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Talcid-Studie

Antazidum bringt rasche Linderung bei Sodbrennen

25.06.2007
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Talcid-Studie

Antazidum bringt rasche Linderung bei Sodbrennen

Von Jan W. Konturek und Ulrike Weingärtner

 

Das Antazidum Hydrotalcit lindert Sodbrennen signifikant rascher als der H2-Blocker Famotidin. In den ersten 45 Minuten nach der Einnahme ist das Antazidum dem H2-Blocker eindeutig überlegen, wie eine offene randomisierte Vergleichsstudie dokumentiert.

 

Sodbrennen ist ein in der Bevölkerung sehr weit verbreitetes Symptom. Es ist häufig assoziiert mit weiteren Beschwerden einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD, gastroesophageal reflux disease) wie saurem Aufstoßen und epigastrischen Schmerzen. Sodbrennen als Symptom wird von 18 bis 60 Prozent der Bevölkerung angegeben, wobei die Prävalenz je nach Nation unterschiedlich ist. Sie ist allgemein hoch in den Ländern der westlichen Welt und es besteht eine Assoziation mit Übergewicht und Adipositas (1).

 

Schnelle Wirkung als Erfolgskriterium

 

Obwohl Sodbrennen mit einer nachhaltigen Beeinträchtigung der Lebensqualität einhergeht, konsultieren nur rund 50 Prozent der Betroffenen ihren Arzt wegen der Beschwerden. Die Mehrzahl der Patienten behandelt Sodbrennen vielmehr durch frei verkäufliche Medikamente und zwar in erster Linie durch Antazida wie Hydrotalcit oder durch niedrig dosierte H2-Rezeptorenblocker wie Famotidin.

 

Antazida wie auch H2-Blocker sind in der Behandlung der GERD-assoziierten Symptome gut etabliert und haben sich als wirksame und sichere Medikation erwiesen (2,3). Sie werden üblicherweise nicht kontinuierlich eingenommen, sondern als Bedarfsmedikation, das heißt beim Auftreten von Beschwerden. Die betroffenen Patienten erwarten speziell in dieser Situation eine rasche Linderung ihrer Beschwerden und damit einen raschen Wirkeintritt des gewählten Arzneimittels.

 

Vergleich Hydrotalcit und Famotidin

 

Der rasche Wirkeintritt ist in der Selbstmedikation ein entscheidender Therapievorteil der Antazida gegenüber H2-Blockern. Dies belegt unter anderem eine aktuelle Vergleichsstudie der beiden Wirkstoffe Hydrotalcit und Famotidin. In dieser offenen, randomisierten Studie (4) wurden 53 Helicobacter-negative Patienten mit endoskopisch diagnostizierter GERD Grad 0 bis 1 und mäßigem bis starkem Sodbrennen an mehr als vier Tagen in der Woche eingeschlossen. Die Patienten waren zwischen 20 und 75 Jahre alt und hinsichtlich der demografischen Daten in beiden Gruppen gleich verteilt (Tabelle 1). Auch bei der Schwere der Symptomatik und der Begleitsymptome bestand zwischen den beiden Untersuchungsgruppen kein relevanter Unterschied (Tabelle 2).

Tabelle 1: Demografie der Studienteilnehmer

Hydrotalcit Famotidin
Patienten n = 26 n = 27
Männer 12 (46%) 16 (59%)
Frauen 14 (54%) 11 (41%)
Alter (Jahre*) 36,1 ± 13,8 38,8 ± 17,4
Gewicht (kg*) 71,5 ± 12,7 72,1 ± 11,6
Körpergröße (cm*) 170,3 ± 10,0 172,3 ± 8,8
Body Mass Index (kg/m2 *) 24,5 ± 2,9 24,2 ± 2,2

* Mittelwert ± Standardabweichung

Die Schwere des Sodbrennens sowie der assoziierten Symptome wurden durch die Studienteilnehmer anhand einer vierstufigen Skala (kein, leichtes, mäßiges und starkes Sodbrennen) bewertet. Als »leicht« wurden dabei Beschwerden klassifiziert, die die normalen täglichen Aktivitäten weiter zuließen, als »mäßig« Symptome, die Alltagsaktivitäten beeinträchtigten und als »stark« wurden Beschwerden definiert, die das Einstellen der normalen Tätigkeit und gegebenenfalls sogar Bettruhe notwendig machten.

