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Harninkontinenz

Leiden im Stillen

25.06.2007
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Harninkontinenz

Leiden im Stillen

Von Brigitte Glöwing

 

Früher als Frauenleiden abgetan ist Harninkontinenz heute als Erkrankung mit erheblichem Leidensdruck anerkannt. Dennoch ist sie immer noch ein Tabuthema. Nur wenige Betroffene suchen Hilfe, obwohl effektive Therapien existieren.

 

Wenn erwachsene Menschen inkontinent werden, verändert das ihr gesamtes Leben: Aus Scham ziehen sich viele Betroffene zurück. Die Gedanken kreisen um die ständige Angst, in einem unpassenden Augenblick Urin zu verlieren. Sie treiben keinen Sport mehr, meiden öffentliche Verkehrsmittel oder trauen sich nicht mehr unter Menschen. Isolation, geistiger und körperlicher Abbau sind die Folge. Dabei sind sie mit ihrem Problem nicht allein. Mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Harn- und Stuhlinkontinenz. Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft schätzt, dass die Dunkelziffer noch einmal genauso hoch liegt. Der von der Gesellschaft initiierte bundesweite Kontinenz-Tag soll die verdrängte Volkskrankheit enttabuisieren. Am 30. Juni werden in den 16 Landeshauptstädten Patientenforen zum Thema stattfinden.

 

Dauerkatheter statt Diagnose

 

»Für viele Ältere bedeutet Inkontinenz eine Einbahnstraße aus dem Leben«, so drastisch formuliert Professor Dr. Ingo Füsgen, Direktor des Zentrums für Geriatrie in Wuppertal, die Folgen der Krankheit. Wenn pflegebedürftige ältere Menschen Blase oder Darm nicht mehr kontrollieren können, sind Angehörige schnell überfordert. Inkontinenz ist nachweislich der häufigste Einweisungsgrund in ein Pflegeheim. Nach Untersuchungen von Füsgen, sind in Altenpflegeheimen etwa 70 Prozent der Bewohner harninkontinent und etwa 40 Prozent stuhlinkontinent.

 

Doch professionelle Pflegekräfte sind ebenso überfordert wie Angehörige. Für ein Miktionstraining (Training der geregelten Blasenentleerung), was zum Beispiel Patienten mit einer Dranginkontinenz helfen würde, fehlt die Zeit. Vorraussetzung für ein solches Training wäre jedoch auch eine ärztliche Diagnose, die fast immer fehlt. Statt einer sauberen Diagnose erhalten die Patienten Dauerkatheter und Windeln. Nach Schätzungen des Geriatrikers Füsgen entstehen durch Inkontinenzerkrankungen Kosten von über 2 Milliarden Euro jährlich. Dr. Ralf Tunn vom Deutschen Beckenbodenzentrum in Berlin fordert deshalb eine verbesserte Inkontinenzdiagnostik und -therapie in Altenpflegeheimen. Dies könnte die Lebensqualität der Patienten entscheidend verbessern und gleichzeitig Pflegekosten sparen.

 

Doch Harninkontinenz ist nicht nur ein Problem der Alten. Das Leiden zieht sich durch alle Altersgruppen. Nach einer Umfrage der Women's Health Coalition bei Frauen zwischen 25 und 39 Jahren weltweit gaben 11 Prozent der Frauen an, unter Blasenschwäche zu leiden. Aber auch Männer bleiben von dieser Erkrankung nicht verschont.

 

Gemeinsam ist allen: Sie leiden meist still. Nur sehr wenige suchen wegen ihrer Beschwerden einen Arzt auf. Sehr viele Betroffene nehmen die Inkontinenz als Schicksalsschlag hin und richten ihr Leben darauf ein. Es vergehen oft Jahre, bis sich Patienten mit einer schweren Inkontinenz an einen Arzt wenden. »Hausärzte oder Gynäkologen sollten ihre Patienten auf eine mögliche Inkontinenz aktiv ansprechen«, sagt Tunn. Doch die Ärzte befinden sich in einem Dilemma. Einerseits kennen sie den Leidensdruck der Patienten, andererseits sind moderne Diagnoseverfahren und Medikamente teuer und Ärzte budgetiert. »Hier ist es wichtig, dass zum Beispiel Ärzte und Apotheker miteinander kommunizieren«, sagt Tunn.

 

Apotheker können Ärzten Hinweise geben, welche Präparate preiswerter als andere sind. Sie können auch zur Aufklärung in puncto Blasenschwäche beitragen. Denn Patienten kaufen oft über Jahre hinweg Inkontinenzvorlagen in der Apotheke, ohne jemals einen Arzt wegen ihres Leidens konsultiert zu haben. Da ist der Apotheker der Ansprechpartner Nummer eins. Haben Erkrankte sich jedoch einmal entschlossen, gegen ihre Blasenschwäche vorzugehen, finden sie vielfältige Informationen. Deutschlandweit gibt es 250 ärztliche Beratungsstellen für Inkontinenz und elf interdisziplinär arbeitende Kontinenz-Zentren.

