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Arzneimittel

Wettbewerb verändert Vertriebswege

08.07.2008
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Arzneimittel

Wettbewerb verändert Vertriebswege

Von Annette van Gessel, Köln

 

Die Reformen im Gesundheitswesen haben die Strukturen des Arzneimittelvertriebs infrage gestellt. Die Liberalisierung der Vertriebskanäle verändert die Zusammenarbeit zwischen Krankenkassen, Pharmaherstellern, Großhandel und Apotheken.

 

Die Frage, wie die Zukunft der einzelnen Kooperationspartner aussehen könnte, stand mit Mittelpunkt der Euroforum-Veranstaltung »Arzneimittelvertrieb« Anfang Juli in Köln. »Ich gehöre zu den vier Bundestagsmitgliedern, die gegen das GKV-WSG gestimmt haben«, eröffnete Eike Hovermann (SPD), Mitglied im Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages, sein Referat über die rechtlich-politischen Aspekte des Arzneimittelvertriebs. Im Augenblick riefen etliche Themen wie Fremd- und Mehrbesitz und der geplante Gesundheitsfonds zahlreiche Ängste und Widerstände hervor. Der Politiker ist davon überzeugt, dass sich Fremd- und Mehrbesitzverbot aus europarechtlichen Gründen nicht mehr halten können. Außerdem sollen geschlossene Versorgungskreise aus Krankenhaus, Hausarzt und Hausapotheke entstehen.

 

Als bundesweit erste Krankenkasse plant die AOK Baden-Württemberg nach § 73 SGB V einen Vertrag zum geschlossenen Versorgungskreis für ihre AOK-Mitglieder mit bestimmten Facharztgruppen, Krankenhäusern, Apotheken und sonstigen Leistungserbringern. Dies schaffe monopolartige Strukturen, die mit echtem Wettbewerb nichts mehr zu tun hätten, kommentierte Hovermann.

 

Der SPD-Politiker geht davon aus, dass sich die Versorgung der Patienten grundlegend ändern wird. »Die Patienten brauchen nicht nur Arzneimittel, sondern ein Komplettprogramm aus pharmazeutischer und technischer Versorgung«, so Hovermann. Dies betreffe auch die Apotheken. Nach seiner Einschätzung stehen die Apotheken vor einer grundlegenden Neuordung. Der Ruf nach Erhalt national gewachsener Strukturen sei der falsche Weg, glaubt Hovermann. Die Apotheker müssten entscheiden, ob sie »überrollt werden oder diesen Prozess aktiv mitgestalten«.

 

4,1 Millionen Kundenkontakte

 

Mark-Rüdiger Metze, Referent Märkte im Geschäftsbereich Wirtschaft und Soziales der ABDA, stellte Hovermanns Ausführungen anhand aktueller Zahlen die Bedeutung der Offizinapotheken entgegen. Jeden Tag hätten diese 4,1 Millionen Kundenkontakte und organisierten 250.000 Botendienste, also durchschnittlich 12 pro Apotheke. Darüber hinaus versorgten jede Nacht während des Notdienstes rund 2000 Apotheken deutschlandweit und flächendeckend etwa 20.000 kranke Menschen mit Arzneimitteln und gäben dabei 7 bis 8 Millionen Packungen außerhalb der regulären Öffnungszeiten ab. »Wir vertreten ganz vehement den Aspekt der Unabhängigkeit der deutschen Apotheke«, bezog Metze Stellung. Der Besitzer müsse immer ein Apotheker sein.

 

Auch die gesetzliche Einschränkung, dass ein Apotheker neben der Hauptapotheke maximal drei Filialapotheken betreiben darf, rechtfertigte der Vertreter der ABDA. Mit dieser Regelung sei Deutschland viel liberaler als andere EU-Länder: Für rund 50.000 Apotheken in der EU gelten größere gesetzliche Einschränkungen und circa 100.000 Apotheken hätten ähnliche rechtliche Rahmenbedingungen wie die deutschen.

