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Klinische Pharmazie

Der lange Weg in die Praxis

18.10.2017
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Von Annette Mende, Heidelberg / Dass Patienten, die eine Pharmakotherapie erhalten, von einer intensivierten apotheker­lichen Betreuung profitieren, konnte mittlerweile in vielen Studien gezeigt werden. Doch bis die in der Forschung erprobten Konzepte in der Praxis ankommen, vergeht eine lange Zeit. Klinische Pharmazeuten arbeiten daran, sie zu verkürzen.

Durchschnittlich 17 Jahre dauert es, bis eine medizinische oder pharmazeutische Intervention, die sich in Studien als erfolgreich erwiesen hat, in der täglichen Versorgungspraxis angekommen ist. Das hat vor einigen Jahren eine Gruppe um Zoë Slote Morris von der Universität Cambridge ausgerechnet und im »Journal of the Royal Society of Medicine« publiziert (DOI: 10.1258/jrsm.2011.110180). »Die zeitliche Lücke beträgt fast eine Generation«, verdeutlichte Dr. Ulrich Jaehde, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität Bonn, beim Symposium der europä­ischen Gesellschaft für Klinische Pharmazie (ESCP) in Heidelberg.

Mit dem Symposium will die ESCP dazu beitragen, dass sich dieser Zeitraum verkürzt. Bildlich gesprochen, soll über die Kluft zwischen Forschung und Praxis eine Brücke gebaut werden – »und zwar möglichst von beiden Seiten aus «, sagte Privatdozentin Dr. Hanna Seidling von der Universitätsklinik ­Heidelberg, die zusammen mit Jaehde die Präsidentschaft des Symposiums innehatte. Einerseits sollte die Forschung Evidenz generieren, die den Wert von apothekerlichen Interventionen belegt, andererseits sollten Apotheker bereit sein, nachgewiesenermaßen effektive Maßnahmen schnell in ihren Arbeitsalltag zu integrieren.

 

Beispiel Kanada

 

Leuchtendes Beispiel ist dabei Kanada. Dort haben Apotheker sehr viel weitreichendere Befugnisse als hierzulande: Sie impfen, ändern Dosierungen und Darreichungsformen und verordnen bei entsprechender Qualifikation auch gänzlich neue Therapien. »Wir haben diese erweiterten Rechte aber nicht geschenkt bekommen«, betonte Professor Dr. Ross Tsuyuki von der University of Alberta in Edmonton. Noch vor 20 Jahren sei seine Provinz, was die ­Beteiligung von Apothekern an der Patientenbetreuung betrifft, ein sehr rückständiger Ort gewesen. Dass die Kollegen in Alberta mittlerweile viel mehr dürfen als anderswo, liege einzig und allein daran, dass der Wert pharmazeutischer Interventionen in Studien eindeutig belegt wurde.

 

So konnte in Studien in Alberta gezeigt werden, dass sich bei Typ-2-Diabetes, Hypertonie und Dyslipidämie die entscheidenden Krankheitsparameter HbA1C-Wert, Blutdruck und Cholesterinwert durch gezielte Interventionen von Offizinapothekern signifikant verbessern (lesen Sie dazu auch PZ 45/2016, Seite 22). Die größte Studie, die Tsuyuki vorstellte, fasste all das zusammen und belegte eine signifikante Reduktion des individuellen Herz-Kreislauf-Risikos bei kardiovaskulären Risikopatienten durch Apotheker (»Journal of the American College of Cardiology« 2016, DOI: 10.1016/j.jacc.2016.03.528).

 

Risiko veranschaulichen

 

In dieser Studie benutzten die Apotheker unter anderem einen webbasierten Risikorechner, um den Patienten ihr individuelles Risiko anschaulich zu machen (www.epicore.ualberta.ca/rxeach). »Patienten verstehen oft nicht die Bedeutung einzelner Risikofaktoren. Mit dem Rechner konnten wir zeigen, wie sich das persönliche Risiko verändert, wenn der Patient zum Beispiel mit dem Rauchen aufhört oder abnimmt. Das war für viele sehr motivierend«, sagte Tsuyuki.

 

In all diesen Studien bestand die Inter­vention laut Tsuyuki ausschließlich daraus, dass Apotheker die nationalen Leitlinien umsetzten. »Das macht sonst offenbar niemand«, sagte er. Sehr viele Patienten mit behandelbaren Erkrankungen seien medikamentös unzureichend eingestellt. Um das zu verbessern, müssten lediglich vorhandene Vorschriften besser angewendet werden. Darin seien Apotheker sehr gut. Das Verschreibungsrecht sei dazu nicht unbedingt notwendig; es gehe vielmehr darum, Verantwortung für den Patienten zu nehmen – und dabei den eigenen Kompetenzrahmen voll auszuschöpfen. /

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