert. Dieser Prozess ist aber noch nicht abgeschlossen. Wir müssen möglichst alle Kollegen auf diesem Weg mitnehmen. Zukünftig brauchen wir mehr Apotheker im Bereich Patient Care und mehr PTA für die Distribution. Die beiden Berufsgruppen lernen gerade, wie sie am effektivsten zusammenarbeiten können. Ferner muss in Sachen Informationstechnologie in den Apotheken aufgerüstet werden. Bislang unterstützen die Systeme in der Apotheke vor allem den Dispensierungs-Prozess. Programme, die für das Medikationsmanagement herangezogen werden können, sind noch nicht in ausreichend guter Qualität entwickelt.

 

PZ: Sie werden im Herbst auch am FIP-Kongress in Düsseldorf teilnehmen. Was sind dafür Ihre Beweg­gründe?

 

Eberhart: Als Mitarbeiter des Alberta College of Pharmacists zählt es zu meinen Aufgaben, auch die Entwicklung der Apothekenpraxis in anderen Ländern mit zu verfolgen und daraus zu lernen. Gleichzeitig gebe ich natürlich meine Erfahrungen gerne an Kollegen weiter. Dafür ist der FIP-Kongress der ideale Ort. Zudem freue ich mich da­rauf, mehr über das deutsche Apothekensystem und die Rolle der deutschen Apotheker im Gesundheitswesen zu erfahren. /

Der FIP-Kongress

Der Kongress des Weltapothekerverbands FIP (Fédération International Pharmaceutique) findet in diesem Jahr vom 29. September bis 3. Oktober in Düsseldorf statt. Für deutsche Apotheker gibt es einen Frühbucherrabatt: Wer sich bis 31. August unter https://b-com.mci-group.com/Registration/FIP2015/GERMAN.aspx registriert, zahlt 400 Euro und damit nicht einmal die Hälfte der regulären Teilnahme­gebühr für FIP-Nichtmitglieder. Das Kongressprogramm finden Interessierte unter www.fip.org/dusseldorf2015

Mehr von Avoxa