Pharmazeutische Zeitung online
Hämorrhoidalleiden

Problemzone Po

06.07.2011
Datenschutz bei der PZ

Die Betroffenen klagen über so unterschiedliche Symptome wie Blut- und Schleimabsonderungen, Juckreiz, Brennen, Nässen, Wundsein und Schwierigkeiten bei der Defäkation. Neben den Hämorrhoidalleiden kommen noch eine ganze Reihe anderer proktologischer Auffälligkeiten infrage, die für diese Missempfindungen verantwortlich sein können.

Der medizinische Laie bezeichnet fast jede Missempfindung am Anus als Hämorrhoidalproblem und kommt mit der vermeintlichen Diagnose »Hämorrhoiden« in die Apotheke. Das zeigen Untersuchungen immer wieder aufs Neue. Doch nur bei einem Bruchteil der Patienten, die in der Offizin Rat zum Thema suchen, liegt eine ärztliche Diagnose vor. Umso wichtiger ist es deshalb, sich im Beratungsgespräch nach den genauen Beschwerden zu erkundigen und die Eigendiagnose des Patienten zu hinterfragen, bevor ein Arzneimittel abgegeben wird.

Die am häufigsten genannten Beschwerden – Jucken und Brennen – sind zum Beispiel auch für eine Pilzinfektion oder ein Analekzem typisch. Ebenso könnten Feigwarzen, Analfisteln, also entzündete Verbindungsgänge zwischen der äußeren Afterregion und dem Afterkanal, oder Marisken (harmlose schlaffe Hautläppchen am Anus) die Auslöser sein. Analfisteln entstehen in den meisten Fällen durch die spontane Eröffnung eines Analabszesses. Und auch Analthrombosen und -fissuren, also Einrisse, die sich mit der Zeit entzünden können, bringen entsprechende Beschwerden mit sich.

 

Berichtet der Patient erstmalig von seinen analen Qualen, muss die Empfehlung des Apothekers lauten, die vermeintlichen Hämorrhoiden ärztlich abklären zu lassen. Vielleicht besteht die Möglichkeit, dass das Apothekenteam bei einer proktologischen Praxis einen baldigen Termin für den Betroffenen vermittelt. Erst wenn die Diagnose gesichert ist, können die Beschwerden mit rezeptfreien Präparaten behandelt werden. Wenn die Po-Probleme immer wiederkehren oder der Patient keine ausreichende Linderung erfährt, ist erneut an den Proktologen zu verweisen. Das ist sofort zu tun, wenn der Patient über Blut auf oder im Stuhl oder Blutungen im Analbereich berichtet.

Einteilung von Hämorrhoidalleiden nach Schweregrad

StadiumBeschreibungSymptomePharmakotherapie
Grad I Leicht vergrößerte Schwellkörper, von außen noch nicht sichtbar. Der Arzt kann sie mit dem Proktoskop erkennen. Juckreiz, Blutungsneigung, Adstringenzien, Lokalanästhetika
Grad II Während der Defäkation fallen die Hämorrhoiden bis vor den Analkanal, ziehen sich jedoch spontan wieder zurück. Juckreiz, Brennen, Blutungsneigung, Schwierigkeiten bei der Defäkation, Fremdkörpergefühl Adstringenzien, Lokalanästhetika
Grad III Hämorrhoiden fallen beim Stuhlgang bis vor den Analkanal und ziehen sich danach nicht mehr von selbst zurück (Analprolaps). Sie lassen sich manuell zurückschieben. Juckreiz, Brennen, Blutungen, Fremdkörpergefühl, Schmerzen bei der Defäkation, Stuhlinkontinenz, Nässen und Schmieren postoperativ: Adstringenzien, Lokal­anästhetika, Glucocorticoide
Grad IV Die Hämorrhoiden prolabieren beim Stuhlgang bis vor den Analkanal, sie können nicht mehr zurückgeschoben werden. wie bei Grad III wie bei Grad III

Apropos Blut: Hämorrhoiden hinterlassen hellrote Blutspuren auf der Stuhloberfläche oder am Toilettenpapier. Da die Blutungsquelle im Analkanal liegt, ist das Blut noch nicht geronnen. Hellrote Blutungen können auch von schmerzhaften Analfissuren herrühren. Ist das Blut allerdings dunkelrot, also bereits geronnen – wenn es überhaupt wahrgenommen werden kann –, entstammt es höheren Darmabschnitten. Dann ist es dringend Zeit, zum Arzt zu gehen, denn dunkelrotes Blut ist meist ein Indiz für ernsthafte Erkrankungen wie Karzinome oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen.

 

Schnelle Hilfe für die Po-Ebene

 

Proktologika kommen in allen Stadien von Hämorrhoidalleiden zum Einsatz, wobei nur leichte Beschwerden ein Fall für die Selbstmedikation sind. Bei den fortgeschrittenen Stadien III und IV begleiten sie operative Maßnahmen. Wichtig: Proktologika wirken rein symptomatisch; sie sind nicht in der Lage, vergrößerte Hämorroidalknoten zu verkleinern oder zu beseitigen. Die medikamentöse Therapie sollte begleitet werden von einer Umstellung des Speisezettels hin zu mehr Ballaststoffen, mehr Bewegung und richtigen Stuhlgewohnheiten ohne starkes Pressen.

