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Mehr Schweinegrippe-Tote als angenommen

03.07.2012
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Von Annette Mende / Die Influenza-Pandemie in den Jahren 2009 und 2010 hat vermutlich sehr viel mehr Menschen das Leben gekostet als bislang angenommen. Das geht aus einer Hochrechnung hervor, die Forscher im Fachblatt »The Lancet Infectious Diseases« veröffentlicht haben (doi: 10.1016/S1473-3099(12)70121-4).

Die Wissenschaftler um Fatimah Dawood von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention schätzen, dass das so­genannte Schweinegrippe-Virus allein in den ersten zwölf Monaten nach seinem Auftauchen weltweit 284 400 Todesopfer gefordert hat. Das ist mehr als das 15-Fache der offiziell bestätigten Opferzahl von 18 500.

Die Differenz zur offiziellen Statistik erklärt sich dadurch, dass diese nur die laborbestätigten Fälle berücksichtigt, die Staaten der Weltgesundheitsorganisation gemeldet haben. Solche Daten sind in Drittweltländern in der Regel nicht vorhanden. Doch hier war die Sterblichkeit an der Pandemie vermutlich besonders hoch. Dawood und Kollegen gehen davon aus, dass sich 51 Prozent der Schweinegrippe-bedingten Todesfälle sich in Afrika und Südostasien ereignet haben.

 

Die Forscher stützten ihre Berechnungen auf Schweine­grippe-Erkrankungszahlen aus zwölf Staaten. Darunter waren Entwicklungsländer wie Bangladesch, Schwellenländer wie Indien und Industrienationen wie Deutschland. Der Berechnung der Sterblichkeit legten sie Daten aus fünf Industrie­nationen zugrunde. Anschließend multiplizierten sie diese Zahlen für Länder mit mittlerem und niedrigem Einkommen mit unterschiedlichen Faktoren, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass in diesen Regionen die Sterblichkeit an Influenza üblicherweise höher ist als in reichen Ländern.

 

Die Vorgehensweise der Wissenschaftler ist plausibel. Ihre Ergebnisse bilden daher die tatsächliche Tödlichkeit der Schweinegrippe-Pandemie wahrscheinlich realistischer ab als die bisherigen Statistiken. Eine Konsequenz daraus muss aus Sicht der Autoren sein, bei künftigen Influenza-Pandemien Strategien zu Prävention und Behandlung der Erkrankung auf die bevölkerungsreichen Regionen Afrika und Südostasien zu konzentrieren. Zweifel sind allerdings erlaubt, ob das praktisch umsetzbar sein wird. / 

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