 

Erschlaffende Muskulatur

 

»Die Ursachen einer Blasenschwäche sind sehr vielschichtig«, erklärt Tunn. In seiner Sprechstunde sieht der Urogynäkologe hauptsächlich zwei Formen: Die Belastungsinkontinenz, die früher Stressinkontinenz genannt wurde, und die Dranginkontinenz. Bei der Belastungsinkontinenz kommt es zu ungewolltem Harnabgang bei Druckerhöhung auf die Blase, beispielsweise durch Niesen, Husten, Lachen, schnelles Laufen oder Treppensteigen. Die Erschlaffung der Muskulatur des Beckenbodens und des Bindegewebes sind die wesentlichen Ursachen. Diese Form der Inkontinenz ist besonders unter Frauen weit verbreitet. Aber auch bei Männern kann zum Beispiel eine Prostata-Operation zu einer Belastungsinkontinenz führen. Ursache dafür kann eine Verletzung des Schließmuskels sein.

 

Bei der Dranginkontinenz werden die Betroffenen von einem starken Harndrang so plötzlich überfallen, dass sie auch den kürzesten Weg zur Toilette nicht mehr schaffen, obwohl die Blase noch nicht voll ist. Diese Art der Inkontinenz tritt mit zunehmendem Alter häufiger auf. Die wichtigste Ursache hierfür ist eine hyperaktive Blasenmuskulatur. Der Muskel, der eigentlich entspannt sein muss, damit sich die Blase ausdehnen kann, kontrahiert sich, obwohl die Blase nur wenig Urin gespeichert hat. Diese Störung kann neurologisch oder muskulär bedingt sein und tritt auch häufig als Komplikation bei einer Demenzerkrankung auf. Eine Dranginkontinenz ist hervorragend behandelbar.

 

Hightech für den Beckenboden

 

Das Beckenbodentraining ist besonders bei der Belastungsinkontinenz ein wichtiges Instrument auf dem Weg zur Blasenkontrolle. Eigentlich ist der Beckenboden ein Provisorium der Evolution. Denn bei den Vierbeinern haben die Muskeln, die den Beckenausgang verschließen, vor allem die Aufgabe, den Schwanz zu bewegen. Bei den Tieren wird das Gewicht der Organe von den großen Bauchmuskeln getragen. Als der Mensch den aufrechten Gang erfand, mussten die schwanzbewegenden Muskeln plötzlich das gesamte Gewicht der Beckenorgane tragen. Schwächelt der Beckenboden, können sich die Beckenorgane senken, und der akkurate Verschluss von Harnröhre und Enddarm leidet spürbar.

 

»Der Beckenboden ist genetisch sehr unterschiedlich ausgebildet«, berichtet Tunn. Das Volumen der Muskulatur kann anatomisch von Mensch zu Mensch um das Zwei- bis Dreifache schwanken. Das erklärt auch zum Teil, warum schon junge Frauen, die noch kein Kind geboren haben, unter einer Beckenbodenschwäche leiden können. Außerdem haben laut Tunn 30 Prozent aller jungen Frauen gar kein Gefühl für den Beckenboden, sie haben nie gelernt, die Muskeln anzuspannen.

 

Bei einem Beckenbodentraining werden die einzelnen Muskeln durch gezielte Anspannung gestärkt. Dafür muss zunächst ein Grundbewusstsein für diese Muskelgruppe entwickelt werden. Dabei können moderne Methoden wie Elektrostimulation oder Biofeedbackverfahren helfen. Bei der Elektrostimulation werden die Muskeln des Beckenbodens und des Blasenschließmuskels durch schwachen elektrischen Strom zur Kontraktion angeregt. Dabei wird eine Sonde in die Scheide oder in den After eingeführt. Bei dem Biofeedbackverfahren wird die Anspannung der Beckenbodenmuskulatur mit einer Elektrode gemessen, und der Patient erhält dann eine akustische oder optische Rückmeldung, ob der Anspannungsversuch erfolgreich war.

 

»Beckenbodentraining ist auch immer eine ganzheitliche Therapie, der Körper denkt nicht in Muskeln, sondern in Bewegung«, sagt Tunn. Die Patienten erlernen, wie sie im Alltag, beim Heben, beim Autofahren oder Treppensteigen den Beckenboden schonen können. Speziell ausgebildete Physiotherapeuten, die mit Urologen, Gynäkologen oder einem der Kontinenz-Zentren zusammenarbeiten, können hier gezielt helfen.

 

Bewährte Hilfsmittel

 

Tunn und seine Kollegen vom Deutschen Beckenbodenzentrum in Berlin verordnen ihren Patienten häufig Pessare oder medizinische Tampons. Die Tampons sollen keinen Urin aufsaugen, sondern von der Scheide aus sanften Druck auf die Harnröhre ausüben und sie dabei abdichten. Pessare sollen die Lage von Gebärmutter und Blase mechanisch stabilisieren. Die elastischen Ringe, die in die Scheide eingeführt werden und vor dem Muttermund liegen, werden für jede Frau individuell angepasst. »Viele Patienten sind mit diesen Hilfsmitteln komplett trocken«, sagt Tunn.

