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Wasserdesinfektion

Wie ungesund sind Schwimmbäder?

23.06.2008
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Wasserdesinfektion

Wie ungesund sind Schwimmbäder?

Von Hildegard Tischer

 

Schwimmen ist in jedem Alter der Gesundheit zuträglich. Den Vorteilen der Bewegung stehen allerdings die Nachteile der Wasserdesinfektion gegenüber. Schwimmbadbesuche werden mit einem erhöhten Risiko für Allergien und Asthma in Verbindung gebracht.

 

In der Ferienzeit drängen sich wieder jede Menge Wasserratten in den Becken der städtischen Schwimmbäder zusammen. Jede von ihnen bringt über Haarschuppen, Hautpartikel, Schweiß, Sonnencremes und Kosmetika Mikroorganismen ins Wasser, die in einer solchen Konzentration der Gesundheit der Mitbadenden nicht förderlich sind. Insbesondere UV-Schutz-Präparate verschmutzen das Wasser erheblich. Dazu kommen noch sogenannte Huminstoffe, das heißt Bodenbestandteile, die an den Füßen der Badenden kleben oder mit dem Frischwasser ins Becken gelangen. Ohne Desinfektion kommt deshalb kein öffentliches Bad aus. Das dafür eingesetzte Chlor verursacht aber nicht nur den typischen Schwimmbadgeruch, sondern reizt auch Augen und Atemwege. Trotzdem wird es verwendet, denn im Vergleich zu anderen Desinfektionsmitteln schadet es dem Menschen am wenigsten, und es ist sehr reaktionsfreudig. Es bindet sofort an Mikroorganismen, hindert sie damit an der Vermehrung und reinigt so das Wasser am schnellsten.

 

Reizende Nebenprodukte

 

Im Zuge dieser chemischen Reaktionen entstehen jedoch auch sogenannte Desinfektionsnebenprodukte. Dazu gehören Chloramine und andere Stickstoffverbindungen, Trihalogenmethane, deren bekanntester Vertreter das Chloroform ist, Halogenessigsäure und weitere Stoffe. Diese verdunsten, sodass die Badegäste sie mit der Atemluft aufnehmen.

 

Verschiedene Studien lassen den Schluss zu, dass Kinder, die häufig ins Schwimmbad gehen, ein erhöhtes Risiko für allergisches Asthma tragen. Dies stellte beispielsweise ein Team um Dr. Alfred Bernard von der Universität Brüssel in mehreren Untersuchungen fest. In einer davon konnten die Belgier beispielsweise zeigen, dass Asthmaerkrankungen mit der Schwimmbaddichte einer Region ansteigen. In einer neueren Studie wiesen sie nach, dass Babyschwimmen sowohl das Risiko für Asthma als auch für chronische Bronchitis erhöht (Pediatrics 2007, Doi: 10.1542/peds.2006-3333).

 

Diesen Zusammenhang hat eine im Mai veröffentlichte norwegische Studie jedoch nur eingeschränkt bestätigt (Acta paediatrica, Doi: 10.1111/j.1651-2227.2008.00756.x). Hier traten lediglich bei Kindern, deren Mutter unter Asthma oder einer Allergie litt, durch Babyschwimmen etwas häufiger Atemwegserkrankungen auf als bei unbelasteten Kindern. Und sogar in dieser Gruppe mit Vorrisiko fiel der Effekt sehr gering aus. Unter allen Kindern mit entsprechender Veranlagung litten die Babyschwimmer zu 47 Prozent an Atemwegsproblemen und die anderen zu 44 Prozent. »Der Unterschied von 3 Prozent ist nicht groß«, kommentiert Dr. Ulrich Fegeler, Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), das Ergebnis.

 

Dennoch rät er diesen Müttern, mit ihrem Kind nicht allzu früh zum Schwimmen zu gehen. »Chlorierte Bäder können möglicherweise das noch nicht voll entwickelte Lungengewebe angreifen und zu vermehrten Atemwegsinfekten führen.« Wichtige Entwicklungsvorteile hätten Kinder durch das Babyschwimmen ohnehin nicht, gibt Fegeler zu bedenken. Denn in diesem Alter könnten Kinder noch nicht schwimmen lernen, solche Kurse dienten hauptsächlich dem Spaß.

 

Keinen Grund, Kleinkinder vom Schwimmbad fernzuhalten, sieht dagegen Dr. Andreas Hellmann, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Pneumologen und ehemaliger Leistungsschwimmer. »Sicher kann Chlor das Risiko für Asthma, allergische Rhinitis oder andere Atemwegserkrankungen erhöhen beziehungsweise bereits vorliegendes Asthma verstärken«, sagt er. Das gelte aber für jeden anderen Schadstoff in der Luft, der die Schleimhaut reizt. Er schließt andererseits nicht aus, dass die chronische Rhinitis, unter der Leistungsschwimmer leiden, mit der Chlorbelastung zusammenhängt.

 

Der Zusammenhang zwischen Chlor, Desinfektionsnebenprodukten und Atemwegserkrankungen scheint also keineswegs klar zu sein. Auch die Studien widersprechen sich teilweise. Ausländische Studien lassen sich in diesem Fall von vornherein schwer mit deutschen vergleichen, weil die Grenzwerte für Chlor hierzulande um bis das Zehnfache unter dem anderer Länder liegen. Doch sogar ein- und dieselbe Forschergruppe kam zu unterschiedlichen Ergebnissen: Das Helmholtz-Institut in München wies nach, dass Erwachsene zwischen 35 und 74 Jahren, die in ihrer Kindheit und Jugend häufig im Schwimmbad waren, vermehrt unter Heuschnupfen leiden. In einer weiteren Studie untersuchten die Forscher um Joachim Heinrich den Zusammenhang zwischen Babyschwimmen, Asthma und allergischer Rhinitis bei Kindern von sechs Jahren - und fanden keinen.

 

Vorteile überwiegen die Nachteile

 

»Das Allergierisiko ist insgesamt gestiegen. Welchen Anteil Bäder daran haben, ist ungeklärt«, stellt Hellmann fest. Wegen des Risikos für Atemwegsinfektionen oder einer Allergie aufs Schwimmen zu verzichten, hält er für völlig falsch: »Die Vorteile überwiegen die Nachteile bei Weitem.« Gerade für Asthmatiker sei Schwimmen die ideale Sportart. Man könne zwar auf Baggerseen oder Flüsse ausweichen, aber damit tausche man lediglich ein Risiko gegen ein anderes aus. In Naturgewässern befänden sich unter Umständen viel mehr Bakterien.

 

Wichtig sei, das Chlor so minimal wie möglich zu dosieren, was sich aber als schwierig erweisen könne, weil sich mal mehr und mal weniger Badegäste im Becken tummeln und die Wasserverschmutzung dementsprechend schwankt. Einigkeit scheint in einem Punkt zu herrschen: Die Wasserratten selbst können zur Chlorreduzierung indirekt beitragen, indem sie sich vor dem Sprung ins Becken gründlich abduschen, möglichst mit Seife, damit auch Sonnenschutzmittel abgehen. Das gilt auch für private Pools.

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