Tabelle 2: Anamnese/Untersuchung

Hydrotalcit (n = 26) Famotidin (n = 27)
Intensität Sodbrennen mäßig oder stark ja 26 (100%) 27 (100%)
Begleitsymptome: n
- saures Aufstoßen|ja|25 (96,2%)|27 (100%)
- epigastrische Schmerzen|ja|19 (73,1%)|22 (81,5%)
- Sonstige*|ja|3 (11,5%)|7 (25,9%)
Läsionen in der Speiseröhre |Grad 0|17 (65,4%)|13 (48,1%)
|Grad 1|9 (34,6%)|14 (51,9%)
Läsionen im Zwölffingerdarm|nein|26 (100%)|27 (100%)
Hiatus-Hernie|nein|4 (15,5%)|5 (18,5%)
|ja|22 (84,6%)|22 (81,5%)

* Mehrfachnennungen möglich

Die Patienten wurden randomisiert mit einer Einmalgabe von 1000 mg Hydrotalcit (Talcid® forte Kautablette) oder mit einer Tablette mit 10 mg Famotidin (Pepcid® akut) behandelt. Beim Auftreten einer Sodbrennen-Attacke nahmen 26 Patienten Hydrotalcit und 27 Patienten Famotidin ein. Eine wiederholte Medikamenteneinnahme während der Sodbrennen-Episode war nicht erlaubt, ebenso wenig eine begleitende Behandlung mit einem anderen Wirkstoff gegen GERD. Die Patienten waren gehalten, die Schwere der Symptomatik während der Reflux-Episode anhand des Ratings-Scores vor Einnahme der Medikation und bis zu vier Stunden danach nach einem vorgegebenen Zeitschema in einem Tagebuch zu dokumentieren und zwar 5, 10, 15, 20, 25, 30, 45, 60 sowie 120, 180 und 240 Minuten nach der Einnahme.

 

Primäres Prüfkriterium war die Geschwindigkeit des Wirkeintritts. Zur Erfassung des Wirkeintritts wurde zu jedem Prüfzeitpunkt der Anteil der Therapieresponder ermittelt, der definiert war als Rückgang der Symptomatik um mindestens zwei Punkte der vierstufigen Bewertungs-Skala. Ein zweites Prüfkriterium war die Wirkdauer.

 

Das mittlere Alter der Probanden in beiden Studienarmen war mit 36 (Hydrotalcit) respektive 39 Jahren (Famotidin) in etwa gleich, wobei in der Hydrotalcit-Gruppe etwas mehr Frauen als Männer eingeschlossen waren. Die meisten Patienten waren normgewichtig, der maximale Body-Mass-Index (BMI) lag bei 30 kg/m2.

 

Bei Studienbeginn gaben 70 Prozent der Patienten an, unter »schwerem Sodbrennen« zu leiden. Die Mehrzahl der Patienten entwickelte vor allem tagsüber Beschwerden, 40 Prozent gaben das Symptom postprandial an. Nur ein Patient klagte über nächtliches Sodbrennen. Bei den Begleitsymptomen standen saures Aufstoßen und epigastrische Schmerzen im Vordergrund. Mehr als 50 Prozent der Patienten wiesen endoskopisch gesichert keine oesophageale Läsionen auf, duodenale Läsionen wurden in keinem Fall gesehen. Helicobacter-pylori-Infektionen lagen ebenfalls nicht vor. 75 Prozent der Patienten hatten Vorerfahrungen mit einem Antazidum, 70 Prozent hatten bereits früher einen H2-Blocker eingenommen. 42 Prozent der Patienten waren bereits mit einem Protonenpumpenhemmer behandelt worden.

 

Raschere Besserung unter Antazidum

 

Betrachtet man den Studienzeitraum bis zwei Stunden nach der Einnahme, so zeigte sich bei den beiden Prüfpräparaten eine ebenbürtige klinische Wirksamkeit. Nach drei Stunden wiesen beide Präparate eine Responderrate von mehr als 90 Prozent auf.

 

Deutliche Unterschiede waren aber hinsichtlich der Geschwindigkeit der Symptomlinderung festzustellen, wobei Hydrotalcit signifikant besser abschnitt als Famotidin. Speziell in den ersten 45 Minuten, beginnend zehn Minuten nach der Tabletteneinnahme, stieg die Ansprechrate unter dem Antazidum statistisch eindeutig (p=0,001) rascher an als unter dem H2-Blocker, was einen eindeutig schnelleren Wirkeintritt signalisiert.

