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Polen

Teurer Nachtdienst entzweit Apotheker

26.07.2013
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Von Sebastian Becker, Warschau / Der Nachdienst reißt polnischen Apotheken Berechungen zufolge pro Jahr ein Loch von anderthalb Millionen Euro in die Kassen. Aus Sicht der Apotheker-Interessenvertretung Naczelna Rada Aptekarska (NRA) ist dieser Service absolut unrentabel. Das sehen allerdings nicht alle Apotheker so.

Sie sind um die 30 Jahre alt, kommen in der Regel vor Mitternacht und kaufen meistens Kondome, intime Gels oder Schwangerschaftstest: So sehen statistisch betrachtet die klassischen Patienten aus, die den Nachtdienst der polnischen Apotheken in Anspruch nehmen. Wie das einheimische Fachportal »Rynek Zdrowia« (deutsch: »Der Gesundheitsmarkt«) berichtet, ist das aber noch nicht alles: Die Kunden erwerben zu nächt­licher Stunde ebenso verstärkt Antibiotika auf Rezept oder Schmerzmittel sowie Erkältungsmittel für Kinder, schreiben die Fachleute.

Negative Folgen

 

In Polen beschäftigt derzeit der nächtliche Service der Apotheken genauso den Markt wie in Deutschland. Aus der Sicht der Kunden ist dieses Angebot zwar notwendig. Doch für die Selbstständigen und die Apothekenketten ist der Notdienst häufig mit negativen Folgen verbunden. Nach Berechnungen von »Rynek Zdrowia« sind die kostenintensiven Dienste für die Apotheken eine starke Belastung, für die es keinen finanziellen Ausgleich gibt. Demnach sind verhältnismäßig hohe Erlöse nötig, damit keine Verluste entstehen. Denn die Arbeitskosten sind zu nächtlicher Stunde höher als am Tag. »Der Nachtdienst ist für die Apotheken als Wirtschafteinrichtungen unrentabel«, sagte der stellvertretende NRA-Vorstandsvorsitzende Marek Jędrzejczak.

 

In Zahlen liest sich das so: »Rynek Zdrowia« geht davon aus, dass die Einrichtung eines Nachtdienstes die Apotheken pro Jahr mehr als 7 Millionen Złoty (1,6 Millionen Euro) kostet. Zum Vergleich: Statistisch generiert eine Filiale pro Jahr knapp 2 Millionen Złoty (460 000 Euro) Umsatz.

 

Dabei ist derzeit nicht ganz klar, in welche Richtung sich die Geschäfte entwickeln. Die Selbstständigen und die Ketten haben nach aktuellen Zahlen im April zwar ihre Erlöse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,9 Prozent auf 2,3 Milliarden Złoty (530 Millionen Euro) erhöht. Doch waren die Umsätze im Vergleich zum Vormonat um 3,8 Prozent gefallen.

 

Jędrzejczak kritisierte in diesem Zusammenhang das aus seiner Sicht unlogische Verhalten des polnischen Staates. »Die Gemeinden betrachten uns grundsätzlich als Personen, die einen Beruf mit öffentlicher Verantwortung ausüben.« Jędrzejczak zufolge hätten die Apotheker demnach automatisch eine gesellschaftliche Verpflichtung, Notdienste zu leisten. Wie die Apotheker diesen Service finanzieren sollten, darum kümmere sich der Staat aber nicht. »Wenn es um die Kosten geht, werden wir wie Wirtschaftsunternehmen behandelt, die sich von anderen Handelsfirmen nur in der Ware unterscheiden, die wir anbieten.«

 

Das sieht Marta Bartnik anders. Sie ist die Leiterin einer neuen 24-Stunden-Apotheke am Warschauer Hauptbahnhof, die ge­rade eröffnet wird und die zu einer Apothekenkette gehört. Ihre eigene Erfahrung deckt sich kaum mit der Statistik, die »Rynek Zdrowia« veröffentlicht hat.

 

Zu später Stunde

 

»Wir haben in der Nacht eigentlich alle Waren verkauft, die wir auch am Tag absetzen«, sagte sie im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Viele Polen arbeiten ihrer Aussage nach derzeit sehr lange. »Deshalb kommen sie noch zu später Stunde zu uns«, so Bartnik. Der Gewinn sei in der Nacht zwar geringer als die Kosten, das bedeute aber noch lange nicht, dass Notdienste unrentabel seien. Selbst unter den Apotheken gibt es also keine einhellige Meinung zu diesem Thema. Es sieht ganz so aus, als würde es um den Nachtdienst in Polen auch weiterhin viel Streit geben. /

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