 

Wer mit einer weiteren Liberalisierung die Zahl der Apotheken verringern wolle, gefährde damit auch den Arbeitsplatz Apotheke. Im Jahr 2006 beschäftigten die deutschen Apotheken rund 144.000 Mitarbeiter, deren Kosten für die GKV circa 3,9 Milliarden Euro betrugen. Im Vergleich dazu nannte Metze die entsprechenden Zahlen der Krankenkassen: Diese beschäftigten 2006 rund 132.000 Mitarbeiter, die hingegen 8,1 Milliarden Euro kosteten.

 

Nur die Unabhängigkeit sei ein Garant für die objektive Beratung, sagte Metze. Das ermögliche auch das Engagement der Apotheker gegen den Missbrauch von Arzneimitteln. Dazu erarbeite die Bundesapothekerkammer aktuell eine Leitlinie für Apotheker (siehe dazu Abhängigkeit und Missbrauch: Vom Heilmittel zum Suchtmittel, PZ 26/2008). Viele Aspekte der Freigabe des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln seien noch nicht ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. So ermögliche es dieser Vertriebsweg Abhängigen, sich im Internet ohne Kontrolle und Beratung Medikamente zu bestellen. Ein Tatbestand, den auch die Drogenbeaufragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, kritisierte.

 

Als tragbare neue Versorgungsform bezeichnete Metze das Modell der Hausapotheken. Es ermögliche den Apothekern, die Medikation einzelner Patienten besser zu überwachen. So könne bei jedem Arzneimittelkauf ein Interaktionscheck durchgeführt werden. Darüber hinaus könnten die Apotheken auch einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaftlichkeit der Arzneiverordnungen leisten. Mithilfe entsprechender Software könnten sie prüfen, wann der Patient bei korrekter Anwendung eine neue Packung des verordneten Medikamentes benötigt und gegebenenfalls intervenieren. Grundsätzlich müssten die pharmazeutischen Leistungen weiter ausgebaut werden, ebenso die Modelle der »honorierten Wirtschaftlichkeit«. Seit Jahren trügen die Apotheken durch die pharmazeutische Betreuung dazu bei, dass ältere Patienten länger in ihrem häuslichen Umfeld und in der ambulanten Versorgung verbleiben können.

 

Die Verantwortlichen im Gesundheitswesen sollten sich das Wissen der Apotheker unter zwei Aspekten zunutze machen: Zum einen könnten die Apotheker als Arzneimittelexperten ihre pharmazeutischen Angebote weiter ausbauen, beispielsweise in der Prävention, zum anderen könnten sie als Unternehmer einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Versorgung der Patienten leisten.

 

Wie Metze wies auch Professor Dr. Ulrike Holzgrabe von der Universität Würzburg auf die Gefahren des Versandhandels hin: »Laut WHO sind 10 Prozent aller ver\-sendeten Arzneimittel gefälscht, im illegalen Internethandel sogar 50 Prozent.« Infolge der Globalisierung ließen inzwischen immer mehr Pharmafirmen mit Sitz in Deutschland außerhalb Europas produzieren, vor allem in China und Indien. Für schätzungsweise 80 Prozent der in Deutschland und den USA angewendeten Medikamente stammten die Wirkstoffe aus diesen beiden Ländern.

 

Problematische Verunreinigungen

 

Eigene Untersuchungen zur Identität und Reinheit von Tryptophan-, Gentamycin- und Heparin-haltigen Präparaten hätten ergeben, dass die geprüften Fertigarzneimittel problematische oder sogar toxische Verunreinigungen enthielten. Den Produzenten in Asien sei oft nicht bewusst, dass bereits die Änderung des Herstellungsprozesses zu neuen, möglicherweise giftigen Nebenprodukten führe. So traten beispielsweise 1990 in den USA infolge der geänderten Produktion von Tryptophan etwa 30 Todesfälle auf. Im Auftrag des BfArM habe ihr Institut daraufhin neue Analysemethoden für Tryptophan- und Gentamycin-haltige Fertigarzneimitel entwickelt und durch die Kombination verschiedener Verfahren eindeutig die problematischen Verunreinigungen identifizieren können, berichtete Holzgrabe. Oft sei es schwierig, den Lieferanten ausfindig zu machen, da die chinesischen Produzenten ihre Wirkstoffe über europäische Zwischenhändler in den Markt brächten. Viele derjenigen, die in China Audits durchführten, seien davon überzeugt, dass in den Firmen wieder alles anders läuft, sobald sie die Türen von draußen schlössen, berichtete Holzggrabe.