 

So gaben bereits fünf Minuten nach der Einnahme 11,5 Prozent und nach zehn Minuten 42,3 Prozent der Patienten unter Hydrotalcit eine Besserung des Sodbrennens um mindestens zwei Score-Punkte an, während die Responderrate beim Famotidin zu beiden Zeitpunkten noch bei null Prozent lag. 15 Minuten nach Studienbeginn war sie beim Antazidum auf

 

60 Prozent angestiegen, unter Famotidin reagierten inzwischen 3,8 Prozent eindeutig positiv auf die Medikation. Auch nach 30 und 45 Minuten war eine klare Überlegenheit des Antazidums mit 87,5 versus 34,6 und 91,3 versus 40 Prozent zu registrieren, ehe die beiden Prüfmedikationen anschließend in ihrer klinischen Wirksamkeit nach und nach gleichzogen.

 

Begleitsymptome klingen rascher ab

 

Ein ähnliches Bild ergab sich bei den Begleitsymptomen, die sich ebenfalls deutlich rascher unter Hydrotalcit zurück bildeten als unter Famotidin (Tabelle 3).

Tabelle 3: Begleitsymptome vor und bis 240 Minuten nach Einnahme

Hydrotalcit Famotidin
saures
Aufstoßen
epigastrische
Schmerzen
Sonstiges saures
Aufstoßen
epigastrische
Schmerzen
Sonstiges
Zeit % * (N) % * (N) % * (N) % * (N) % * (N) % * (N)
vorher 96,2% (25) 57,7% (15) 3,8% (1) 88,9% (24) 76,9% (20) 11,1% (3)
5 65,4% (17) 61,5% (16) 3,8% (1) 88,9% (24) 74,1% (20) 7,4% (2)
10 23,1% (6) 42,3% (11) 3,8% (1) 77,8% (21) 76,9% (20) 3,7% (1)
15 16,0% (4) 20,0% (5) 4,0% (1) 69,2% (18) 69,2% (18) 3,8% (1)
20 15,4% (4) 15,4% (4) 3,8% (1) 57,7% (15) 69,2% (18) 7,4% (15)
25 7,7% (2) 11,5% (3) 3,8% (1) 33,3% (9) 55,6% (15) 7,4% (2)
30 0,0% (0) 8,3% (2) 4,2% (1) 26,9% (7) 53,8% (14) 3,8% (1)
45 0,0% (0) 0,0% (0) 4,3% (1) 12% (3) 40% (10) 4% (1)
60 0,0% (0) 0,0% (0) 0,0% (0) 4% (1) 32% (8) 8% (2)
120 0,0% (0) 0,0% (0) 0,0% (0) 0% (0) 12% (3) 8% (2)
180 15,0% (3) 0,0% (0) 4,5% (1) 4% (1) 4% (1) 8% (2)
240 18,2% (4) 0,0% (0) 0,0% (0) 4% (1) 4% (1) 4% (1)

* Prozentzahlen beziehen sich auf die tatsächliche Zahl der Beobachtungen

So klagten zu Studienbeginn in der Famotidin-Gruppe 88,9 Prozent der Patienten über saures Aufstoßen. Der Anteil hatte sich nach fünf Minuten nicht geändert und sank anschließend langsam ab auf 77,8 Prozent nach 10 und auf 69,2 Prozent nach 15 Minuten. 45 Minuten nach der Tabletteneinnahme litten noch 12 Prozent der Patienten der Famotidin-Gruppe unter saurem Aufstoßen.

 

Deutlich schneller ging es den Patienten in der Antazidum-Gruppe auch bei den Begleitsymptomen wieder besser: Initial klagten 96,2 Prozent neben dem Sodbrennen über saures Aufstoßen. Der Anteil fiel innerhalb von nur fünf Minuten auf 65,4 Prozent und innerhalb von zehn Minuten auf 23,1 Prozent ab. 15 Minuten nach der Medikamenteneinnahme gaben nur noch 16,0 Prozent der Patienten saures Aufstoßen als Begleitsymptom an. Bereits nach 30 Minuten waren alle Patienten frei von saurem Aufstoßen.

