Pharmazeutische Zeitung online
HIV-Prophylaxe

Tabletten statt Kondome?

10.07.2012
Datenschutz bei der PZ

Von Annette Mende / Kondome sind nach wie vor das sicherste Mittel, um sich vor einer HIV-Infektion zu schützen. Allzu häufig wird beim Sex jedoch auf den Gebrauch von Kondomen verzichtet – sei es aus Leichtsinn oder gezwungenermaßen. Eine mögliche Alternative vor allem für Menschen mit hohem Infektionsrisiko ist die medikamentöse HIV-Prophylaxe. Eine entsprechende Zulassung könnte in den USA demnächst erfolgen.

Gleich drei Publikationen, die aktuell in der Online-Ausgabe des »New England Journal of Medicine« erschienen sind, widmen sich der sogenannten Präexpositionsprophylaxe (PrEP) der HIV-Infektion mit antiretroviralen Medikamenten: Partners PrEP (doi: 10.1056/NEJMoa1108524), FEM-PrEP (doi: 10.1056/NEJMoa1202614) und TDF2 (doi: 10.1056/NEJMoa1110711). In allen drei Untersuchungen ging es um die Frage, wie effektiv sich eine HIV-Infektion mit der oralen Einnahme einer Kombination aus Tenofovir und Emtricitabin (Truvada®) verhindern lässt. In Partners PrEP, der Studie mit den meisten Teilnehmern, wurde zudem die Effektivität einer Monotherapie mit Tenofovir (Viread®) untersucht.

Die Patientenkollektive unterschieden sich voneinander, wurden jedoch alle im subsaharischen Afrika rekrutiert. Partners PrEP untersuchte mehr als 4700 heterosexuelle Paare in Kenia und Uganda, von denen zu Studienbeginn je ein Partner HIV-positiv gewesen war. TDF2 schloss insgesamt rund 1200 Männer und Frauen ohne HIV-Infektion in Botswana ein. An FEM-PrEP nahmen ausschließlich HIV-negative Frauen teil; insgesamt waren es etwa 2100 Teilnehmerinnen aus Kenia, Südafrika und Tansania.

 

Auf den ersten Blick lieferten die Studien zum Teil widersprüchliche Ergebnisse. Während in Partners PrEP und in TDF2 die Tenofovir-Emtricitabin-Kombi das Infektionsrisiko des HIV-negativen Partners um 75 Prozent beziehungsweise 62 Prozent senkte, war in FEM-PrEP keine Risikoreduktion feststellbar, weshalb die Untersuchung vorzeitig abgebrochen wurde. Der Grund für diese Abweichung ist jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht eine mangelnde Wirksamkeit des Medikaments bei Frauen, sondern die sehr schlechte Compliance der Teilnehmerinnen, die sich trotz eines massiven Beratungsaufwands des Studienpersonals nicht verbesserte.

 

Obwohl die drei Arbeiten erst jetzt publiziert wurden, waren ihre Ergebnisse den Mitgliedern eines Beratergremiums der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA bereits vorab bekannt. Im Mai empfahl das Gremium der FDA, die Zulassung von Truvada um die Indikation Präexpositionsprophylaxe für Männer und Frauen mit hohem HIV-Infektionsrisiko zu erweitern. Ausschlaggebend waren dafür vor allem die Resultate von Partners PrEP sowie der bereits 2010 publizierten iPrEx-Studie (doi: 10.1056/NEJMoa1011205), die bei homosexuellen Männern eine 44-prozentige Risikoreduzierung durch die Einnahme von Truvada gefunden hatte.

 

Nierenfunktion und Knochendichte sollen bei Menschen, die Truvada prophylaktisch einnehmen, regelmäßig kontrolliert werden. Ebenso sollen sie sich regelmäßig HIV-Tests unterziehen. Vor dem Start der Prophylaxe muss unbedingt sichergestellt sein, dass der Betreffende nicht bereits HIV-positiv ist. Denn um eine bestehende HIV-Infektion zu kontrollieren, müssen mindestens drei antiretrovirale Wirkstoffe miteinander kombiniert werden. Bei einer Zweifach-Kombi wie Truvada können leicht Resistenzen entstehen. / 

Mehr von Avoxa