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Morbus Cushing

Cortisol-Bremse Pasireotid

28.06.2011
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Von Sven Siebenand / Vollmondgesicht, Stammfettsucht oder Fettpolster im Nacken: Morbus Cushing und das Cushing-Syndrom auf Basis hoher externer Cortisongaben sollte man nicht durcheinanderwerfen. Die Symptome sind aber identisch. Ein Arzneistoff, der die körpereigene Cortisolproduktion drosselt, könnte die bestehenden Therapieoptionen schon bald ergänzen.

Auffällig beim Morbus Cushing sind auch »Striae rubrae« genannte purpurrote Dehnungsstreifen, die häufig breiter als ein Zentimeter sind. Daneben neigen Betroffene zu Blutergüssen, Gesichtsrötungen und Hautverletzungen. Zudem geht die Erkrankung häufig mit entzündlichen Muskelerkrankungen und peripherer Muskelschwäche einher. Auch Depressionen, Angststörungen und Fatigue gehören zu den Symptomen. Als Erster beschrieb der US-amerikanische Neurologe und Chirurg Harvey William Cushing das nach ihm benannte Syndrom.

Häufig trifft es Frauen

 

Morbus Cushing zählt zu den seltenen Erkrankungen. Etwa 3000 Patienten leben in Deutschland. Die Anzahl der neu Erkrankten wird auf zwei Patienten pro einer Million Einwohner und Jahr geschätzt. Am häufigsten tritt Morbus Cushing zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr auf. Mehr als 70 Prozent der Betroffenen sind Frauen.

 

Ursache von Morbus Cushing ist ein ACTH (Adrenocorticotropes Hormon)-produzierender gutartiger Tumor der Hypophyse, der eine Überproduktion von Cortisol durch die Nebennieren bewirkt. Oftmals wird in diesem Zusammenhang auch der Ausdruck Hypercortisolismus verwendet. Folge der ACTH-Überproduktion ist die Ausbildung eines zentralen Cushing-Syndroms. Zudem können zahlreiche schwere Komorbiditäten mit der Erkrankung einhergehen. Dazu gehören Osteoporose, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen, Hypertonie, Infektionen, Nierensteine, Depressionen und Psychosen.

Standardtherapie bei neu diagnostizierten Patienten ist die operative Entfernung (Resektion) des zugrunde liegenden Hypophysen-Adenoms. Ist die Erkrankung nach diesem Eingriff weiterhin unkontrolliert persistent oder ist eine Operation nicht möglich, gibt es weitere Therapieoptionen, etwa Bestrahlung, beidseitige Entfernung der Nebenniere (Adrenalektomie) oder ein individueller Heilversuch mit für diese Indikation nicht zugelassenen Arzneimitteln.

 

Bald könnte es jedoch einen zugelassenen Wirkstoff geben: Denn das Unternehmen Novartis hat bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA die Zulassung von Pasireotid zur Behandlung von Morbus Cushing beantragt. Bei dieser Substanz handelt es sich um einen Somatostatin-Multirezptorliganden. Pasireotid bindet mit 40-fach höherer Affinität als bislang verfügbare Somatostatin-Analoga an den Somatostatin-Rezeptor sst5. Vor allem dieser Rezeptor wird verstärkt von den corticotrophen Zellen des Hypophysen-Adenoms produziert. Sollte eine chirurgische Resektion des Tumors nicht Erfolg versprechend oder nicht möglich sein, könnte zukünftig eine medikamentöse Therapie mit Pasireotid eine mögliche Option darstellen, die gezielt gegen die Ursache der Erkrankung wirkt: Inhibition der ACTH-Produktion und dadurch Hemmung der Cortisolbildung.

 

Nicht nur Cortisol nimmt ab

 

Grundlage für die Einreichung des Zulassungsantrages sind die Ergebnisse der Phase-III-Studie PASPORT-CUSHINGS (PASireotide clinical trial PORTfolio – CUSHING‘S disease). Im Rahmen dieser Studie verringerte Pasireotid bei der Mehrheit der Patienten die Menge des freien Cortisols im Urin (UFC, urinary-free-cortisol). Die mediane Reduktion des UFC betrug nach sechs Monaten knapp 48 Prozent für beide Gruppen (zweimal täglich 600 oder 900 μg subkutan). Einhergehend mit der Senkung des UFC verbesserten sich auch die klinischen Symptome der Patienten. So sanken Blutdruck, Cholesterinwerte und Körpergewicht.

Effektiver Lückenfüller

 

Für die seltene Erkrankung Morbus Cushing gab es bisher keine adäquate Pharmakotherapie. Die operative Entfernung von gutartigen Hypophysen-Adenomen stellt zwar die wichtigste Behandlungsform dar, führt jedoch in vielen Fällen nicht zur gewünschten Senkung der ACTH-Spiegel und damit einhergehend zur Normalisierung der Plasma-Cortisolspiegel. Mit dem neuen Wirkstoff Pasireotid steht nunmehr ein Arzneistoff vor der Zulassung, der diese therapeutische Lücke füllen könnte. Die klinischen Daten des Somatostatin-Analogons belegen zweifelsfrei, dass die zweimal tägliche Applikation des Wirkstoffes die ACTH-Produktion und somit die Cortisolbildung effektiv hemmt. Dies ist eine wirklich gute Nachricht für jene Patienten, die aufgrund einer nicht erfolgreichen konventionellen Therapie unter einer erheblichen Einschränkung ihrer Lebensqualität zu leiden haben. Nicht nur die großen Volkskrankheiten verlangen unsere Aufmerksamkeit, auch die seltenen Erkrankungen verdienen eine wirksame und verträgliche Pharmakotherapie.

 

Professor Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz

Mitglied der PZ-Chefredaktion

Insgesamt war das Verträglichkeitsprofil von Pasireotid mit dem von anderen Somatostatin-Analoga vergleichbar. Allerdings traten Überzuckerungen häufiger auf. Diese ließen sich jedoch bei früher Erkennung und geeigneter Intervention gemäß etablierter Behandlungsrichtlinien handhaben. Die am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen waren Diarrhö (58 Prozent), Nausea (47 Prozent), Hyperglykämie (39 Prozent), Cholelithiasis (30 Prozent), Bauchschmerzen (20 Prozent), Diabetes mellitus (18 Prozent), Fatigue (12 Prozent) und glykosyliertes Hämoglobin (11 Prozent). / 

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