 

Eine vergleichbare Entwicklung zeigte sich bei den epigastrischen Schmerzen, die anfangs 76,9 Prozent der Patienten in der Famotidin-Gruppe angaben. Noch nach zehn Minuten war dieser Anteil unverändert, nach 15 Minuten fiel er langsam auf 69,2 Prozent und nach 45 Minuten schließlich auf 40 Prozent ab. In der Antazida-Gruppe gaben initial mit 57,7 Prozent etwas weniger Patienten epigastrische Schmerzen an, wobei der Anteil zehn Minuten nach der Tablettengabe bereits auf 42,3 Prozent gesunken war und rasch weiter abnahm. Nach 15 Minuten hatten nur noch 20,0 Prozent der Patienten Schmerzen und nach 45 Minuten waren alle Studienteilnehmer, die ein Antazidum eingenommen hatten, schmerzfrei.

 

Die Daten belegen einen statistisch eindeutig rascheren Wirkeintritt des Antazidums bei Sodbrennen und auch eine im Trend raschere Linderung der Begleitsymptome. Hydrotalcit erwies sich damit in den ersten 10 bis 45 Minuten nach der Medikamenteneinnahme dem Famotidin als klinisch überlegen. Im Zeitraum von 60 bis 120 Minuten nach der Einnahme, zeigten beide Präparate eine vergleichbare klinische Wirksamkeit, wobei nach drei Stunden für Hydrotalcit eine Responderrate von 90,9 Prozent berichtet wurde und für Famotidin von 92,0 Prozent. Vier Stunden nach der Medikamenteneinnahme waren noch 86,4 Prozent der Patienten unter dem Antazidum und 96,0 Prozent unter dem H2-Blocker in ihrer Symptomatik deutlich gebessert. Nebenwirkungen wurden keine berichtet, die Verträglichkeit beider Arzneimittel war gut.

 

Schlussfolgerung

 

Die in der Vergleichsstudie erhobenen Daten belegen eine gute klinische Wirksamkeit von Hydrotalcit mit rascher Symptomlinderung. Die Daten sind von besonderer Relevanz, da sie unter Alltagsbedingungen erhoben wurden. Hinzu kommt, dass die Wirksamkeit der Medikation anhand der Symptomatik und nicht anhand gastrooesophagealer Läsionen beurteilt wurde. Das ist insofern bedeutsam, als Symptome von GERD sehr viel weiter verbreitet sind als endoskopische Läsionen im Rahmen einer Ösophagitis. Weniger als 50 Prozent der Patienten mit Sodbrennen weisen Schleimhautläsionen oder Ulzera auf (5).

 

Bei diesen Patienten wird üblicherweise von einer endoskopisch-negativen Refluxkrankheit, einer ENRD (endoscopic negative reflux disease) ausgegangen, welche mit einem Anteil von bis zu 70 Prozent die häufigste Form der GERD darstellt. Unklar ist bislang jedoch, ob es sich bei ENRD tatsächlich um eine spezielle Form der GERD oder nicht möglicherweise doch um eine eigene Krankheitsentität handelt.

 

Unabhängig davon können die mit ENRD respektive mit milden Formen von GERD verbundenen Beschwerden und speziell das Leitsymptom Sodbrennen sowohl durch Antazida wie auch durch H2-Blocker, zwei Medikationen mit grundsätzlich unterschiedlichem pharmakologischem Wirkansatz, gebessert werden. Die gute klinische Wirksamkeit von Antazida bei Sodbrennen wie auch bei Begleitsymptomen wie saurem Aufstoßen war bereits in früheren Studien dokumentiert worden (6), nur wenige Daten wurden aber bislang zur Geschwindigkeit des Wirkeintritts erhoben. Dabei hatte eine Vergleichsstudie eines Antazidums mit niedrig dosiertem Ranitidin bereits einen deutlich rascheren Wirkeintritt unter dem Antazidum angedeutet (7).

 

Die vorliegende Studie bekräftigt, dass Antazida Beschwerden, wie sie typischerweise im Rahmen einer milden gastrooesophagealen Refluxerkrankung auftreten, deutlich rascher lindern als niedrig dosierte H2-Rezeptorblocker.

Literatur

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Diaz-Rubin et al.:Aliment Pharmacol Ther, 2004; 19 (1): 95-105

Penston et al.: Aliment Pharmacol Ther, 1996; 10 (1): 83-89

Bolin et al.: J Gastroenterol Hepatol, 2000; 15 (1): 35-39

Konturek et al.: Med Sci Monit, 2007: 13 (1); CR44-49

Tack et al.: Aliment Pharmacol Ther, 2004; 19 (Suppl 1); 28-34

Weberg et al.: Scand J. Gastroenterol 1989; 24 (4): 401-406

Faaij et al.: Aliment Pharmacol Ther, 1999; (12): 1605-1610

 

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