Bei der Auswahl des geeigneten Wirkstoffes orientiert man sich am besten am Hauptsymptom des Patienten. Steht Juckreiz und Brennen im Vordergrund, bringen Topika mit Lokalanästhetika schnelle Hilfe. Am besten solche aus der Reihe der »Nicht-Para-Stoffe« wählen, wie Lidocain (wie Posterisan® akut) oder Quinisocain (wie Haenal® akut), da die Lokalanästhetika vom p-Aminobenzoesäuretyp mit einem erhöhten Allergierisiko belastet sind. Lidocain ist der Arzneistoff der ersten Wahl, da seine Sensibilisierungsrate am geringsten ist. Polidocanol-haltige Arzneimittel sind zu diesem Zweck nicht mehr im Handel.

 

Blutstillende Eigenschaften haben dagegen Adstringenzien. Sie eignen sich deshalb, wenn die Analschleimhaut nässt und schmerzt. Zu den Adstringenzien gehören Metallsalze wie basisches Bismutgallat (wie Eulatin®) und gerbstoffhaltige Drogenauszüge, allen voran Extrakte aus Hamamelisblättern und -rinde (wie Faktu lind®, Hametum®). Sie wirken durch eine oberflächliche Eiweißfällung adstringierend und damit entzündungshemmend. Es bildet sich ein dünner Schorf, das Schleimhautepithel schrumpft leicht, die Blutung wird gestillt. Die Gerbstoffe aus der Zaubernuss sind deshalb auch bei juckenden Ekzemen und Fissuren, lokalen Entzündungen und oberflächlichen Wunden eine gute Wahl. Sensibilisierungen treten seltener auf als bei Lokalanästhetika.

 

Eine pflanzliche Alternative ist ein Wirkstoffkomplex aus dem Saft von Aloe barbadensis (Hemoclin®). Der in einem kühlenden Gel aufbereitete Polysaccharid-Komplex soll sich als Schutzschicht auf die gereizte Schleimhaut des Analbereichs legen und damit verhindern, dass Erreger der austretenden Faezes die Haut angreifen. Der Wirkmechanismus erfolgt auf physikalischem Wege: Die negativ geladenen Polysaccharidmoleküle umhüllen die pathogenen Bakterien und unterbinden somit die Adhäsion an die Zelloberfläche der Schleimhaut. Die typischen Symptome wie Brennen und Jucken unterbleiben.

 

Ein Zusatztipp für die Beratung: Sitzbäder mit Kamillenextrakt (wie Kamillosan®), Eichenrinde oder synthetischen Gerbstoffen (wie Tannolact®, Tannosynt® flüssig, Delagil®; Achtung: Nur Tannolact enthält keine Duftstoffe) hemmen Entzündungen, lindern den Juckreiz und fördern die Wundheilung. Dazu zweimal täglich rund 10 bis 15 Minuten einplanen. Für ein Sitzbad mischt man einen Esslöffel des Pulvers oder 5 ml flüssige Zubereitung mit 25 Litern Wasser. Die Badetemperatur wählt man am besten zwischen 32 und 35 °C.

 

Darreichung bestimmt die Wirkung

 

Für die Wirkung der Arzneistoffe ist die Darreichungsform von ausschlaggebender Bedeutung. Zur Auswahl stehen Salben, Einmaltuben, Suppositorien und Hämotamps. Gegen Zäpfchen spricht, dass die applizierten Substanzen nicht in den gewünschten Konzentrationen an den Ort des eigentlichen Geschehens gelangen. Denn wird ein Zäpfchen in den After eingeführt, so wird es durch den Reflex der Ringmuskeln sehr schnell an den Hämorrhoiden vorbei durch den Analkanal gedrückt und bleibt im unteren Rektum liegen.

 

Viel besser geeignet sind Tamponadezäpfchen, auch Hämotamps genannt. Sie sind so gefertigt, dass sie im Analkanal liegen bleiben und den Arzneistoff kontinuierlich über mehrere Stunden am Wirkort abgeben können. Bei ihnen fixiert eine Mulleinlage oder ein Mullstreifen die Arzneiform im optimalen Bereich. Mithilfe des Mullstreifens kann der Anwender auch den korrekten Sitz prüfen und ihn gegebenenfalls korrigieren.

 

Neben den Hämotamps sind auch Salben, die am besten mithilfe von Applikatoren an die Hämorrhoiden gebracht werden, Zäpfchen vorzuziehen. Dazu das Präparat morgens und abends nach dem Stuhlgang rektal applizieren. Tipp: Ein wenig Salbe oder ein Hautpflegeöl auf dem Applikationsrohr verstreichen, das macht es gleitfähiger.

 

Die Applikatoren sind entweder mit nur einer einzigen Öffnung am Ende oder mit mehreren seitlichen Austrittsöffnungen für das Arzneimittel ausgestattet. Im letzteren Fall drückt der Patient nach dem Einführen auf die Tube und verteilt die austretende Salbe durch vorsichtiges Drehen der Tube. Bei dem Applikationsrohr mit nur einer Öffnung wird dagegen erst beim Herausziehen durch gleichmäßiges Zusammendrücken der Tube ein Salbenstrang im Analkanal platziert. Nach der Anwendung lässt man den Applikator am besten auf der Salbentube aufgeschraubt und reinigt ihn von außen. Ist der Betroffene viel unterwegs, profitiert er von Einmaltuben für unterwegs. Dann entfällt das Reinigen des Applikators. /

Mehr von Avoxa