 

Niemand könne die Zukunft voraussagen, dennoch gäbe es interessante Hinweise, welche Rolle der Pharmagroßhandel in der Gesundheitsbranche spielen könnte, sagte Dr. Thomas Trümper, Vorstandsvorsitzender der Anzag und Vorsitzender des Bundesverbands des pharmazeutischen Großhandels. In seiner Sandwich-Position zwischen Pharmaindustrie und Apotheken sei der Großhandel mitbetroffen, wenn es einem dieser beiden Partner wirtschaftlich schlecht gehe. So sähen sich die Apotheken im Bereich der rezeptpflichtigen Arzneimittel zunehmend mit Konkurrenten konfrontiert. In der Konsequenz reduzierte sich dadurch ihr Nettoumsatz um etwa 8 Prozent. Das gehe auch am Großhandel nicht spurlos vorbei. Außerdem belieferten immer mehr Hersteller die Apotheken direkt. In den letzten zehn Jahren habe sich der Anteil der Direktbelieferungen verdoppelt und betrage jetzt mehr als 17 Prozent.

 

Doch eine weitere Entwicklung beunruhigt den Großhandel. »Vor allem der Vertrieb günstiger Generika wird für den Großhandel immer unrentabler«, berichtete Trümper. »Bei einigen Präparaten reduziert sich unsere Marge auf wenige Eurocent, bei anderen bleibt uns gar keine Marge mehr.« Das Vergütungsmodell für den Großhandel basiere auf Daten der Vergangenheit. Derzeit könne der Pharmagroßhandel nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. »Wir können die freiwillige Verpflichtung zum Vollsortiment unter diesen Bedingungen nicht mehr aufrechterhalten«, folgerte Trümper und forderte: »Die Krankenkassen müssen sich für den Großhandel engagieren, denn nur wir machen es möglich, dass trotz der Rabattverträge die Versorgung der Patienten funktioniert.«

 

Sein Vorschlag zur Verbesserung der jetzigen Situation: Bei allen verschreibungspflichtigen Arzneimitteln soll der Großhandel für seine Distributionsleistung pro ausgelieferte Packung einen pauschalen Betrag von 0,93 Euro erhalten. Der Pharmagroßhandel bewältige derzeit durch die kontinuierliche Belieferung der Apotheken mit Arzneimitteln etwa 28 Milliarden Transaktionen pro Jahr. Würde diese Dienstleistung vollständig von der Direktbelieferung der Apotheken durch die Pharmaindustrie ersetzt, stiege die Zahl der Transaktionen auf schätzungsweise 528 Milliarden an. Der damit verbundene Verwaltungsaufwand überfordere jede Apotheke.

 

Großhandel als Zwischenlager

 

Der Pharmaindustrie bot Trümper an, den Großhandel als Zwischenlager zu nutzen. Bis zum Abrufen der Ware gehöre diese dem Hersteller und wechsle erst dann den Besitzer, wenn der Großhandel Teile der Lagerware an Apotheken ausliefert. In diesem Konzept behält der Großhandel seine Händlerfunktion und auch seine unternehmerische Betätigungsfreiheit. Von diesem Modell würden Apotheken, Patienten und letztlich auch die Krankenkassen profitieren. Da den Apotheken weiterhin die gesamten Leistungen des Großhandels zur Verfügung stünden, sichere diese Struktur die optimale Versorgung der Patienten.

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