 

Als Hilfsmittel beim Beckenbodentraining können Vaginalkonen eingesetzt werden. Das sind kleine Gewichte, die in die Scheide eingeführt werden. Ein Set besteht aus fünf Konen von einem Gewicht zwischen 20 und 70 Gramm. Die Frauen sollen die Gewichte in der Scheide festhalten und so ihre Beckenbodenmuskulatur trainieren.

 

Moderne Medikamente

 

Seit etwa drei Jahren gibt es mit dem Wirkstoff Duloxetin (Yentreve®) ein Medikament zur Behandlung der Belastungsinkontinenz. Die Substanz ist ein Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Ursprünglich wurde Duloxetin als Antidepressivum entwickelt. Der Wirkstoff erhöht die Konzentration der Neurotransmitter und verbessert so die neuronale Aktivität und die Kontraktionsfähigkeit des Schließmuskels. Als Nebenwirkungen können Übelkeit und Kreislaufbeschwerden auftreten.

 

»Wenn die Patienten jedoch vernünftig über das Medikament aufgeklärt werden und einschleichend dosiert wird, brechen nur ungefähr 7 Prozent die Therapie ab«, erläutert Tunn. Er empfiehlt, Duloxetin mindestens ein Jahr lang zu geben. »Wenn der Patient neben dem Medikament eine Beckenbodenphysiotherapie erfährt, kann man versuchen, das Medikament schon nach einem halben Jahr abzusetzen«, so Tunn.

 

Zur Behandlung der Dranginkontinenz haben sich seit vielen Jahren die Anticholinergika bewährt, die den parasympathisch gesteigerten Tonus der Blasenmuskulatur senken und somit die Kontraktionsfähigkeit der Blasenmuskulatur hemmen. Viele Anticholinergika existieren mittlerweile als Retard-Präparate. Sie müssen von den Patienten nur noch einmal am Tag eingenommen werden. Die Nebenwirkungen dieser Präparate wie Mundtrockenheit, schneller und unregelmäßiger Pulsschlag, Magenbeschwerden, Obstipation und Beeinträchtigung des Nahsehens sind bei den Retard-Präparaten deutlich schwächer ausgeprägt.

 

Ein Präparat mit dem Wirkstoff Oxybutynin (Kentera®) kann als Pflaster appliziert werden. Da hier die präsystemische Verstoffwechselung fehlt und die Konzentration des für die Nebenwirkungen verantwortlichen Metaboliten deutlich geringer ausfällt als bei peroraler Applikation, kommt es zu weniger unerwünschten Arzneimittelwirkungen.

 

Minimal-invasive Chirurgie

 

Seit mittlerweile zwölf Jahren sind sogenannte »Tension-free Vaginal Tape«-Operation (TVT-Operationen) etabliert. Hierbei legt der Operateur eine Kunststoffschlinge locker um die Harnröhre und zieht beide Enden in die Bauchdecke, wo sie mit dem Gewebe verwachsen. Die Kunststoffschlinge unterstützt die Harnröhre bei Druckerhöhung im Bauchraum und verhindert, dass sie sich absenkt und dabei Urin austritt. Der Eingriff kann meist in Lokalanästhesie erfolgen und dauert nicht länger als 20 bis 30 Minuten. »Diese Bändchenoperation hat langfristige Heilungsergebnisse um 80 Prozent«, erläutert Tunn. »Dass wir über einen so langen Zeitraum Patienten so erfolgreich behandeln können, ist für uns eine neue Situation.«

 

Als Alternative steht den Patienten noch die herkömmliche Operation, die sogenannte Kolposuspension, zur Verfügung. Dabei wird die Vorderwand der Scheide mit Kunststofffäden hinter dem Schambein neu befestigt. Dadurch kommen Harnröhre und Blase wieder in ihre ursprüngliche Position. Beiden Methoden sind ein sehr kurzer stationärer Aufenthalt von ein bis drei Tagen und eine kurze Regenerationsphase von vier Wochen gemein.

 

Auch für junge Frauen mit Kinderwunsch kommt eine Operation infrage. Dabei ist zu empfehlen, das Kind bei erneuter Schwangerschaft per Kaiserschnitt zu holen. Eine Spontangeburt birgt das Risiko, dass das Bändchen verrutscht und die Patientin nachher wieder inkontinent ist.

 

»Bevor wir operieren, sollte aber die konservative Therapie ausgeschöpft sein«, sagt Tunn. Auch nach einer Operationen ist ein Beckenbodentraining wichtig. Denn durch eine Operation werden ausschließlich Bindegewebsstrukturen stabilisiert. Das Beckenbodentraining soll die Muskulatur zusätzlich stärken.

Kontinenz-Tag

Aktuelle Informationen zum ersten Deutschen Kontinenz-Tag am 30. Juni sind auf der Website der Gesellschaft unter www.kontinenz-gesellschaft.de oder bei der Informations-Hotline unter (0 18 05) 23 34 40 (12 Cent pro Minute, Montag bis Freitag von 15 bis 20 Uhr) abrufbar.

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