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Arzneimittelversorgung

Patientenintiative kritisiert Sparpolitik

09.07.2014
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Von Stephanie Schersch, Berlin / Bis zu 20 000 Menschen sterben jedes Jahr durch Fehler in der Arzneimitteltherapie. Das hat die Patienten­organisation Bürgerinitiative Gesundheit vergangene Woche in Berlin angeprangert. Schuld ist demnach die Sparpolitik im Gesundheitssystem.

Würde man die Zahlen kommentarlos nebeneinanderstellen, könnte man zu dem Schluss gelangen, die Fahrt im Auto sei grundsätzlich sicherer als eine Arzneimitteltherapie. Rund 3400 Verkehrstote zählt Deutschland jedes Jahr, durch Fehlversorgung im Arzneimittelbereich kommen Schätzungen zufolge bis zu 20 000 Menschen ums Leben. Doch ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht. Der Vorsitzende der Bürgerinitiative Gesundheit, Wolfram-Arnim Candidus, wählte dennoch diesen Vergleich. Der Staat investiere große Summen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr, sagte er. Ähnliche Investitionen zur Bekämpfung einer Fehlversorgung im Arzneimittelbereich gebe es nicht.

 

Diktat des Niedrigpreises

 

Im Gegenteil: Im Gesundheitswesen setze die Politik zu sehr auf Rabatte und Einsparungen, so Candidus. Der Nutzen einer Behandlung werde »immer mehr dem Diktat des Niedrigpreises geopfert«. Vor allem die Rabattverträge sind der Organisation eine Dorn im Auge. Patienten müssten sich regelmäßig auf neue Präparate einstellen, die zwar denselben Wirkstoff enthalten, aber anders heißen und aussehen als das ihnen vertraute Medikament. Insbesondere bei älteren Patienten sei die Gefahr groß, dass Arzneimittel verwechselt und falsch eingenommen würden. Ohnehin fehlten Erkenntnisse darüber, welche Arzneimittel bei Senioren aufgrund eines alternden Organismus nur bedingt oder aber gar nicht zum Einsatz kommen sollten. »Hier brauchen wir mehr Forschung«, so Candidus.

 

Oftmals würden Patienten zudem unzureichend über die Wirkung von Arzneimitteln aufgeklärt. Durch wachsenden Kosten- und Bürokratiedruck hätten Ärzte, aber auch Apotheker immer weniger Zeit für den einzelnen Versicherten. »Viele Patienten werden daher mit ihrer Medikation allein gelassen.«

 

Viel bewirken könnte der Initiative zufolge eine bessere Koordination in der Arzneimittelversorgung. Vor allem Ärzte und Apotheker müssten sich regional vernetzen und besser abstimmen. Für eine intensivere Betreuung der Patienten sollten sie dabei auch ein Honorar erhalten, das dem vermehrten Aufwand entspricht, so Candidus.

 

Potenzial sieht die Initiative auch im patientenindividuellen Verblistern von Medikamenten. Der Gesundheitsökonom Uwe Kehrel von der Universität Münster präsentierte vor diesem Hintergrund Zahlen eines Modellprojekts in Berlin. Dabei waren 550 Patienten in 21 Pflegeinrichtungen durch 14 Apotheken mit Arzneimitteln versorgt worden, die das Blisterunternehmen 7x4 patientenindividuell abgepackt hatte.

 

Verblistern spart 10 Prozent

 

Am Ende standen Kehrel zufolge ein Viertel weniger Krankenhauseinweisungen bei den Heimbewohnern. Darüber hinaus gab es finanzielle Einsparungen von mehr als 10 Prozent. Diese hätten allein auf der Tatsache basiert, dass durch das vereinzelte Abpacken der Präparate keine Medikamente übrig blieben, weil etwa die Therapie eines Patienten abgeschlossen, die Arzneimittelpackung aber noch nicht leer war. Ausgaben der Heime für das Ver­blistern wurden allerdings nicht gegengerechnet. /

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