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Familiengesundheit

Das Alltägliche ist das Besondere

06.07.2010  19:43 Uhr

Von Martina Janning, Berlin / Rituale, Regeln und entspannte Eltern lassen Kinder gesund aufwachsen und schützen sie vor Übergewicht und stressbedingten Beschwerden. Das ist das Ergebnis einer Familienstudie der AOK. Was zählt, sind demnach Routinen und nicht die Extras im Tagesablauf.

Wie gesund die Kinder sind, hängt vom Vorbild der Eltern ab. Es gehe nicht ums Reden, sondern darum, was Eltern ihren Kindern im Alltag vorleben, sagte Professor Dr. Klaus Hurrelmann bei der Vorstellung der AOK-Familienstudie 2010 in Berlin. Dafür hatte die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) bundesweit rund 2 000 Mütter und Väter zum Alltag mit ihren vier- bis 14-jährigen Kindern befragen lassen.

Es zeigte sich, dass Eltern in Deutsch­land großen Wert auf gemeinsame Mahl­zeiten, Familienrituale und Zeit mit ihren Kindern legen. Das wirkt sich positiv auf die Gesundheit des Nachwuches aus. In Familien, die zusammen essen, sind die Kinder seltener zu dick. Wenn es kein regelmäßiges gemeinsames Frühstück gebe, steige die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder Übergewicht entwickeln um das 1,6-Fache, sagte Studienleiter Hurrelmann. »Bekommen die Kinder kein Mittagessen in der Schule, dann ist der Zusammenhang zwischen Frühstück und Übergewicht sogar noch größer.«

 

In Deutschland sind 16 Prozent der Kinder übergewichtig, sieben Prozent gelten als adipös. Die Ursachen dafür sind falsche Ernährung und zu wenig Bewegung. Neben Übergewicht seien psychische Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen die wichtigsten gesundheitlichen Einschränkungen im Kindesalter, sagte Hurrelmann. Ein geregelter Tagesrhythmus könne auch vor Stressreaktionen wie Kopfweh, Bauchschmerzen und Schlafstörungen schützen.

 

Nicht das Besondere, sondern das Alltägliche lässt Kinder gesund aufwachsen: »Es sind nicht die sorgfältig vorbereiteten Extras im Tagesablauf, die eine gute Gesundheitsbildung sichern, sondern es sind die scheinbar unbeabsichtigten, dauerhaften und regelmäßigen Selbstverständlichkeiten des Handelns, die den Kindern gesundheitlich guttun«, sagte Hurrelmann. Wie wichtig Familienroutinen sind, erweise sich aber erst mit Verzögerung – wenn die Kinder zwischen elf und 14 Jahre alt sind. »Dann zeigen sich die Symptome des bisherigen Lebens«, sagte Studienautor, Dr. Wolfgang Settertobulte von der Gesellschaft für angewandte Sozialforschung, die die Studie durchgeführt hat.

Empfehlungen an die Eltern

gemeinsame Mahlzeiten organisieren

Familienrituale finden

Familienregeln vereinbaren

ungeteilte Aufmerksamkeit schenken

Verantwortung und Selbstständigkeit fördern

soziale Kontakte aufbauen

positive Lebenseinstellung vorleben

Vorbild sein und miteinander reden

zusammen Sport treiben

Interesse an der Schule zeigen

 

Zum ersten Mal wird in der AOK-Familienstudie 2010 auch die Gesundheit der Mütter und Väter untersucht. Knapp 20 Prozent der befragten Mütter und etwa 17 Prozent der Väter beurteilten ihre Gesundheit als »weniger gut« oder »schlecht«. Darunter waren viele Alleinerziehende.

 

Laut der Untersuchung fühlen sich Mütter wesentlich mehr gefordert als Väter. Als stärkste Belastung empfinden beide Elternteile Zeitmangel; das äußerten etwa 40 Prozent der Befragten. Jeweils ein Drittel der Eltern nannten finanzielle und psychische Anspannung, sagte Settertobulte. Das hat Konsequenzen: Denn Eltern, die unter starken Belastungen leiden, sind in der Erziehung verunsicherter als andere. Das wirkt sich auf die Gesundheit der Kinder aus. Mit anderen Worten: Entspannte Eltern, die sich regelmäßig eine Auszeit gönnen, tun auch ihren Kindern etwas Gutes.

 

Gesundheit der Eltern stärker fördern

 

»Die Studie belegt, dass viele gesundheitsfördernde Selbstverständlichkeiten in den Familien bereits gelebt werden«, fasste der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann, zusammen. Das soll sich in der Präventionsarbeit der AOK niederschlagen, indem sie künftig neben der Gesundheit der Kinder auch die Gesundheit der Eltern mehr fördern will. Dazu kündigte Graalmann einen virtuellen Familiencoach im Internet an. In Deutschland ist jedes dritte Kind bei der AOK versichert. »Wenn wir diese Kinder stärken und ihr gesundes Aufwachsen fördern wollen, müssen wir ihre Mütter und Väter unterstützen«, sagte Graalmann. / 

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