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Ingelheimer Tage

Wird schon schiefgehen

27.06.2016
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Von Ulrike Abel-Wanek, Ingelheim / Wegen Renovierungs­arbeiten können die seit 1983 stattfindenden Internationalen Tage Ingelheim in diesem Jahr nicht im Alten Rathaus der Stadt stattfinden. Doch wie präsentiert man eine Ausstellung ohne festen Raum: an öffentlichen Orten wie Bahnhöfen, Schulen und Einkaufspassagen.

In Zeiten der Selbstoptimierung wird nicht gern über das Scheitern gesprochen. »Scheitern ist eine schmerzhafte Erfahrung, verbunden mit dem Gefühl des Versagens, des Misslingens und der Scham«, sagt Dr. Brigitte Kölle, die bereits 2013 die Ausstellung »Besser scheitern« in der Hamburger Kunsthalle kuratierte.

Das Konzept hat der Leiter der Internationalen Tage Ingelheim, Dr. Ulrich Luckhardt, nun erweitert und den Titel zum Leitmotiv einer ungewöhnlichen Ausstellung im Stadtzentrum von Ingelheim gemacht. »Besser scheitern« zeigt Videokunst von 14 internationalen Künstlern aus den letzten 50 Jahren im öffentlichen Raum, unter anderem von Marina Abramovic, Christoph Schlingensief oder John Baldessari. Kunst an alltäglichen Orten, wo sie nicht erwartet wird und vielleicht auch irritiert – für Kölle ein spannendes Projekt, von dem man »noch nicht weiß, wie es angenommen wird«. Wie beispielsweise die »Blumensprengungen« mitten in der Fußgängerzone von der Hamburger Künstlerin Annette Wehrmann. Sie rückt den trostlosen bunten Pflanzenkübeln, die Plätze und Straßen vieler deutscher Innenstädte »verschönern«, fotografisch mit Sprengsätzen zu Leibe und erteilt der Sehgewohnheit von Passanten damit eine Absage.

Es gibt lustige Arbeiten wie das Video »Hut« des Schweizer Künstlers Roman Signer, dessen Schaffensprozess von zahlreichen Missgriffen geprägt ist. Mehrere Versuche, einen fliegenden Hut aus dem geöffneten Fenster seines Ateliers in St. Gallen zu fangen, gehen schief. Und es gibt Präsentationen wie die des Niederländers Bas Jan Ader, die auf tragische Art und Weise zentral für eine Ausstellung über das Scheitern sind. Seinem Video über das »Fallen« steht ein Foto des Künstlers gegenüber, der beim Versuch, als Einhandsegler den Atlantik zu überqueren, 1975 ums Leben kam. »Bilder von Stürzen aus großer Höhe ebenso wie der Begriff ›Schiffbruch‹ sind Metaphern für das Scheitern«, sagt Kölle. Beides habe Ader in seinem Leben vereint. Seine Arbeit sei deshalb auch die erste, die man direkt zu Beginn der Ausstellung im Ingelheimer Bahnhof sehe. Auch im Bahnhof zu sehen ist der berühmte Film »Der Lauf der Dinge« des Schweizer Künstler-Duos Peter Fischli und David Weiss. Ob man bei all den fantastischen Ex- und Implosionen, Verschüttungen und Bruchlandungen von Scheitern sprechen kann, soll der Besucher selbst beurteilen.

»Scheitern ist bei vielen Künstlern positiv besetzt, weil das Scheitern zeigt, dass etwas Neues ausprobiert wird und die üblichen Trampelpfade verlassen werden«, so Kölle. Die Kehrseite von jeglicher Kreativität sei das Scheitern. Den Satz »Habt doch Mut zum Scheitern« hält der Künstler Jochen Kuhn jedoch für Unsinn. »Scheitern kann man sich nicht vornehmen«, so Kuhn. »Dann würde das Scheitern ja zum positiven Ziel und damit zum Gelingen – und dann wird es absurd«.

Seine Arbeit »Immer müder« mit Hunderten von animierten Zeichnungen und gemalten Bildern erzählt die Geschichte eines Mannes, der keinen Erwartungen mehr entsprechen will – nicht seinen eigenen und auch nicht denen von anderen. Denn er ist einfach viel zu müde. /

 

Besser Scheitern – Fail better

Informationsbüro zur Ausstellung im Bahnhof Ingelheim

Bahnhofstraße

Fr. und Sa. von 14 bis 18 Uhr

So. von 11 bis 17 Uhr.

 

Die Ausstellung ist bis zum 14. Juli 2016 zu sehen.

 

Weitere Informationen:

 

www.besser-scheitern.de

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