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Arzneimittelreport

Kinder erhalten zu oft Antibiotika

01.07.2008
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Arzneimittelreport

Kinder erhalten zu oft Antibiotika

Von Martina Janning, Berlin

 

Ärzte verordnen zu leichtfertig Antibiotika, Antidepressiva und teure Spezialmedikamente, resümiert eine Studie der Gmünder Ersatzkasse. Im Jahr 2007 stiegen die Arzneimittelausgaben der Kasse um fast zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schuld waren vor allem mehr Verordnungen.

 

Ärzte verordnen Kindern und Jugendlichen zu viele Antibiotika. Zu diesem Schluss kommt der Arzneimittelreport 2008, den die Gmünder Ersatzkasse (GEK) vergangene Woche in Berlin vorstellte. Gerade bei Infektionen der oberen Atemwege und Mittelohrentzündungen nähmen Heranwachsende oft unnötig Antibiotika, kritisierte Arzneimittel-Experte Dr. Gerd Glaeske. »Etwa 80 Prozent der Kinder bekommen bei einer Diagnose dieser Erkrankungen Antibiotika verordnet, obwohl diese Mittel bei den meist viral bedingten Infektionen der oberen Atemwege und Mittelohrentzündungen fehlangewendet sind«, sagte der Professor der Universität Bremen. Da Mittelohrentzündungen in der Regel nach kurzer Zeit spontan ausheilten, seien Schmerzmittel eine bessere Alternative, so Glaeske, dessen Team die Arzneimitteldaten der GEK aus den Jahren 2006 und 2007 ausgewertet hatte.

 

Die hohe Verordnungsrate von Antibiotika bei Kindern ist wegen des drohenden Wirkungsverlustes sehr riskant. Weltweit stürben mehr Menschen wegen Resistenzen gegen Antibiotika als an Aids, berichtete Glaeske. Die Parlamentarische Staatsekretärin Marion Caspers-Merck (SPD) erklärte, dass dieses Thema daher auch im Gesundheitsministerium und in der Europäischen Union auf der Agenda stehe.

 

Als auffällig brandmarkten die Bremer Wissenschaftler auch die häufige Verschreibung von Medikamenten gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) bei den Elf- bis 14-Jährigen und die Versorgung älterer Menschen mit Antidepressiva. 37 Prozent der betroffenen Versicherten im Alter über 60 Jahren bekämen diese Arzneimittel lediglich für einen bis zwei Monate verordnet ­ nach der gängigen Lehrmeinung zu kurz, um eine Depression zu therapieren. Zudem erhielten Versicherte auch ohne die entsprechende Diagnose Antidepressiva.

 

Insgesamt hat die GEK im Jahr 2007 rund acht Prozent mehr pro Versichertem für Medikamente ausgegeben als im Vorjahr. Das summierte sich auf 421 Millionen Euro im Jahr 2007 und entspricht einem Anstieg der Arzneimittelausgaben um 9,8 Prozent gegenüber dem Jahr 2006. Interessant: 80 Prozent der Ausgaben entfielen auf weniger als 20 Prozent der Versicherten.

 

Es sei ohne erkennbaren Grund deutlich mehr verschrieben worden als im Vorjahr, sagte Glaeske. Dabei stieg die Menge der Verordnungen um elf Prozent an, die Menge der Packungen aber nur um sechs Prozent.

 

»Offenbar wurden schon zu Beginn einer Therapie mehr Großpackungen verordnet«, resümierte das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und bemängelte, dass dies nur bei chronisch Kranken eine sinnvolle Variante sei. Zu den Kostentreibern zählte Glaeske Mittel gegen Krebs, Multiple Sklerose oder Gelenkentzündungen, die bis zu 70.000 Euro pro Jahr und Patient kosteten. Solche Spezialmittel seien oftmals von Nutzen, sagte er, sie würden vielfach aber auch unangebracht verordnet.

 

Glaeske schätzte das Einsparpotenzial der GEK auf sieben Prozent. Das sind umgerechnet 28 Millionen Euro. Rund 12,3 Millionen Euro ließen sich bei Me-Too-Präparaten einsparen, 12,1 Millionen Euro bei Generika und vier Millionen über Reimporte, sagte der Arzneimittelexperte.

 

Arzneimittelsektor als Totengräber?

 

Angesichts des Ausgabenanstiegs drohe der Arzneimittelsektor zum Totengräber der Krankenversicherung zu werden, sagte der GEK-Vorstandsvorsitzende Dr. Rolf Schlenker und plädierte für eine umfassende Kosten-Nutzen-Bewertung neuer Arzneimittel. »Außerdem müssen wir prüfen, ob Rabattverträge nicht langfristig das Festbetragssystem aushöhlen.« Ein Aspekt: Ärzte greifen bei rabattierten Mitteln leichter zum Verordnungsblock. Wenn nichts anderes helfe, müssten Kassen eigene Listen verschreibbarer Arzneimittel einführen oder der Staat müsse die Preise regulieren, sagte Schlenker.

 

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) kritisierte den Arzneimittel-Report: Die Leser sollten »offenbar das Gefühl bekommen, moderne Medikamente seien weitgehend nutzlos und überteuert«, sagte VFA-Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer.

 

Doch neu entwickelte Wirkstoffe hätten »erhebliche Therapiefortschritte« bei Rheuma, HIV/Aids und Krebs ermöglicht. Die Alterung der Gesellschaft wird nach Einschätzung Yzers zu einem höheren Verbrauch an Arzneimitteln führen und die Ausgaben der Kassen damit steigen.

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