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Mandeloperation

Immer individuell entscheiden

26.07.2013
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Von Maria Pues / Mandeloperationen zählen heute zu den häufigsten Operationen im Kindesalter. Dennoch finden sie viel seltener statt als vor einigen Jahrzehnten. Immer mehr kommen auch schonende Operationsverfahren zum Einsatz.

»Früher hat man entzündete Mandeln ausschließlich als Entzündungs- oder Infektionsherd gesehen, von dem die Gefahr ausgeht, dass Keime in den ganzen Körper streuen könnten«, erläutert Professor Dr. Jochen Windfuhr, Chefarzt der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde der Kliniken Maria Hilf in Möchengladbach, im Gespräch mit der PZ. Folglich fiel die Entscheidung, die Mandeln zu entfernen, meist ohne großes Zögern. Heute gewichtet man stärker, dass die Mandeln auch eine Funktion in der Immunabwehr haben. Ein zweiter Grund für die zurückhaltendere Indikationsstellung ist das Blutungsrisiko.

Wann sollten die Gaumenmandeln entfernt werden? Bei Kindern und Jugendlichen kommen hauptsächlich zwei Indikationen für eine Operation der Gaumenmandeln infrage. Dafür stehen grundsächlich zwei Optionen zur Verfügung zu stehen, erläutert Windfuhr. Wenn ein Kind häufig unter belastenden Mandelinfektionen leidet, kann erwogen werden, die Mandeln zu entfernen. Um nicht einen Entzündungsherd im Körper zu belassen, werden in diesem Fall die Gaumenmandeln inklusive Tonsillenkapsel vollständig entfernt. Man spricht dann von einer Tonsillektomie. Als Orientierung bei der Entscheidungsfindung können die sogenannten Paradise-Kriterien herangezogen werden (siehe Kasten).

 

Eine zentrale Rolle bei der Entscheidung pro oder kontra OP spiele der Leidensdruck des Patienten. Nicht zu operieren, weil das Kind in den letzten zwölf Monaten »erst« sechs Mandelentzündungen hatte statt der laut Paradise-Kriterien erforderlichen sieben, sei zynisch. In jeder Anamnese abzufragen sei außerdem, ob alle infrage kommenden Therapiemöglichkeiten bereits ausgeschöpft worden seien.

 

In etwa einem Drittel der Fälle handelt es sich um eine bakterielle Infek­tion, gegen die Antibiotika zum Einsatz kommen können. Hier sollten Eltern daran erinnert werden, die Behandlung in ausreichend hoher Dosierung bis zum Ende durchzuführen. Auch antibakterielle Gurgellösungen können die Bakterienlast vermindern helfen. Weitere Faktoren wie Unverträglichkeiten beeinflussen die Entscheidung. Darf ein Kind, beispielsweise infolge einer Allergie, keine Antibiotika einnehmen, kann eine Tonsillektomie bereits früher erwogen werden. Auch das Alter spielt eine Rolle. So wird bei Kindern unter sechs Jahren die Indikation besonders streng gestellt.

 

Warnsignal Schnarchen

 

Auch ohne häufige Entzündungen der Gaumenmandeln kann eine Operation sinnvoll sein. Einen zunehmend häufigen Grund stellen stark vergrößerte Mandeln dar, berichtet Windfuhr. Diese können dazu führen, dass die Kinder nicht richtig Luft bekommen. Nachts mache sich dies durch teilweise starkes Schnarchen bemerkbar. Es könne durch die Atemprobleme außerdem zu anatomischen Veränderungen im Mund- und Rachenraum kommen, zum Beispiel zu einer gestörten Zungenlage, einer gestörten Entwicklung von Kiefer und Zahnstellung und als deren Konsequenz zu Aussprachefehlern. Entwickeln die Kleinen ein obstruktives Schlafapnoesyndrom mit Atemaussetzern, kann es zudem zu Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen kommen, unter denen nicht zuletzt die schulische Entwicklung leidet.

 

Eine vollständige Entfernung (Tonsill­ektomie) sei bei vergrößerten Gaumenmandeln nicht erforderlich, so Windfuhr. Inzwischen gibt es verschiedene Verfahren, mit denen die Mandeln verkleinert werden. Man spricht dann von einer Tonsillotomie. Dies erhält nicht nur die Funktion der Mandeln in der Immunabwehr. Auch das Risiko für Nachblutungen ist bei diesen Operations­methoden geringer als bei einer Tonsillektomie. Eine deutliche Symptomlinderung findet man allerdings meist nur bei Kindern und Jugendlichen. Bei Erwachsenen fällt sie laut Windfuhr geringer aus.

Eindeutige, aber seltene Gründe für eine Operation der Gaumenmandeln stellen unter anderem laterale Halsfisteln dar, die bis in die Mandeln hineinreichen, oder eine Tonsillolithisasis (Mandelsteine). Selten muss der Eingriff vorgenommen werden, um durch eine anschließende feingewebliche Untersuchung eine bösartige Erkrankung wie ein Lymphom oder Karzinom nachzuweisen beziehungsweise auszuschließen.

 

Nach einer Mandeloperation kann es zu Blutungen kommen. Bei diesen unterscheidet man Frühblutungen, die innerhalb des ersten Tages einsetzen, von Spätblutungen. Diese treten am häufigsten zwischen dem fünften und achten Tag nach der Operation auf, können aber bis zum Verheilen der Wunde einsetzen – selten auch noch nach drei Wochen. Da bei einer Tonsillektomie die Mandelkapsel entfernt und größere Gefäße durchtrennt werden müssen, ist das Blutungsrisiko dabei wesentlich größer als bei einer Tonsillotomie. Nach den Angaben des Statistischen Bundesamts für das Jahr 2010 bluten in Deutschland etwa 6,5 Prozent der Operierten nach.

 

Windfuhr zufolge muss jede Blutung ernst genommen werden. So können sich auch die – extrem seltenen – schwereren Blutungen zunächst durch kleinere Blutungen ankündigen. Anzeichen können beispielsweise Blut im Speichel, blutiger Husten oder blutiges Erbrechen sein. Besonders heimtückisch sind Sickerblutungen, bei denen größere Mengen Bluts durch Verschlucken unbemerkt verschwinden. Scheinbar ohne Vorwarnung kann es dann zu schwallartigem Bluterbrechen und/oder einem Kreislaufzusammenbruch kommen. Eltern sollten daher mit ihren Kindern bei kleineren Blutungen zur Abklärung eine Klinik aufsuchen; bei stärken Blutungen sollten sie unverzüglich den Notarzt rufen.

 

Blutungen vorbeugen

 

Um vorzubeugen beziehungsweise schnell reagieren zu können, sollten die Patienten alles vermeiden, was zu einem Blutandrang im Kopf-/Rachenbereich führen könnte. Hierzu gehören Sport und schwere körperliche Arbeit, aber auch heiße Bäder oder Saunagänge. Eltern sollten ihre Kinder sowohl tagsüber als auch nachts im Auge behalten. Acetylsalicylsäure-haltige Schmerzmittel sind für Kinder unter 14 Jahren wegen eines möglichen Reye-Syndroms ohnehin kontraindiziert, aber auch mandeloperierte Erwachsene sollten es nicht anwenden, da es das Blutungsrisiko steigern kann.

 

»Ob eine Entfernung oder Verkleinerung der Gaumenmandeln erforderlich ist, wird heute kritischer geprüft«, fasst Windfuhr zusammen. »Oft nicht sinnvoll«, wie es die Tagepresse zuweilen darstelle, sei aber missverständlich für die Leser, betonte er. Wichtig sei vielmehr, bei jedem Patienten eine sorgfältige Anamnese zu erheben, um eine individuell begründete Opera­tionsindikation stellen zu können. /

Paradise-Kriterien

Häufigkeit der Tonsillitiden

  •  sieben oder mehr Tonsillitiden innerhalb eines Jahres
  • jährlich fünf oder mehr Tonsilli­tiden in mindestens zwei auf­einander folgenden Jahren
  • jährlich drei oder mehr Tonisilli­tiden innerhalb von drei Jahren

Zusatzkriterien, zum Beispiel

  •  Fieber über 38,3 °C
  • Vergrößerung oder Verhärtung der Halslymphknoten
  • eitrig belegte Mandeln
  • Nachweis bestimmter Bakterien

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